Andreas Scheffler: Nostalgie
In alten Briefen rumzublättern,
von Eltern, Brüdern, Tanten, Vettern,
von Freunden aus Studententagen,
die breit den Lauf der Welt beklagen.
Voll Lyrik ihrer Worte Klang -
es war die Zeit des Sturm und Drang.
Ganz hinten mit der roten Schleife
die Post der Freundin, dieser Pfeife,
der alten Liebe, fast vergessen.
Zu Recht - sie lebt mit Klaus in Essen.
»Ißt du auch kräftig?« fragt die Mutter,
»nimm mal statt Margarine Butter!«
Der Bruder warnt vor zuviel Rotwein,
sonst würd die Leber bald in Not sein.
Ein Freund klagt über Depressionen,
wie könnt ich nur Parterre wohnen!
Ein Mensch, heut sind wir spinnefeind,
schreibt, daß er zu Besuch erscheint.
Ich weiß es noch: Er blieb drei Wochen
und war ein arroganter Knochen.
Und meinen Kühlschrank friß er leer.
Das ist zum Glück schon lange her.
Und dort macht jemand mir Avancen,
ich hätte mächtig bei ihr Chancen,
sie würde mir bei allem beistehn.
Es ging doch nicht - sie war erst dreizehn.
Und wieder schreibt die Mutter mir:
»Trinkst du womöglich zuviel Bier?«
Und: »Rauchen schadet deiner Lunge.«
Und: »Ißt du auch anständig, Junge?«
Ich blätter hier, ich lese da,
nichts ist mehr so, wie es mal war.
So ist das mit den alten Briefen,
die muffig in der Lade miefen.
Sie türmen sich und machen Dreck,
und trotzdem schmeißt man sie nicht weg.
Und immer stell ich mir die Frage,
was ich zurückgeschrieben habe.