Hans Duschke: Der Kaugummi (2)
Bei Bravo herrschte buntes Treiben, der wöchentliche Redaktionsschluß stand bevor. Junge Menschen in avantgardefarbener Kleidung, die sanft ihre sportlich-modernen Körper umschmeichelte, tobten fröhlich umher. Einige hatten baseballcaps in der Art des Marc-Kevin Goellner verkehrt herum aufgesetzt. Am Ende des Großraumbüros konnte ich hinter einer Glaswand den für mich zuständigen Redakteur erblicken. Er telefonierte.
Es war wie immer, wenn ich die Räume der Kreativen betrat: Ich wurde sogleich schwungvoll und gutgelaunt, Berufsleben und Depression hatten nichts mehr miteinander zu tun.
Der einzige, der mich begrüßte, war Fossi, das Fossil. Er war Fotograf, um die 40, das Gesicht von Drogenexzessen gezeichnet, der winzige Hintern steckte in einer dieser engen schwarzen Lederhosen. Ich machte mich auf den Weg zum Redakteur. Ich war nervös - und selbstbewußt - und gutgelaunt.
Ich trat ein. Der Redakteur hob die Augenbrauen und bot mir mit einer knappen Handbewegung einen Platz an. Er telefonierte. Mit Amerika. Ein irrsinnig wichtiges Gespräch, wahrscheinlich mit dem Agenten eines Superstars. Ziepend setzte sich die Fax-Maschine mit der Geheimnummer in Betrieb.
»Und? Was hast du uns denn Schönes mitgebracht?« begrüßte mich der Redakteur. Er war, da auf der Karriereleiter ein weniges hinaufgerutscht, nicht mehr vertraglich verpflichtet, gutgelaunt zu sein. »Am besten, du schaust es dir mal an«, reichte ich ihm die Klarsichthülle mit dem Kaugummi-Knüller. Nach dreieinhalb Minuten - immer wieder wundere ich mich, mit welcher Frechheit Redakteure behaupten, sie könnten derartig schnell lesen - blickte er auf. Sah mich an. Stumm. Etwa eine halbe Minute. Mir wurde ein ganz klein wenig unbehaglich.
Er hob seinen Hintern ein wenig aus dem Büromöbel, die linke Hand bewegte sich, das Jackett zurückstreifend, zur linken Gesäßtasche, er sagte: »Brauchst du Geld?«
»Klar brauch´ ich Geld. Aber was ist mit der Geschichte?« - »Weißt du, mach´ doch mal was über Tekkno oder Kinder vom Bahnhof Zoo oder 14, schwanger, wir wollen heiraten, sowas. Kaugummi... Ich mein´, ich behalt´s gerne hier, aber wenn du die Story noch woanders unterbringen kannst, nimm sie lieber wieder mit. Wie wär´s mit dem Salbader? Die stehn doch auf sowas.«
So sei es denn. Ich steckte die Story wieder zurück in die Klarsichthülle, ließ mir 300.- Vorschuß geben und machte mich auf zur Salbader-Redaktion.