Bov Bjerg: Urlaub, aber richtig
Manche Menschen ziehen sich schwarze Plastiktüten über den Arsch, setzen sich auf ein Fahrrad und bewegen sich drei Wochen lang durch natürliches oder wenigstens naturidentisches Gelände fort. Dabei werden sie patschnaß, entweder vom Schweiß oder vom Regen, meistens von beidem. Abends um acht fallen sie von ihren zweitausend Mark teuren, mattschwarzen Mountainbikes, schälen die Plastiktüten vom steinharten Hintern und schleppen sich in silberglänzende Kuppeldachzelte. Sie träumen von kleinen Fliegen, die ihnen ins Auge schießen oder in den offenen Mund. Und von der ewig gleichen Tretbewegung, so wie manchmal, Achtung: Sozialkritik!, die Akkordarbeiterin im Traum ihre ewig gleichen Handgriffe tut. Morgens um sechs erwachen die Radler, soeben noch eins mit dem Proletariat, in einer Lache aus Angstschweiß. Ist Urlaub nur, wenn man niemals richtig trocken ist?
Wir fahren mit dem Auto. Es gibt in Deutschland 1 A Landstraßen, auf denen ist man so gut wie mitten in der Natur. Es juckt nicht auf dem ganzen Leib, man kann sogar dabei rauchen, und wenn man schwitzt, dann fährt man halt ein bißchen schneller. Außerdem gibt es nichts Öderes als Campingplätze für Mountain-Biker und Kanuten. Das wahre, das brutale Leben in seiner ganzen apokalyptischen Behaglichkeit tobt auf den Dauercampingplätzen, da wo der Rhein- und der Niederländer ihr Zuhause haben. Dauercampingplätze: Da beginnt gleich nach dem Aufstehn der Feierabend.
Im Camping-Shop gibt es Ansichtskarten. Ich kaufe für meine Freibad-Postkarten-Sammlung drei verschiedene, verschieden vergilbte mit dem Campingplatz-Planschbecken drauf. Und ich kaufe sie ohne Furcht. Die Frau an der Kasse wird nicht ihre Kolleginnen zusammentrommeln, den Schrankenwärter, den Imbißbudenmann und den Chef: »Alle herkommen! Kommt alle her! Schaut ihn euch an! So sieht einer aus, der unsere albernen, vergilbten Planschbecken-Ansichtskarten kauft!« Nein, das tut sie nicht. Sie lächelt so freundlich, als ob sie gerade ein paar Mark auf der Straße gefunden hätte.
Die hohe Kunst des Campens besteht darin, auf möglichst würdige Weise ständig irgendwelche Sachen über den Platz zu tragen. Die Rheinländer vor ihren Vorzelten verfolgen, Bier in der Hand, jeden meiner Schritte. Wozu haben die überhaupt Vorzelte vor ihren Wohnwagen, wenn sie dann doch wieder davor sitzen? Unter den Klapptischen stehen die vollen Bierflaschen und harren ihrer Bestimmung. Die leeren Flaschen dürfen sich erschöpft auf die Seite legen.
Hin und her, den ganzen Tag. Den Topf zum Wasserhahn, das Wasser für den Kaffee zum Zelt. Das dreckige Geschirr zum Spülen, das saubere wieder zurück. Auf dem Weg zum Klo, die Rolle Papier wie selbstverständlich vor mir her tragend, muß ich an einer holländischen Familie vorbei, die vorm Vorzelt sitzt. Sie sehen fern. Auf dem Bildschirm ist das Gesicht der Mutter. Sie trägt den gleichen weinroten Jogginganzug wie jetzt, beim Angucken. Wie langweilig. Tagsüber filmen und abends gucken, was man erlebt hat. Jetzt öffnet die Frau im Fernsehen den Mund und sagt etwas. Die Frau, die davor sitzt, auch. Beide lachen kurz. - Neben dem Fernseher steht, auf die Mutter gerichtet, eine Kamera. Vater, Mutter, Kinder starren in die Glotze, Mutter starrt zurück. Wissen sie, was sie tun? Ich weiß nur, daß die Kamera-Einstellung zehn Minuten später, als ich vom Klo komme, noch exakt die selbe ist. Und immer noch sitzt die Familie gemütlich vor der Glotze und betrachtet Muttern. So ein Augenblick beschert mehr Einblick in das Leben, ins Universum und alles, als drei Monate auf einem Radler-Zeltplatz es je könnten.
Das ist der Schluß, und so soll ein Schluß auch sein: Ein bißchen zum Schmunzeln, aber auch ein bißchen zum Nachdenken.