Hinark Husen: Essayistischer Versuch
über die moralische Bewertung gleichgeschlechtlicher sexueller Praktiken in den Zügen der deutschen Bundesbahn unter besonderer Berücksichtigung meiner Gedanken im ICE Andreas Schlüter im September dieses Jahres
Geschichte wiederholt sich nicht. Und dennoch: Haben wir nicht alle schon einmal dieses unbestimmte Gefühl gehabt, etwas Einzigartiges bereits früher durchlebt zu haben? Ein faszinierender Gedanke, der aber nicht so leicht in die richtigen Worte zu kleiden ist.
Ein Beispiel an dieser Stelle soll deshalb meine Gedankenführung klarer machen: Kürzlich saß ich in einem Café und trank ein Bier. ›Komisch‹, dachte ich, und unterlag sogleich der psychischen Anspannung eines Déjà-vu. ›Kann es sein, das du schon mal ein Bier getrunken hast?‹ Ja, richtig, ich erinnerte mich. Mir wurde schon ein wenig mulmig im Kopf. Ich versuchte, die Einzigartigkeit der Situation wiederherzustellen. Aber es war bestimmt kein Weizenbier, wie diesmal. Ich kramte intensiv in meinen Erinnerungen. Doch, doch, auch ein Weizenbier hatte ich schon getrunken. Wieder begann ich zu grübeln. War es dann auch die gleiche Marke? Das müßte doch sicherlich die Einzigartigkeit dieser Situation retten können.
Sogleich fragte ich die freundliche Kellnerin, welches Bier ich denn hier trinken würden. Die Endzwanzigerin schaute mich verwirrt an und antwortete: »Mensch, Hinark, du trinkst hier doch seit Jahren Kristallweizen.« Ich erschrak auf s heftigste. Die Kellnerin kannte mich! Konnte das alles nur Zufall sein? Völlig verwirrt verließ ich mein Stammcafé und legte mich ins Bett, um ein wenig auszuruhen.
Ich denke, jeder hat so etwas schon mal auf die eine oder andere Weise erlebt, sei es nun in Kneipen, daheim oder auf Reisen. Apropos Reisen, kürzlich hatte ich die Chance, mit dem neuen Mondscheinticket der Bundesbahn preisgünstig von Osnabrück nach Berlin zu reisen. Der Zug war total überfüllt, und ich mußte mit einem Platz vor der Toilette vorlieb nehmen. Es roch ein wenig streng. Da sitzt man in einem der bestausgestatteten Luxuszüge der Welt, und die Konstrukteure dieser millionenverschlingenden Lindwürmer kriegen es nicht einmal gebacken, einwandfreie Klimaanlagen einzubauen. Ich wollte dieses Problem gerade mit den neben mir sitzenden Fahrgästen erörtern, als meine Ex-Freundin Manuela Moormann vorbeihuschte.
Zehn Jahre hatte ich sie nicht gesehen. Zehn Jahre, in denen ich mich so verändert hatte, daß sie mich nicht erkannte.
»Manuela, warte doch mal«, rief ich ihr hinterher. Jetzt blieb sie stehen.
»Manuela, erkennst du mich nicht mehr? Ich bin´s, Hinark, dein Ex-Freund aus Neuenkirchen. Weißt du noch, wie wir in Melle in deinem kleinen, niedlichen Appartement mal fast miteinander geschlafen hätten?« Manuela betrachtete mich mit einem mehr als kritischen Blick.
Das sei so ziemlich die blödeste Anmache, die ihr jemals untergekommen sei. Sie drehte sich wieder um und entschwand in Richtung Speisewagen. Was für ein kaltes Wiedersehen, nach so langen Jahren der Entbehrungen und Enttäuschungen. Ich war der Alte geblieben, aber Manuela hatte sich verändert. Sie war jetzt blond geworden und anstelle ihres niedlichen Stupsnäschens trug sie eine imposante Hakennase im Gesicht. Weiß der Teufel, welcher Stümper von Schönheitschirug sie derartig verpfuscht hatte. Zumindest, und das war das einzig Positive, was ich über das Wiedersehen mit ihr sagen kann, war sie noch ein beträchtliches Stück gewachsen.
Ich setzte mich wieder auf meinen Platz neben der Toilette und hielt nach weiteren Bekannten Ausschau. Dummerweise schienen ansonsten tatsächlich nur noch Fremde den Zug zu füllen. Ein echt blödes Gefühl, in einem Zug eingesperrt zu sein für drei, vier oder noch mehr Stunden, in dem Hunderte von fremden Leuten sitzen. Zuhälter, Bankangestellte, Sekretärinnen, Oberstudienräte, kurzum der Abschaum der Menschheit und ich als einziger der hehre Fackelträger des Humanismus, der letzte seiner Art, ein Bote des Friedens und der Gerechtigkeit. Was mir unter diesen Leuten wohl alles zustoßen konnte...
Kalter Angstschweiß rann nun über meine Stirn. Was, wenn ein grobschlächtiger Kerl, vielleicht gar ein völlig frustrierter Diplompädagoge oder ein ähnlich verkommenes Subjekt, mich wortlos auf die eklige Toilette zerren würde und nach dort brutal vergewaltigte? Würde jemand einschreiten, ein beherzter Fahrgast dem wildgewordenen Akademiker Einhalt gebieten? Wohl kaum, in unserer heutigen Zeit des rasenden technologischen Fortschritts und der sozialen Kälte ist sich jeder selbst der Nächste. Wie weit ist es mit unserer Gesellschaft gekommen, wenn sich vollgefressene Unternehmer im Bordrestaurant einen Champagner nach dem anderen reinkippen, während unschuldige Kabarettisten in stinkenden Zugtoiletten brutal mißbraucht werden? Widerstand heißt das Gebot der Stunde, schoß es mir durch den Kopf.
Ja, Widerstand, ich werde mich nicht korrumpieren lassen von diesem System und erst recht würde ich mich nicht mißbrauchen lassen, weder von durchgedrehten Sozialpädagogen, von denen es eh zu viele gibt, noch von blauäugig dreinblickenden Lederkerlen, die eh nichts anderes im Kopf haben als Sex. Soll jeder nach seiner Fasson glücklich werden, aber hemmungslose Genußsucht hieße, die Zeichen der Zeit falsch zu verstehen. Man kann seinen Geschlechtstrieb auch friedlich ausleben. Dafür braucht es keine Zugtoiletten. Vielleicht habe ich früher einmal anders gedacht, aber der Mensch ist ein denkendes Wesen.
Ich bekenne hiermit: Ich dulde keine gleichgeschlechtlichen Praktiken in den Zügen der deutschen Bundesbahn. Basta!