Andreas Scheffler: Ein Bekenntnis
Wenn ich es genau bedenke und ganz ehrlich mit mir bin, muß ich eigentlich zugeben, daß ich eine Null bin. Das mag man auf den ersten Blick gar nicht annehmen, von einigen Sackgesichtern mal abgesehen, aber an sich haben gerade die recht. Was kann ich schon besonders gut? Im sechsten Schuljahr verlangte meine Sozialkundelehrerin einmal von der Klasse, jeder solle aufschreiben, was er besonders gut könne, wohl zur Stärkung des Selbstbewußtseins. Irgendwas kann schließlich jeder ganz toll, dachte sie wohl, und das hebt ihn dann in diesem einen Punkt gegenüber den anderen hervor. Also saß ich zu Hause und überlegte lange, worin ich überdurchschnittlich gut bin. Als ich zwei Tage später drankam, konnte ich nur antworten: »Auf Bäume klettern.« Ich hätte noch sagen können, daß ich schon besonders früh sprechen und laufen konnte, aber damit war mit zwölf kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Heute, mit 27, kann ich immer noch gut auf Bäume klettern. Sowas verlernt man nicht, wie Radfahren, und einer Karriere als Tarzan steht nichts im Weg. - Lustig.
Horst Evers, zum Beispiel, ist hervorragend in dem Computerspiel »Crystal Quest«. Seit einem Jahr versuche ich fast täglich, seinen High Score zu übertreffen, aber ich schaffe es einfach nicht. Jürgen Witte ist Klasse im Bowling, ich kann es nicht, vielleicht, weil ich nie spiele. - Was kann ich? Ich kann sehr schön und nett meine Steuererklärung formulieren. Ha ha. Ich kann auch ganz besonders lieb sein. Aber was zählt das schon in unserer Hochleistungsgesellschaft!
Eine andere Frage: Worüber weiß ich besonders gut Bescheid? Eigentlich über gar nichts. Ich weiß noch nicht mal, was »Netto-Jahreszins« genau bedeutet. Jürgen Witte ist Wirtschaftsexperte, obwohl er es noch nicht mal studiert hat. Jürgen Witte kennt sich auch in Rock´n Roll und im Flächennutzungsplan gut aus und weiß eigentlich alles. Dr. Seltsam hat die Werke des Marxismus, Leninismus und Stalinismus studiert und verstanden; zumindest tut er so. Oder Hinark, von dem man sonst gar nicht glaubt, er sei ein Intellektueller, der hat Freude an Peter Greenaway-Filmen. Das ist er schwer-denkender Mensch und kann somit keine Null sein. - Und ich?
Ich habe mehr Ahnung von und über Franz Kafka und Walther von der Vogelweide als die meisten Germanistikprofessoren. Aber damit könnte, ich nur etwas anfangen, wenn ich auch Germanistikprofessor wäre.
Viele, die sonst nichts können, behaupten oder lassen ausrichten, sie wären besonders gut im Bett, in der Hoffnung, jemand möge dies überprüfen. Da kommt man allerdings früher oder später in den Ruf, entweder ein Aufschneider zu sein, oder sein Gehirn im Schwanz beziehungsweise in der Mumu aufzubewahren. Hans Duschke kennt sich bei den Frauen aus, gut, aber ich habe eine. Die Menschen mögen mich, vermutlich, weil ich ihnen nicht gefährlich werden kann. Eine Null schadet niemandem. Nun wird mancher sagen: Aber im Bundestag, da sitzen so viele Nullen, und die können einem sehr wohl schaden. Dem muß ich heftig widersprechen. Im Bundestag sitzen ausschließlich Karrieristen, und die müssen schon besonders gut im Intrigieren oder Buckeln sein. Mistkerle, in Ordnung, aber keine Nullen. Und wenn ich das alles bedenke, dann bin ich doch wieder zufrieden mit mir. Ich ziehe die Vorhänge auf, öffne meine Parterrefenster und befestige draußen ein Schild mit der Aufschrift: In diese Wohnung Münzen zu werfen bringt Glück. - So werde ich überleben.