Bov Bjerg: Mein Leben beim Film
»Hallo, kann ich Axel sprechen?« Axel ist vor acht Jahren ausgezogen. »Oh. Macht nichts. Hast du ein helles Hemd und eine dunkle Hose? Kannst hundert Mark verdienen als Statist beim ZDF.« Die Anruferin diktiert mir die Adresse.
In meiner dunkelsten Hose und meinem hellsten Hemd stehe ich am nächsten Morgen vor einem sanierten Altbau in Charlottenburg. Junge Menschen, die allesamt so aussehen, als wären sie auch beim Film, schlendern, so zielstrebig man eben schlendern kann, ins Haus, ich hinterher. Am Eingang des zweistöckigen Hinterhauses klebt ein Schild: Komparsen. Hochparterre, rechts: Auf Bierbänken sitzen vierzig Komparsen, fallen Verträge aus und warten.
Blauer Teppichboden, sogar an den Scheuerleisten. An den Wänden hängen Fotos von Berliner Altbauten. Eine Preisurkunde, errungen beim Wettbewerb Dachausbau Berlin ´88. Ein buntes Plakat mit dem Motto der Ausstellung, oder was immer das hier sein mag: Frühling für Berliner Mietshäuser. Sinniger wäre Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen.
Ich schaue zwei Fotos näher an. Ein Eckhaus, vor und nach der Sanierung. Das ältere Foto ist etwas verschwommen, der Himmel darauf ist so grau wie das Haus. Am Erdgeschoß ein Schriftengewimmel: Drogerie, Farben, Teppichboden, Filme-Foto, Parfümerie. Auf dem Gehweg allerhand Krempel, Besen, Waschmittel, drei, vier Warenständer. Am Haus hängt ein Zigarettenautomat.
Das neuere Foto daneben ist scharf, alles darauf ist schön und gesund. Der Himmel ist blau, das Haus gelb, der Zigarettenautomat weg. Vor dem Haus stehen niedliche Glascontainer-Iglus in knackigem Mitmach-Grün. Auf dem Dach zwei riesige Fenster. Der Eigentümer der Dachgeschoßwohnung kann seine Grundbedürfnisse im Erdgeschoß befriedigen: Dort, wo vorher die ausgefranste Drogerie war, ist jetzt ein Laden für Designer-Lampen. Das einzig tröstliche an dem Foto ist der Radfahrer, der mit griesgrämigem Gesicht von der einen in die andere Straße, jetzt Tempo 30-Zone, einbiegt. Er sieht aus wie Jürgen Holtz alias Motzki. Hoffentlich ist er der Hauswart.
Wir werden zum ersten Take gerufen. Im Vorderhaus ist ein Jazzclub, jedenfalls etwas das so aussieht, als solle es ein Jazzclub sein. Wir sollen Publikum mimen. Ich werde in die hinterste Ecke plaziert, zwischen Garderobenständer und Notausgang. Bevor ich mich entschließen kann, jetzt beleidigt zu sein, druckt mir jemand ein Glas Bier in die Hand. Am hellen Morgen soll ich mich benehmen wie mitten in der Nacht. Aber, was heißt hier Bier? Das Glas ist handwarm, der Schaum verdächtig stabil. Keiner traut sich zu trinken.
Am Tresen stehen die Hauptdarsteller. Eine junge Frau im lila Kleid, ganz und gar rückenfrei. Leider trägt sie eine Hochfrisur, wie ich sie schon vor zwanzig Jahren auf dem Kopf meiner Tante nicht leiden konnte. Eine Strähne baumelt herunter. Die unterste Locke boxt dauernd an den Kieferknochen. In wenigen Tagen wird die Schauspielerin an der Stelle einen blauen Fleck haben. Sie wird nicht weiter darauf achten, aber in ungefähr acht Monaten ist der Fleck ganz schwarz. Unterkieferknochenkrebs. Amputation. Nie wieder wird sie einen Job als Schauspielerin bekommen. Nicht einmal als Synchronsprecherin. Neben der Frau mit dem düsteren Schicksal steht ein junger Mann, der Regisseur nennt ihn Sebastian. Um seine Haartracht zu beschreiben, muß das Wort Schmierlappenfrisur genügen. Zum Hauptdarsteller macht ihn das Kinn. Es sieht aus wie die Bettwäschekommode meiner Oma, wenn die unterste Schublade offen steht.
Letzte Vorbereitungen: Die Statisten müssen Marlboro und Drehtabak von den Tischen nehmen. Auf den Tischen stehen nämlich Aschenbecher von West. Jemand geht durch die Kneipe und versprüht Trockennebel. Für die Atmo. Der Schaum auf meinem Bier fällt schlagartig zusammen.
Klappe!
Plötzlich quillt aus Lautsprechern sämige Jazzmusik. Ich setze mein Jazzliebhaber-Gesicht auf. Durch die Jacken am Garderobenständer beäuge ich eine kleine Bühne, darauf steht eine Frau, die den Mund auf und zu macht. Drei Männer befummeln lautlos Kontrabaß, Schlagzeug und Piano. Unplugged mit Playback! Eine andere Frau bewegt sich auf die Theke zu, geschoben von der Kamera. Am Leib hat sie ein sehr, sehr enges Röhrenkleid, darunter balanciert sie irritierend hoch arretierte Brüste. Schuhspitzen, Brüste und Nase erreichen gerade den Tresen, da sagt Hochfrisur zu Röhrenkleid, mit Handbewegung Richtung Schmierlappen: »Marcel.« Hochfrisur zu Schmierlappen, mit Verweis auf Röhrenkleid: »Sophia.« Röhrenkleid: »Hallo.« Schmierlappen, der ja eigentlich Sebastian heißt, aber im Film wegen der künstlerischen Freiheit Marcel genannt wird: »Hallo.«
Dann bemüht er sich, ganz prima Schauspieler, um eine schwülstige Miene, heraus kommt ein Karnickelblick, und brünstet: »Kommt, wir setzen uns.« Sebastian tut mir ein bißchen leid. Sebastian ist der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der den ganzen Tag mit Sebastian verbringen muß. Er ist bestimmt froh, wenn er abends endlich ins Bett darf.
Zwei Beauties dürfen durchs Bild staken, ein Kellner bedient alle - außer mir. Der Kellner sieht aus wie der typische Student. Wahrscheinlich ist er´s auch. Gut gedacht: Ein Student spielt einen Kellner, der eigentlich Student ist.
Nach fünf Versuchen, fünf Mal Marcel - Sophia - Hallo - Hallo - Kommt, wir setzen uns, schaffen die drei es endlich, sich zu setzen. Pause.
Vor lauter Langeweile lese ich das Klingelbrett. Das zweistöckige Hinterhaus wird vornehm Remise genannt. Es gehört einer Anton Schmittlein Construction GmbH. Ich hole mir in Anton Schmittleins Häuschen Kaffee und ein Käsebrötchen. (Der Fachbegriff für Kaffee und Käsebrötchen lautet Catering.) In einem Bottich voller Tonkügelchen steckt ein Gummibaum. Wer Dachgeschosse ausbaut, sperrt seine Pflanzen auch in Hydrokultur.
Doch es kommt noch dicker: Hinter dem Gummibaum, ganz in der Ecke, lehnt eine ausziehbare Leinwand samt Ständer. Das ist also das Geheimnis dieses Raumes. Tagsüber wird er zur Tarnung ans Fernsehn vermietet, aber nachts, kaum ist es dunkel, werden dicke Decken vor die Fenster gehängt, die Leinwand wird ausgefahren, ein Projektor aufgestellt. Die schlimmsten Makler der ganzen Stadt, womöglich des ganzen Landes, Hausbesitzer und Architekten versammeln sich hier, in der Remise von Anton Schmittlein, und ziehen sich Häuser-Dias rein. Immer paarweise: Vor der Sanierung, nach der Sanierung. Ohne Dachgeschoßwohnung, mit Dachgeschoßwohnung. Makler, Hausbesitzer, Architekten krümmen sich in ihren Sitzen, der blaue Teppichboden ist übersät mit Papiertaschentüchern, bis zu den Scheuerleisten, ihre Lustschreie versickern in den dicken Decken an den Fenstern.
Epilog: Pause vorbei, zweiter Take. Dort, wo ich gesessen hatte, hängt jetzt eine große Styroporplatte, angestrahlt von einem Scheinwerfer. Ich sei sowieso nicht im Blickfeld der Kamera gewesen, wird mir erklärt. Ich bin nicht mehr nötig. Ersetzt durch indirektes Licht. Ich hole mir meine hundert Mark und mache mich auf den Heimweg durchs sanierte Charlottenburg. Kulisse reiht sich an Kulisse, auf dem Bürgersteig ein einsamer Statist.