Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 13/1994 Jürgen Witte: Nachträge zum Schriftstellerlexikon (3)
Artikelaktionen

Jürgen Witte: Nachträge zum Schriftstellerlexikon (3)

Die pessimistische Märchentante

In einem anderen Land zu einer anderen Zeit, waren es die gleichen, die aneinander vorbeigingen als wären sie Fremde. Düstere Gestalten, zerlumpt und mit gebeugten, von der Last des Daseins beschwerten Schultern, schleppten sich durch die weite, dem Licht der Sonne verborgene Ebene. Ordentlich aufgereiht in Zügen zu einigen Dutzend jeweils, zogen sie ihres vorherbestimmten, aber von uns nicht erklärbaren Wegs. Gleich den Pfaden der Ameisen im Wald war das Gewirr ihrer Spuren im braungrauen Morast. Ein undurchschaubares Labyrinth, welches sich in der Ferne verlor. Kreuzten sich die Wege zweier dieser Karawanen des Elends, so reihte sich die Schlange der einen für kurze Zeit in die Schlange der anderen ein, ohne daß die einzelnen Mitglieder sichtbar Notiz voneinander nahmen. Kaum aber hatte man sich zu einen Zug vereint, so scherte eine Gruppe wieder aus und entfernte sich aufs neue. Bald darauf waren sie wieder außer Sichtweite, im fahlen Dunst der auf der Ebene immer gleichen Dämmerung verschwunden.

So hatten es schon die alten Bücher beschrieben. Wir wußten auch jetzt noch nicht zu sagen, ob die Karawanen im Kreise liefen, ob wir die immer wieder aufs neue auftauchenden Menschenschlangen zuvor schon einmal gesehen hatten, oder ob es ständig andere Sklaven waren, die unter uns vorbeizogen. Zu Beginn hatten wir, so geht die Sage, von oben auf unserem hocherhobenen Baumwipfel

...nein, Leuchtturm! Leuchtturm ist besser, einerseits tote Materie, andererseits schwersymbolisch, von wegen Wegweiser und so...

...von unserem hocherhobenen Leuchtturm versucht, mit Rufen und heftigem Winken ihre Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Es war immer vergeblich geblieben. Sie schienen allesamt ohne Gehör, und keiner unter ihnen, der auch nur einmal den Blick zu uns gehoben hätte.

Mensch, der Leuchtturm ist wirklich Klasse:

Aber wir gaben nicht auf. Das Feuer mußte gewartet werden. Niemals durfte die Flamme verlöschen. Täglich mußte jeder arbeitsfähige Mann eines der schweren schwarzen Ölfässer aus dem tiefen Keller die zwölftausend Stufen der Treppe im Leuchtturm hinaufbringen, um den stetigen Hunger der großen Flamme zu stillen. Die restliche Zeit verbrachten wir am Geländer der großen Plattform beim Studium der Karawanenzüge, immer bemüht, unser Wissen um die Vorgänge auf der Ebene zu mehren. Wir hatten unsere eigenen Theorien über die uns dabei zugedachte Aufgabe. Viele waren der Ansicht, daß allein unser Leuchtfeuer das Zentrum und vielleicht auch die Ursache der Karawanenzüge auf der Ebene sei. Einige der unseren aber, zumeist noch junge und starke Männer, waren im Laufe der Zeit abtrünnig geworden, hatte das Studium der Ebene und ihre Arbeit für das Feuer vernachlässigt. Sie sahen keinen Sinn mehr darin und gaben sich fortan nur noch müßigen Vergnügungen hin. Sie verspotteten sowohl die Beobachter als auch die Männer, die unter unsagbaren Mühen ihre Fässer trugen. Schließlich waren die Abtrünnigen eines Tages in den Höhlen verschwunden. Niemand hat sie seither wiedergesehen. Viele glauben, sie haben sich in das große tiefe Loch gestürzt, aber es ist verboten, aber das Loch zu sprechen. Nun sind wir gezwungen, auch Frauen zum Fässerdienst einzuteilen. Die Entscheidung war uns nicht leichtgefallen, denn im Ölkeller, so geht das Gerücht, stellen die Gesetzlosen unseren Frauen nach.

Verdammt, das tendiert hier jetzt zur Eindeutigkeit, wird Zeit, daß ich mal wieder transzendiere:

In unseren Büchern, die wir damals verbrennen mußten, um das Feuer in der schweren Zeit zu erhalten, sind, so erzählen die Alten, verbotene Felshöhlen am Fuße des schwarzen Lochs beschrieben, wo abscheuliche Kreaturen in unterirdischen Palästen hausen; Schattenmenschen von verdorbenem Charakter mit verfaulten Sitten.

Und jetzt der Big Bäng. Alles aufklären und gleichzeitig die letzte Klarheit unterminieren:

In diesen Büchern war auch das Gesetz niedergelegt, das besagt, daß es uns Lichtmenschen nicht möglich ist, das Tor zur Ebene am Fuß des Leuchtturms zu öffnen.

Der Umstandskrämer für den gehobenen Geschmack

Ist mein Schlaf unruhiger geworden, seit Adelheid mir den Haushalt führt? Ich wälze mich des Nachts hin und her, sagt sie, und wenn ich dieses kopfschüttelnd verneine, konfrontiert sie mich mit untrüglichen Beweisen. Die stattliche Anzahl morgendlicher Knitterfalten im Leintuch, die Adelheid des öfteren schon scherzhaft moniert hat, lassen, so behauptete sie, keinen anderen Schluß zu, wiewohl sie nicht wissen kann, wieviele Knitterfalten in meinem Bett des Morgens geradezuziehen waren, bevor sie in meine Dienste trat. Habe ich zu Beginn ihrer Tätigkeit in meinem Haushalt vielleicht für einige Tage ruhiger als üblich geschlafen, und die spätere Häufung der Knitterfalten erscheint ihr deshalb jetzt so außergewöhnlich?

Als ich die Vermutung äußerte, daß sie am Anfang möglicherweise beim Geradeziehen des Leintuchs sorgfältiger zu Werke gegangen war, daß mithin die Falten also auf die nachlassende Qualität ihrer Arbeit und nicht die mangelnde Qualität meines Schlafs zurückzuführen seien, wies sie diesen Vorwurf entrostet zurück, und erläuterte mir, das die in meinem Haushalt üblichen, sogenannten Spannlaken weniger durch geschicktes Geradeziehen und Umlegen als vielmehr durch den, in den Saum eines solchen Lakens eingearbeiteten Gummizug glatt und faltenlos auf der Matratze gehalten werden. Sie erbot sich sogar, mir auf der Stelle den Mechanismus anhand ihres eigenen, noch nicht gemachten Bettes, mit einem nach der Bettruhe allerdings für gewöhnlich fast faltenlosen Laken vorzufahren. Ich beeilte mich, ihr zu versichern, daß ich ihren Ausführungen auch ohne eine solche, ihr selbst möglicherweise peinliche Demonstration Glauben schenke. Auch verneinte Adelheid, die in einem kleinen, dem meinen benachbarten Schlafzimmer nächtigt, gelegentlich Laute durch die Wand zu vernehmen. Meistenteils ein trockenes Knarren, das bisweilen von heftigem Stöhnen begleitet sei. Sie errötete leicht, bei diesem etwas delikaten Geständnis, und wandte sich daraufhin, Geschäftigkeit vortäuschend, dem zu putzenden Silber zu.

All das gab mir zu denken. Auch als ich sie nach tagelanger Überlegung bat, meine Matratze zu wenden, um damit mein nächtliches Wälzen im Bett endlich abzustellen, besserte sich der Zustand meines Leintuchs nicht. Allmorgendlich, sofort nach dem Aufstehen besah ich mir das Laken, indem ich die Decke zurückschlug. Die Falten im Leintuch waren nicht weniger geworden und so bezweifelte ich schließlich, ob Adelheid die Matratze auf mein Geheiß hin überhaupt gewendet hatte. Ich beschloß also, obwohl ungeübt in solchen Dingen, das Wenden der Matratze eigenmächtig und ohne ihr Wissen selbst zu besorgen. Nachdem ich Kissen und Decke auf einem Stuhl beiseite gelegt hatte, hob ich die Matratze an der äußeren Längsseite mit beiden Händen an, zog sie fast ganz aus dem Bett heraus und stellte sie dann senkrecht auf den darunter zum Vorschein kommenden Lattenrost. Dann schubste ich sie aus dem fragilen Gleichgewicht von mir weg und ließ sie polternd auf den Lattenrahmen zurückfallen. Nun aber befand sich das Leintuch zu meinem Entsetzen auf der Unterseite des gepolsterten Federkerns, wobei sich auf der Oberseite durch die um die Matratze herum reichenden Teile des Spannlakens eine vom Gummizug begrenzte, unregelmäßige länglich-ovale Öffnung gebildet hatte, in der sich der rosige Bezugsstoff der Matratze dem Auge unverhüllt darbot. Der Anblick verwirrte mich, hilflos starrte ich die Öffnung an.

Adelheid, die bald darauf das Zimmer betrat, schlug angesichts der Bescherung, wie sie es bezeichnete, die Hände über dem Kopf zusammen, und verlangte von mir eine Erklärung für mein Tun. Sie stürmte, ohne meine Antwort abzuwarten, hin zum Bett, um mein Werk ungeschehen zu machen. Nachdem sie meine Matratze mit zwei ähnlich geschickten Handgriffen wieder umgedreht hatte, erläuterte sie mir, noch immer sichtlich erregt, daß bei der Herstellung von hochwertigen Matratzen für gewöhnlich eine Sommer- und eine Winterseite mit verschieden Materialien ausgestattet werden. Zweimal im Jahr also sei die Matratze auf die von mir gewählte Weise umzudrehen. Dieses habe jeweils im Frühjahr und im Herbst zu geschehen, keinesfalls aber mitten im Sommer. Wolle man zwischenzeitlich eine gleichmäßige Abnutzung des Federkerns gewährleisten, so drehe man sie in solcher Art und Weise, daß dabei das Fußende mit dem Kopfende vertauscht wird, die jeweilige Sommer- oder Winterseite aber müsse auf jeden Fall der Jahreszeit entsprechend beibehalten werden. Mitte April, also kurz nach Antritt ihrer Anstellung bei mir, habe sie ordnungsgemäß anläßlich eines anstehenden Wechsels des Bettbezuges auch den Jahreszeitwechsel meiner Matratzenseite vollzogen, und dieses habe nun so zu bleiben, bis sich im Herbst wieder die kommenden kälteren Tage ankündigten. Leider sei das oftmals auf dem Matratzenbezug nur aufgeklebte Etikett, welches entweder die Sommer- oder die Winterseite von außen kenntlich macht, auf dieser Matratze nicht mehr aufzufinden gewesen, es müsse also mithin im Laufe der Jahre abgefallen sein, aber sie verlasse sich voll und ganz auf ihre Vorgängerin, die sicherlich mit dieser Eigenart von Matratzen genauso vertraut gewesen sein muß, wie sie selbst es sei, und so, mit als sicher anzunehmender Wahrscheinlichkeit dafür gesorgt hatte, daß ich den letzten Winter über auch ordnungsgemäß auf der für die Winterszeit vorgesehenen Seite der Matratze geschlafen hatte.

Ich beschloß dennoch, um auch den letzten Zweifel auszuräumen, eine neue Matratze zu erstehen, und Adelheid erbot sich sofort, die Sommerseite dieser neuen Matratze mit einem kleinen eingesteckten S auf Dauer kenntlich zu machen, da sie nicht ausschließen könne, daß auch bei dieser Matratze das wiederum nur angeklebte Originaletikett eines Tages verloren geht. Damit nicht genug, stickte sie auch auf der nicht gekennzeichneten Seite ein kleines W in den Bezugsstoff, so daß eine Verwechslung zukünftig, wie sie es ausdrückte, total unmöglich sei.

Leider sind die Falten in meinem Leintuch auch durch die neue Matratze nicht weniger geworden. Immer des Morgens, gleich nach dem Aufstehen zählen wir sie gemeinsam, und Adelheid überträgt die festgestellte Anzahl in ein Büchlein, welches sie in ihrem Nachttisch aufbewahrt. Ich bin trotzdem erleichtert, ist sie doch bereit für jede auftretende Falte eine anteilige Verantwortung zu übernehmen, seit wir das Bett miteinander teilen.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 13
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Pichelsteiner
Bov Bjerg und Hans Duschke: Debatte Horst Evers: Zu Spät Hans Duschke: Der Kaugummi (1) Andreas Scheffler: Nostalgie Hans Duschke: Der Kaugummi (2) Bov Bjerg: Urlaub, aber richtig Hinark Husen: Essayistischer Versuch Horst Evers: Ideologisch bedenkliches Gedicht Andreas Scheffler: Ein Bekenntnis Gerhard Zinn: Daniela und Anna Gerhard Zinn: Henna Gerhard Zinn: Schlaflosigkeit Roland Oelfke: Mini und Jimmy Bov Bjerg: Mein Leben beim Film Jürgen Witte: Schriftstellerlexikon (3) Dr. Seltsam: Elektrosmog Bov Bjerg: Bißchen viel Litauen (IV) Jürgen Witte: Ein geopolitisches Gedicht Jürgen Witte: Reise ins Ich
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XV
Was die anderen schreiben
Hans Duschke: Im nächsten Heft
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: