Dr. Seltsam: Elektrosmog
Aus dem Alltagsleben eines Alt-Linken
Entnervt wartete ich an der Ampel Heinrich-Heine-Straße. Grün - aber es ging nicht weiter: Genau auf der Mitte, über zwei Spuren verteilt, verharrte ein knallroter BMW mit Extrabreit-Reifen und einer Nummer aus Oranienburg, OR-MW 344. ›Oho‹, dachte ich. Ich denke tatsächlich manchmal ›Oho!‹ oder ›Jawoll!‹ oder ›Donnerwetter!‹ oder so was; das kommt daher, daß ich in meiner Jugend alle 72 Bände Karl May gelesen habe, und nun der einzige Mensch in Deutschland bin, der wirklich ab und zu ›Oho!‹ denkt. Hätte ich alle zwanzig Bände Thomas Mann gelesen, wie es mir als Lübecker eigentlich entspräche, würde ich denken: ›Das geht nicht gut, das geht nicht gut, das geht keinesfalls gut.‹ Wörtlich so. (Das Eisenbahnunglück, Seite 12) So aber denke ich: ›Oho!‹ Sehnlichster Wunsch dieses knalltütigen BMW-Besitzers ist offenbar, Berliner zu werden, und dann zu den 9999 Idioten zu gehören, die 200 Mark Extragebühr bezahlen, um an ihren BMW auch noch das Schild »B-MW 344« schrauben zu dürfen. Aber noch ehe ich mit Denken fertig war, passierte es schon:
Nervös fieselte der dickliche Vertretertyp an seinem Autotelefon herum. Offenbar hatte er hier im Windschatten der stabilen Plattenbauten aus DDR-Zeiten, deren Stahlgeflecht unter der Betonhaut einen idealen Faradayschen Käfig darstellt und mithin nur in zentimeterbreiten Schneisen annehmbaren Funkempfang erlaubt, gewisse Schwierigkeiten mit seiner fernen Geliebten.
Der arme Fahrer ballerte mit dem Hörer aufs Armaturenbrett, preßte ihn wieder verzweifelt ans Ohr, rollte dabei langsam um die Kurve. Hört nichts, sieht nichts, bremst nicht und knackt so en passant ein kleines Mädchen um, daß es nur so knirscht. Jawoll! Auf dem Zebrastreifen. Mitsamt seinem bunten Kinderrad. Gerade hatte es wohl in der ersten Klasse gelernt, daß es nur bei Grün gehen darf, hatte auf seinem niedlichen neuen Kinderrad mit den blitzenden Stützrädern brav bei Rot gewartet, und mußte nun schockhaft am eigenen Leibe die völlige Nutzlosigkeit altbackener Schulweisheit im Angesicht unserer brutalisierten modernen Stadtumwelt erfahren. Nie mehr würde es in Zukunft Eltern, Lehrern, Pfarrern oder gar Verkehrspolizisten auch nur ein Wort glauben und darum spätestens in der Pubertät drogenabhängig werden.
Das Fahrrad war Schrott, das Mädchen blutete und greinte, während der BMW-Fahrer wie eine Kugel aus seinem Sportsitz schoß. Seine bei diesem Irrsinns-Schlitten sowieso schon wahnsinnig hohe Versicherung wird um weitere tausend Mark steigen, der Rabatt ist flöten, denkt er in Panik, und er wünscht in diesem Moment inbrünstig, es wäre Nacht, er hätte die doofe Berliner Göre gleich ganz totgefahren und. könnte jetzt im Schutze der Dunkelheit sein Heil in der prämiensichernden Fahrerflucht suchen.
Wild gestikulierend und falsch grinsend, genau so, wie er es in der ABM-Umschulung Wie werde ich binnen vier Wochen ein superklasse selbstbewußter und arroganter Wessi? gelernt hat, teufelte er unaufhörlich auf das schockierte Kind ein wie ein Paar Zeugen Jehovas, die Sonntag morgens an der Wohnungstür klingeln und einfach nicht weggehen wollen: »Mensch paß doch auf! Kannst Du nicht mein Auto in Ruhe lassen?! Weißt Du eigentlich, was das kostet? Das können Deine Eltern bestimmt nicht bezahlen!« Ja, als Vater hätte er das Kind auf der Stelle verhauen, er sah sich schon um, ob jemand was bemerkt hatte. Aber ich bin da und habe alles gesehen wie die Kioskfrau von Bad Kleinen.
Mit fies-berechnender Vorfreude (Zeugengeld bei Gericht bringt 160 Mark pro Tag, wenn ich´s geschickt anfange), parke ich meine Rostlaube, vorschriftsmäßig mit Warnblinker, mitten auf der Kreuzung: man soll keine Gelegenheit auslassen, irgendwo billig Chaos zu stiften. Geschwind verlasse ich meinen treuen 50-PS-Diesel, stürze mich auf den roten Ritter der 300 blitzenden Pferdestärken, und grimmer Neid umspielt meine höhnisch lächelnden Lippen: »Also nun beruhigen Sie sich mal, junger Mann. Sie haben ja noch Glück gehabt. Wäre Ihnen das in einem serbischen Dorf passiert, wären sie jetzt schon tot.«
Mittlerweile hatte jemand die Polizei gerufen. Elegant umkurvte ein Bullenbulli die Kreuzung, mit Blaulicht, aber ohne Sirene, was ich persönlich sehr bedauerte, gibt doch so ein Nervton dem Chaos erst Würze.
Der Beifahrer sprach mit seinem Funktelefon. Heiter gestimmt, diesmal konnte mit ja nichts passieren, trat ich an ihn heran: »Wissen Sie eigentlich, daß Funktelefone blöd machen?« grinse ich den entgeisterten Familienvater in Uniform an. »Wieso?«, antwortete er, »ich habe schon seit Jahren Sprechfunkverkehr und bin davon auch nicht ... « Rechtzeitig stockte er mitten im Satz, nachdem selbst ihm die mangelnde Stringenz seiner Rede ins Bewußtsein gedrungen war. Irgendwie fühlte er sich beleidigt, wußte nur nicht genau, warum. Rasch stellte er die rechtsstaatliche Ordnung wieder her, indem er die Dienstmütze aufsetzte und barsch meine Papiere verlangte.
Seine jüngere Kollegin, die Fahrerin, hatte nicht so schnell geschaltet, offenbar hatte sie während ihrer Ausbildung zuviel telefoniert: »Aber das ist doch ganz ungefährlich«, plapperte sie bürgerfreundlich auf mich ein, »Millionen funken mittlerweile kabellos, wir haben oft genug Störungen im Polizeikanal. Im Osten geht es ja gar nicht anders, bei dem maroden Telefonnetz hier, und sogar meine kleine Tochter zuhause hat schon ein eigenes Babyphon am Bettchen, damit ich weiß, ob sie ruhig schläft... «
Ha! Nun war ich in meinem Element: Auf diese Gelegenheit, mein frisch erworbenes Wissen zu verbreiten, hatte ich tagelang gelauert: »Erstens benutzen Sie das Muster der Werbefuzzis Millionen Fliegen können nicht irren: Scheiße schmeckt gut!, das ist also gar kein Argument, und zweitens hat die Zeitschrift Ökotest diesen Monat drahtlose Babyphone untersucht und dabei festgestellt, daß die Babyköpfchen inmitten starker elektrischer Felder schmoren, wenn Sie die Sender direkt am Bett befestigen. Es entstehen Felder bis zu 700 Volt pro Meter, sowie magnetische Wechselfelder bis zu 9800 Nanotesla. Das muß man sich mal vorstellen! 9800 Nanotesla! Wenn Sie einen Spannungsprüfer an Ihr Baby halten, leuchtet der gelb auf!«
An das überfahrene Mädchen an der Unfallstelle dachte kein Mensch mehr, alle standen fassungslos um mich herumgruppiert. Ich merkte, wie die Menge zunahm und wurde lauter: »Dasselbe passiert bei Funktelefonen, die Sie sich direkt an den Kopf halten, noch viel stärker, das sind ja ziemlich starke Sender, mit zig Kilometern Reichweite, und das funkt dann ständig Wellen durch Ihr Hirn.« Ich fuhrwerkte zur Illustration mit wedelnden Fingern vor meiner Stirn herum. Einige umstehende Passanten forderten nun ernstlich die Polizei auf, mich ins Irrenhaus zu schaffen, aber dafür hätte der Beamte wiederum telefonieren müssen...
»Diese praktische kleine Mikrowelle am Ohr grillt Ihnen in jeder Betriebs-Sekunde Kubikmillimeter Hirnmasse weg. Das geht wie beim Eierkochen«, höhnte ich dermaßen entfesselt, daß der Polizist nun wenigstens vorsorglich an seiner Pistolentasche zu nesteln begann. »Bei empfindlichen Personen kann das sogar epileptische Anfälle auslösen, stellen Sie sich das vor, mit 160 auf der Autobahn! Wahnsinn!« -
»Das stimmt!« rief eifrig ein junger langhaariger Gymnasiast, der offenbar in Physik und Staatsbürgerkunde gleichermaßen gute Noten hatte. Was für eine sympathische Begabung! »Ich habe gerade in der taz gelesen... Aber warte mal, ich hab´s ja dabei.« Er fingerte ein halbes Zeitungsblatt aus einem fettigen, graffitibeschmierten Papp-Ordner, auf dem vor allem das Peace-Zeichen zu erkennen war. Na gut, normalerweise hätte ich in pawlowschem Reflex auf dieses Stichwort mit unüberbietbarer Süffisanz geantwortet: So, so, in der Taz hast du das gelesen. Na, dann muß es ja stimmen! Jawohl, ein Kommunist muß auch mal allein stehen können, aber für die Verbreitung der Wahrheit unter den Menschen braucht es doch ständig taktische Verbündete aus dem bürgerlichen Friedenslager.
»Hier steht´s«, sagte er, und seine blonde Begleiterin im Hippie-Fell, die genauso zauberhaft aussah wie meine allererste Schülerliebe, nuckelte aufmerksam am Zeigefinger.
Die Piep-Show im Allerheiligsten sorgt bei den Autoherstellern für schlechte Nachrichten: Die tragbaren Handys mit eigener Antenne können den Airbag auslösen! So kann Muttis gutgemeinter Anruf schnell zum bleibenden Erlebnis werden. Das Telefon piept, es knallt ohrenbetäubend, und ein Kunststoffsack springt den Fahrer an. Sekundenbruchteile dauert der Angriff des Sicherheitssystems, bis man, zu Tode erschreckt, das Lenkrad verreißt. Bei Anruf Mord? (16.6.)
So muß es der erfahrene Agitator verstehen, zur Not auch mal dialektisch prinzipientreu den Mund zu halten, auch wenn damit scheinbar die Führung im strategischen Bündnis vorübergehend auf die prinzipiell schwankende und unzuverlässige Jung-Intellektuellenschicht übergeht. Vor allem, wenn sie so hübsche Klassenkameradinnen hat. »Aber dann gehört das doch verboten!« rief das blonde Nixchen empört. Eine verwandte Seele! Klug, aufrecht und intelligent: die bürgerliche Frauenemanzipation hatte im letzten Vierteljahrhundert doch beachtliche Fortschritte gemacht! Nun mußte aber endlich die Arbeiterklasse die ideologische Führung übernehmen. Leider war sie mal wieder nicht da, und so mußte ich in die Bresche springen. Geduldig sprach ich in zwei verträumte blaue Augen hinein, und wie vor 20 Jahren als marxistisch-leninistischer Zeitungsverkäufer geriet ich unversehens ins Agitieren. Klassenkampf-Nostalgie durchbebte mein Blut. Ein ziemlich geiles Gefühl. Die Masse um mich her wuchs.
»Das ist doch ein Milliardengeschäft, erst kassiert das Kapital beim Verkauf der Geräte. Dann kassiert der staatsmonopolistische Postkonzern Riesen-Gebühren und muß nicht so schnell das Telefonnetz im Osten ausbauen. Ha, nochmals gespart!« Zugegeben, diese Volte mittenhinein in die Probleme der antiimperialistischen Theoriebildung war wohl etwas unvermittelt; die Massen begannen mir wieder zu entgleiten. Auch der unreife pickelige Oberschüler entführte seine Freundin im Arm. Warum müssen Blondinen immer so doof sein? Mir blieb nur noch eins übrig: Ich mußte die Menschen auf ihrem Stand abholen, sie rücksichtslos bei ihren Vorurteilen packen, um sie doch noch für den Fortschritt zu mobilisieren, also die leninistische Methode. Meine Stimme preßte scharf und haßvoll wie Ernst Busch in seinen besten Jahren: »Und das Volk wird klammheimlich dumm gemacht! Vor allem die Ossis, die sonst aufmüpfig würden; eine gigantische Verschwörung das Ganze, bestimmt steckt die CIA dahinter... « Bei den letzten Worten drehte sie sich noch mal um und lächelte. Ich hatte ein Gefühl wie Thomas Mann an seinem 75. Geburtstag, als er Katja zu Ehren überraschend eine Erektion zustandekriegt.
Mittlerweile hatten sich mehrere Untergruppen von erregt Diskutierenden gebildet. Die Plattenbaubewohner hingen zu Trauben aus den Fenstern und wollten wissen, was da unten los ist. Am Rand standen kleine Jungs und bohrten in der Nase. Der Straßenverkehr erlebte Rückstaus vom Alex bis zur Linie 1. Trotz gesundheitlicher Bedenken funkte die Polizei absurderweise die Feuerwehr um Verstärkung an, so durcheinander war die Staatsmacht. Das verunglückte Mädchen war samt Rad längst verschwunden. Der feiste BMW-Fahrer wurde gerade von fünf polnischen Mafiosi und einer Gruppe besoffener Skinheads gemeinsam in die Mangel genommen und um Brieftasche und Autoschlüssel erleichtert. Da sieht man mal wieder, wie das Fortschreiten der Zersetzung des bürgerlichen Staates das Zusammenwachsen der Völker befördert. Ich atmete tief durch, meine Augen müssen geblitzt und geleuchtet haben wie die Stalins beim Sturm auf das Winterpalais. Wenn ER dabei gewesen wäre. Ruhig begab ich mich zu meinem Wagen zurück, umkurvte den Stau auf dem Fußweg und fuhr, gemächlich und fröhlich die Marseilles pfeifend, dem Marx-Engels-Platz entgegen. Jaaa, an Tagen wie diesen fingen früher Revolutionen an...
Im Herbstwind flatterten die Stoffbahnen der Schloßattrappe. Auch dieser falsche Palast würde bald stürzen!
Postskriptum: Damit ist, so hoffe ich, alles gegen die grassierende Portabel Funki- und Handy-Sucht gesagt, und die ganzen Milliarden-Invest-Wixer von D1, E-Plus, D2 bis Telekom sind erledigt! Andererseits ist es irgendwie ja auch tröstlich: Die ganzen angeberischen Idioten, die Treuhandfunktionäre, die Ost-Aufräumer, die unerträglichen Jungmanager und Agenten, die gestreßten Anschlußfunktionäre und die grüne, grüne Polizei: Alle werden sie mit jedem einzelnen Telefongespräch ein Stück bekloppter. So soll es sein! Ruft an! Die Vorwahl ist 0161 oder 0172.
Mobilfunk macht blöd.