Jürgen Witte: Reise ins Ich
Man fährt im Winter nicht zum Vergnügen an die Nordseeküste. Was haben diese grauen Menschen hier Böses getan, daß sie sich so bestrafen müssen. Die Gesichter sind hinter Schirmen und Schals vergraben. Kaum einer hebt den Blick zum Gruß. Weihnachtsflüchtlinge, viele Ehepaare ohne Kinder, Menschen die sich langweilen. Es regnet ständig. Auch im dichtesten Ölzeug hält man es draußen kaum eine halbe Stunde aus. Dann muß man zurück in die enge Ferienwohnung und setzt sich vor einen warmen Fernseher. Der NDR sollte ein Kaminfeuer während der Sendepause ausstrahlen, zumindest im Winter.
Neuharlingersiel. Ein Hafen, ein Hallenbad und ein Campingplatz. Dazwischen Häuser, vollgepfropft mit leerstehenden Ferienwohnungen. Um die dreihundert richtige Einwohner, viele von ihnen machen jetzt Urlaub, anderswo. Frage mich, warum Menschen, die vom Tourismus leben, die die Penetranz der Touristen aus eigener Erfahrung kennen, dann doch selbst auch Tourist sein wollen.
Mittagszeit, alle Läden sind geschlossen. Nach dreimaliger Umrundung des Hafens werde ich abenteuerlustig, ich nehme die erste Sackgasse, die von der Durchgangsstraße abgeht.
Manche Leute kaufen sich ganze Ferienhäuser. Einer davon werkelt einsam an einem Schuppenanbau für seinen Rasenmäher. Dem Autokennzeichen nach kommt er aus dem Ruhrgebiet. Das Schuppendach reicht bis an die Grundstücksgrenze. Jetzt sind die Wände dran, die Tür, vielleicht auch noch ein Fenster? Der Raum wird nur wenig größer werden als ein Plumpsklo. Aber sein Einheitsferienhaus sieht dann ganz anders aus als alle anderen in dieser Straße. Er hat eingeheizt. Qualm aus dem Schornstein zieht durch die verödete Dorfrandsiedlung. Seine Frau und zwei Kinder laufen ziellos im Haus herum. Die Mäntel und Mützen haben sie anbehalten. Die Verandatür steht offen. Sie lüften aus und langweilen sich.
Den gleichen Weg zurück, nicht schon wieder zum Hafen. Sogar die Papierkörbe im Kurpark sind abgeschraubt. Wenn ich mich dem Ententeich nähere, kommt das wetterfeste Viehzeug erwartungsvoll angerudert. Zweimal umrunde ich den Teich. Die Enten immer im Schlepptau. Von oben besehen, so denke ich, muß das sehr lustig aussehen. Keiner kuckt.
Am Hafen stehend fällt mir ein, ich könnte ja einmal Kutter auf Königslutter reimen. Ich verfolge die Idee weiter. Ein Kahn aus Bad Zwischenahn wäre in der nächsten Zeile denkbar, auch ein Nachen aus Aachen fällt mir noch ein. Ich höre auf, die Idee weiter zu verfolgen.
Rechts oder links? Geradeaus ist immer das Meer. Also links, am Deich entlang. Der Campingplatz ist vollgestellt und menschenleer. Jeder Wohnwagen ist häßlich, im Winter sind sie noch häßlicher. Eine feuchtgraue Staubschicht überzieht den stumpfen Kunststoff. Die Wagen stehen so eng, daß man sich zwangsläufig gegenseitig in die Fenster sehen muß. Mancher Stellplatz hat ein abgezäuntes Vorgärtchen, mancher nur einen grauen Hinterhof. Das große Luxus-Modell, die alpenländisch-gemütliche Wohnwagenvariante mit dem angetäuschten Giebeldach und den aufgemalten braunen Fensterläden gewinnt immer mehr Liebhaber, obwohl daran, wie es scheint, kein Vorzelt befestigt werden kann. Einer hat in seinem Vorgarten Schwarz, Rot, Gold aufgezogen. Der einzige Mensch, den ich treffe. Er wäscht seinen Wagen, trotz des Regens. Der Supermarkt am Campingplatz ist nur Vormittags von 8 bis 12 Uhr dreißig geöffnet.
Der Jugend- und Fitnessraum ist mit einer behindertengerechten Rampe ausgestattet, aber leider wegen Vandalismusses bis auf weiteres geschlossen. Frage mich, welche Verbindung sinnfälliger ist, Behinderter und Fitness oder Jugend und Vandalismus.
Den Deich entlang zurück. Am Strand vor dem Deich ist es mir zu windig. Nur einige Profis für Nordsee im Winter mit artgerechter Pudelmütze halten das aus, ich bin noch Amateur. Soll ich mir auch eine Mütze kaufen?
Der einzige in dieser Jahreszeit betriebene Andenkenshop am Hafen öffnet wieder um 15 Uhr. Man führt hier die Broschüre über Sturmfluten, die ich in einer heimatkundlichen Vitrine gesehen habe, leider nicht, und verweist mich an den Kurverein.
Die Galerie im Haus des Kurvereins zeigt die verworrenen Bilder eines Malers aus dem Ruhrgebiet, der sich hier in Ostfriesland niedergelassen hat und sich der informellen Malerei verbunden fühlt. Alle 16 Bilder sind gegenstandslos und sehr bunt. Mögen die Menschen aus dem Ruhrgebiet Ostfriesland, weil es so grau ist?
Wohin? Rechts oder links? Geradeaus ist immer das Meer. Endlich hat das Cafe-Restaurant seine Mittagspause beendet.
In der Broschüre über den Kampf der Küstenbewohner mit den Naturgewalten finden sich seltsame Sätze wie diese:
Im Folgenden sollen vier Sturmfluten vorgestellt werden, wobei zwei als längst vergangene Fluten, und zwei als zeitgenössische Fluten zu bezeichnen sind. Alle Fluten hatten als gemeinsames Ziel die Zerstörung der Deiche, um nach erfolgreichem Kampf gegen die Deiche das Binnenland zu überfluten. Ob ihnen das gelang, darüber soll berichtet werden.
Ich erfahre, daß sowohl die große Weihnachtsflut von 1717 als auch die Blasiusflut von 1815 das gemeinsame Ziel erreicht haben, daß aber die 1962er und 1976er Fluten sich weniger erfolgreich in Szene setzen konnten.
Ich ernte unfreundliche Blicke des Bedienpersonals, weil ich meinen Tisch über Gebühr lange nutze. Sie hoffen, daß ich mich bald wieder in meine Ferienwohnung setze und die Broschüre dort zuende lese. Ich hätte dort doch auch viel mehr Möglichkeiten, denken sie, ich könnte zum Beispiel fernsehkucken.
Zwei weitere Sackgassen mit Ferienhäusern. Keine Menschen, zwei Autos, beide grau-metallic, eines aus Duisburg, das andere aus Dortmund.
Auf dem Rückweg nochmals durch den ans Hallenbad angrenzenden Kurpark. Ich habe schon alle Routen ausprobiert, ab jetzt gehe ich immer auf schon bekannten Wegen. In einem, dem Wind nur lückenhaft trotzenden Pavillon, findet sich ein, mit einer Plexiglasscheibe gegen eindringende Feuchtigkeit geschätzter Hinweiszettel:
Verlasse diesen Pavillon, wie ein Spiegelbild deines ichs. Der Satz macht mich nachdenklich.
Als ich weitergehe, kann ich sehen, daß unter den Bänken zwei geleerte Faxe-Bierdosen stehen. Daneben liegt eine zerdrückte Zigarettenschachtel. Ist das mein Spiegelbild? Bin ich zwei leere Dosen Faxe-Bier? Ich könnte jetzt eine gute Tat tun und dabei mein Spiegelbild etwas aufbessern, aber im Kurpark sind sämtliche Papierkörbe abgeschraubt.