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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XV

Was bisher geschah:

Victor Orloff, Privatdetektiv, ist im eigenen Auftrag (Gummiallergie) auf der Suche nach der Pflanze, die AIDS besiegt. Dem CIA auf der Schwäbischen Alb entronnen, fällt Orloff ein Auftrag zur Ermordung von Orloff in die Hände. Die Spur führt zur Telefonsex-Firma ICS auf den Osterinseln. Als Victoria Orlowski verkleidet bietet er dort seine Dienste an und erfährt, daß seine geliebte Indiana Jane für die ICS arbeitet. Da zieht er seine Waffe.

Folge XV: Mutters warmer Streuselkuchen

Nach einer alten indianischen Überlieferung. Nacherzählt und behutsam in die Gegenwart übertragen von J. & B. Witte.

Wenn man eine 38er abfeuert, dann macht es nicht einfach nur Peng. Die Wirklichkeit ist härter, als es sich spielende Kinder vorstellen. Eine 38er klingt eher dumpf, und Bumm trifft es auch nicht. Alles, woran ich mich aber erinnern konnte, war ein trockenes Bumm im Schädel, und dann war ich in ein schwarzes, mit Samt ausgeschlagenes Loch gefallen. Vielleicht macht es tatsächlich Bumm, wenn man von einer 38er in den Kopf getroffen wird, aber keiner konnte mir bisher davon erzählen, und auch ich wäre danach wohl kaum zu diesen Erwägungen fähig. Oder hatten sie mich tatsächlich endgültig in die Hölle verfrachtet? Es war düster und stickig, soweit so gut, aber mir war kalt. Irgendwo säuselte eine Klimaanlage. Sollte es in der Hölle nicht warm sein? Ja, verdammt, in der Hölle hatte es warm zu sein!

Ich hörte eine Stimme. »Steht er dir?« Ganz weit weg. »Komm, ich nehme ihn in den Mund!« Diese Stimme hatte ich schon mal gehört. »Ich mach´s dir gut, weißt du, ganz langsam«, sagte sie und dann: »Oooooh, du machst mich geil!« Wenn jetzt der Zeitpunkt gekommen war, an dem mein ganzes Leben nochmal an mir vorbeizog, dann hatte der Herr über Leben und Tod den falschen Film eingelegt. »Oh, ist der aber groß! Ich will ihn jetzt! Ja, steck ihn mir rein!« Aus bekannten Gründen hatte ich bisher von einem Besuch bei Gunstgewerblerinnen immer Abstand genommen. Das war verdammt nochmal nicht mein Leben! Ich hatte mich in den dunklen Gängen des Schachtelkinos für gerade Dahinscheidende hoffnungslos verirrt und war im falschen Saal gelandet.

»Ja, komm, ich zieh dir den Präser über!«

»Nein! Indy, tu´s nicht!«

Ich schrie, was das Zeug hielt. Minutenlang, es können aber auch Stunden gewesen sein. Ich sah ihn vor mir, diesen Schwanz, wie er bräunlich gelb anlief und nach kurzer Zeit sah seine Oberfläche aus wie ein Stück von Mutters warmem Streuselkuchen. Die Schmerzen waren unerträglich. Ja, das mußte die Hölle sein, eine Hölle ganz allein für mich. Oder ich lag irgendwo in einem Keller der Labors von Rubber-International, und sie hatten mich zum Versuchskaninchen für ihre neuesten Latexmischungen gemacht.

Als ich aufwachte, betonte Indiana Jane´s Stimme noch immer, wie geil ich sie machen würde und drängte darauf, daß ich jetzt kommen solle, da auch sie dem Höhepunkt sehr nah sei. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, daß sie mich persönlich meinte. Auf dieser Ebene liefen Gespräche zwischen uns nicht ab. Das war nicht meine Indy, das war eine Fickphantasie der ICS. Hätte mir Jane nicht dauernd dazwischengequatscht, ich wäre wohl schneller zur Rekapitulation meiner Lage im Stande gewesen, aber als ich mir endlich zusammengereimt hatte, daß mein Filmriß im Büro der ICS passiert sein mußte, und ich gerade dabei war, die nicht unbeträchtliche Beule an meinem Hinterkopf ausgiebig abzutasten, da dämmerte mir, daß ich wohl in einem Verschlag nahe dem Telefonsex-Arbeitsplatz von Indiana Jane gelandet war. Für mich gab es hier kein Licht, wahrscheinlich auch kein Wasser und Brot und ganz sicher kein Telefon. Ich tastete weiter. ... Arme! ... Beine! ... Titten? Nach einer Schrecksekunde erinnerte ich mich wieder an meine Maskerade. Alles noch da, sie hatten mich nicht auseinandergenommen. Nur die 38er fehlte, und ich wußte, sie würde mir sehr fehlen, falls ich versuchte, hier raus zu kommen.

Ich konnte mich in meiner Zelle frei bewegen. Nun herumstolpern traf es wohl eher. Allein das Aufstehen erforderte mehrere Versuche. Als ich endlich von der Pritsche heruntergekullert war, robbte ich noch einige Zeit auf dem Boden herum, bevor ich mich aufrichtete und feststellen konnte, daß die Decke der Zelle weit genug entfernt war. Hier drin hatte ich mir die Beule an meinem Schädel nicht geholt.

Janes Stimme kam von jenseits der Wand, an der ich gelegen hatte. Schon wieder bat sie, daß ich ihn ihr reinstecke. Ich ignorierte die Aufforderung und begann an der Wand zu kratzen. Es klang hohl, wie aus Gipskarton oder Preßspan. Zwischen ihren Ohs und Ahs versuchte ich zu klopfen, aber auch das konnte sie in ihrer gespielten Ekstase wohl kaum hören. Später setzte ich mich auf auf die Pritsche und donnerte mit dem Rücken an die Wand. Ich versuchte L-0-V-E zu morsen. Ich wußte, sie würde mich daran erkennen, aber nichts konnte sie von ihrem sich gerade anbahnenden Audio-Orgasmus abringen. Verzweifelt knallte ich meine Schultern wieder und wieder gegen die Wand. Sie schrie vor Lust. Dann war es an mir zu schreien. Ich hatte nicht aufgepaßt, und die noch frische Beule war an die Wand gedonnert. Mein Schädel schien in tausend Teile zu zerspringen. Nebenan hechelte sie: »Weiter, weiter! Ja!« Die Frau hatte Nerven. »Mir kommt´s! Mir kommt´s jetzt!« Ob mein Schmerzensschrei sie angestachelt hatte? In meinen Schädel entluden sich Blitze und Donner.

»Ahh ja, ist das schön!« säuselte sie erleichtert. Ich sank erschöpft auf der Pritsche zusammen. Dann war Ruhe.

Leise, nur mit dem Zeigefinger morste ich: L-O-V-E. Dann morste ich mit der Faust, schließlich hielt ich mir die Hände hinter den Kopf und morste nochmal mit den Schultern. Keine Reaktion. Plötzlich sprach sie wieder: »Hallo Süßer, wollen wir es uns gemütlich machen? Ich bin Jane, Indiana Jane!«

»Ja, mein Gott, das weiß ich! Verdammt nochmal, Indy, hol mich hier raus!« Wenn mein Geschrei von vorhin keine schlafenden Hunde geweckt hatte, dann gab es hier vielleicht gar keine schlafenden Hunde.

»Ich sitze auf dem Sofa und spiele mit meiner Muschi, willst du nicht auch deine Hose aufmachen?«

Konnte die Frau an nichts anderes denken als an Sex?

»Jane! Hilf mir bitte, Jane!« bettelte ich.

»Komm, laß uns zusammen Spaß haben!«

Es hatte keinen Zweck, sie hielt sich an den vorgegebenen Text. Ich versuchte, ihr Säuseln und Gurren so gut als möglich zu ignorieren, und machte mich an eine erneute Besichtigung meiner Zelle. Langsam tastete ich mit der Hand jeden erreichbaren Quadratzentimeter Wand ab. Irgendwo mußte sich doch eine Tür oder eine Luke befinden.

»Ja, faß mich an, streichle mir die Titten!« Ich hatte das Gefühl, sie sähe mir zu und mache sich über meine Bemühungen lustig. Dann stopfte ich mir die Finger in die Ohren. Ich kannte die Stelle mit dem Gummi mittlerweile gut genug und wollte meine Nerven schonen. Kaum fingerte ich wieder an der Wand, da japste sie auch schon: »Tiefer, tiefer!«

»Warum nicht«, dachte ich, und tastete hinunter bis zur Scheuerleiste. Da war etwas, ein Stecker, ein Kabel, ein Schalter. Ich schloß die Augen, betete kurz, und als Jane auch noch »Ja, so ist´s richtig!« hechelte, drückte ich auf den Knopf. Plötzlich war es hell. Eine Glühbirne erleuchtete die Zelle. Gegenüber sah ich die Tür, die ich so verzweifelt gesucht hatte. Ich rappelte mich auf und konzentrierte mich auf meine rechte Schulter, auf daß sie groß und stark werde, und dann rannte ich los.

»Komm jetzt! Komm!« rief Jane mir zu.

Die Tür gab nach, ohne daß ich auch nur das Geringste in meiner Schulter gespürt hätte. Meine Anrufung der Alt-Meister des Kung-Fu wäre nicht nötig gewesen. Die verdammte Schwingtür pendelte quietschend aus, als ich in das grinsende Gesicht von Mr. Jones blickte. Er nahm sofort den Kopfhörer ab und drehte Janes Stimme leiser.

»Orloff, gut geschlafen?« Er deutete auf einen Sessel und langte eine eiskalte Flasche Bommerlunder aus der Ice-Box neben seinem Schreibtisch.

»Ich habe gehört, S ie mögen das Zeug?!« Ich nickte und setzte mir die Flasche an den Hals. Er selbst trank Diät-Cola. Nun ja, er war Ami und er war bei der CIA. Solche Menschen trinken auch Diät-Cola.

»Nun, wie finden Sie unseren Laden hier?«

Ein Dutzend TEAC-Bandmaschinen, Telefonleitungen und eine Micro-VAX, die die ganze Anlage steuerte. Man hätte die gesamte Telefonsex-Klitsche in einer Garage unterbringen können.

»Sehr nett«, sagte ich, »es gibt wohl kein mieses Gewerbe, in dem die CIA nicht die Finger drin hat.«

»Wie Ihnen sicher schon aufgefallen ist, ist das eine genial einfache Möglichkeit, unsere weltweit operierenden Undercovers mit Informationen zu versorgen!«

Es war mir noch nicht aufgefallen, aber es leuchtete mir sofort ein.

»Vorausgesetzt, die Jungs können immer ihre Telefonrechnung bezahlen«, witzelte ich.

»Machen Sie sich keine Sorgen, wer hier welchen Tarif bezahlt, das bestimmen wir!«

»Und Jane? Wo ist Jane?«

Er stellte einen Kassettenrecorder ab und gab mir die Kassette. »Hier drauf! Ich schenk es Ihnen, Sie können sie behalten.«

Ich sah ihn entgeistert an.

»Gutes Script, vor allem die Stelle mit dem Gummi, nicht?«

»Was haben Sie mit ihr gemacht!« Ich versuchte, bedrohlich auszusehen, aber ohne meine 38er gelingt mir sowas nur selten.

»Wir haben die Stimme gesampelt. Wie ich an Ihren Reaktionen sehe, ist uns das Band gelungen!«

Mein Gott, schoß es mir durch den Kopf, mit dieser Technik können sie die Fangemeinde auf ewig mit neuen Hits von Elvis Presley und John Lennon beliefern! Aber die Zukunft des Rock ´n´ Roll lag mir im Moment weniger am Herzen.

»Und ich, was wird aus mir´!« fragte ich.

»Ah ja, gute Frage! Kommen wir zur Sache. Nachdem Sie uns auf der Schwäbischen Alb entwischt sind, hatten wir keine Lust, Sie erneut zu suchen. Also dachten wir, wenn die ICS Sie beauftragt, sich selbst zu killen, dann werden Sie schon von ganz allein hier auftauchen. Immerhin haben Sie noch einen Job für uns zu erledigen!«

»Die Ghadaffi-Sache? Vergessen Sie´s!«

Er schmunzelte. In seinem schmalen schwarzen Gesicht leuchtete eine Reihe makellos weißer Zähne.

»Die Dinge haben sich geändert, Orloff. Wissen Sie, daß die Flora der libyschen Küste wesentlich vielfältiger ist, als man gemeinhin annimmt?«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Es gibt da einige hochinteressante Sukkulenten. Rubber-International findet diese Pflänzchen so interessant, daß sie mit Ghadaffi über den großflächigen Einsatz von Herbiziden verhandeln. Wie man hört, ist denen das eine Stange Geld wert.«

»Und Sie meinen, wenn Ghadaffi der Freund meiner Feinde ist, dann ist er auch mein Feind?«

»Nein, wir meinen nur, daß Sie sehr dickköpfig sind!«

Noch bevor ich mich umdrehen konnte, knallte schon wieder ein Baseballschläger auf mich nieder.

Als ich erwachte, fragte mich die Stewardeß, ob es mir jetzt besser ginge. Sie schnallte mich los und stellte die Bordverpflegung auf das Tablett vor mir. Dann fragte sie noch, wo denn mein netter Freund geblieben sei. Schließlich fragte auch ich etwas:

»Wohin fliegen wir?«

»Bengasi!« sagte sie, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Ich hatte noch eine zweite Frage.

»Bengasi, liegt das in Libyen?«

Fortsetzung folgt

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 13
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