Kurznachrichten: Gaisburger Marsch
Gott kann alles
(Andreas Scheffler) Warum darf man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich keine Witze über die Kirche machen? - Weil Gott über den Äther direkt mithört, furchtbar sauer wird und dann massenhaft Blitze auf die Erde prasseln läßt? Das wäre denkbar, schließlich wird ja auch behauptet, er sei dazu in der Lage, allsonntaglich bei zigtausenden von Gottesdiensten anwesend zu sein. Wer sowas kann, für den ist das Abhören von Ultrakurz- und anderen Wellen ein Klacks, zumal er zu dritt ist.
Händler, meldet den Alkohol!
(OL) Mein Spirituosenhändler ist ein imposanter Mann. Er ist stets gut frisiert, trägt Brille mit Goldrand und kleidet sich schick. In seiner Strickweste verschwindet ein breiter Schlips, dem ein umgelegtes Goldkettchen mehr Wirkung verleihen soll.
Als ich den Laden, keine hundert Meter von meiner Haustür entfernt, betrete, preist er einem offensichtlichen Kollegen mit knarzender Stimme Apfelkorn an. Zu diesem Zweck holt er hinterm Ladentisch zwei gurkenglasgroße Likörschwenker hervor und flötet. »Der wird Ihnen sicher bekommen.« Kein Zweifel, daß dem Kollegen das Wässerchen nicht den Magen versaut. jener ist einer von der Sorte, die oft Danke sagt und beim Trinken lang schon nicht mehr auf Geschmacksnuancen achtet. »Davon hab ich mir Mittwochabend eine ganze Flasche genehmigt«, meint mein Händler. Ich verlange von ihm eine große Flasche FALCKENTHAL ZINNAER KLOSTERBRUDER, auch Kantholz genannt. Mein Händler gesteht mir guten Geschmack zu und wirft das Wechselgeld mit weitausholendem Zittern durch den Laden. Sein Kollege bedankt sich für irgendwas, noch bevor die Gurkengläser wieder gefüllt werden. Es ist 10 Uhr 15, und ich ahne, daß der kleine Laden auch heute wieder Wegen Krankheit geschlossen wird. Vorzeitig.
Tierversuche
(Horst Evers) Kaum hatte mich die Rolltreppe vor Karstadt aus dem U-Bahnhof Leopoldplatz auf den tageslichtumstrahlten ebenen Bürgersteig befördert, als auch schon eine strahlende junge Frau, mit Klemmmappe (Rechtsschreibreform!) im Arm, auf mich zugesprungen kam:
»Guten Tag, Sie sind doch sicher auch gegen Tierversuche, oder?«
Ich kam ins Grübeln.
»Ähm, meinen Sie jetzt generell bei allen Tieren, oder nur bei den niedlichen.«
Sie schien etwas imitiert.
»Ich glaube, ich meine schon generell bei allen Tieren.«
»Ah. Sie meinen auch bei den ganzen kackenden Tauben hier, den Ratten in meinem Haus und dem widerlichen kleinen Kläffer meiner Nachbarin?«
»Doch, auch bei denen.«
»Hm. Ich weiß nich.«
Ich überlegte hin und her, beschloß dann aber fünfe gerade sein zu lassen, wahrscheinlich prüfte das ja sowieso niemals irgendwer nach, und sagte überzeugend:
»Najaaa, da bin ich dagegen.«
»Dann macht es Ihnen ja sicher auch nichts aus, hier zu unterschreiben.«
»Kost´ das was?«
»Nein.«
»Hm. Ich weiß nich, was nix kost´, das is doch meist auch nix.«
»Sie können mir natürlich auch ne Mark für die Unterschrift geben.«
»Okay, das scheint mir fair.«
Virtual Reality
(Hans Duschke) Eine wahre Geschichte aus den USA: Ein zum Tode Verurteilter hat dort seinen Körper der Wissenschaft vermacht. Zu Forschungszwecken. Was tut die Wissenschaft, in der Nachfolge des Dr. Frankenstein? Zunächst untersucht sie den Leichnam auf Anomalien. Daraufhin wird der Körper tiefgefroren und vertikal halbiert. Dann wird die Leiche in 1 mm dünne Scheiben zerschnitten. Jeder Abschnitt (Wortwitz) wird fotografiert und in einen Computer einge<en>scannt. Dort werden die einzelnen Bilder wieder zusammengesetzt. Der Hingerichtete ist jetzt eine Datei, er heißt Der gläseme Mensch und kann über internet abgerufen werden. »Aber das müßte ja etliche Giga...« - »Ja, genau. Eine riesige Datei. Wenn du ihn runterladen willst, dauert das mehrere Wochen. Ansonsten aber: shareware.« An einer Gläserne Frau wird schon gearbeitet.
Geheimtip
(Bov Bjerg) In einigen griechischen Bergregionen, so wurde mir erzählt wird seit kurzem, nachdem ein Lamm zur Welt gekommen ist, die Nachgeburt gefeiert. Mit einer Föten-Feta-Fete. Man tue dies nur, um deutsche Touristen anzulocken, die das Wort Föten-Feta-Fete so komisch finden.
Große karierte Tasche
(Gabi Schlaug) In der U-Bahn. Eine Frau, die direkt einem Horrorfilm entsprungen zu sein scheint sitzt mir gegenüber. Ausgezehrtes, faltiges Gesicht, wäßrige, hellblaue Augen, dicke, wulstige Lippen. Sie atmet schwer und starrt mich unentwegt an. Ich versuche, meine Angst zu verbergen.
Sie greift in ihre große karierte Tasche. Ich weiß, sie wird eine Waffe herausziehen, sie auf mich richten und abdrucken. Soll ich versuchen zu fliehen?
Es ist nur ein mit Blut- und Eiterflecken besudeltes Taschentuch. Sie putzt sich die Nase und steckt es wieder zurück. Ein dünner Speichelfaden verbindet es noch mit ihrem Mund. Dann steigt sie schwankend aus.
Tübingen
(Bov Bjerg) Tatsächlich, ich war dort. Ein Bilderbuchstädtchen, in dem man ständig fürchtet, der Himmel tut sich gleich auf, und das riesige Gesicht eines Kindes erscheint. Dann macht es patsch!, eine Riesenkinderhand saust auf mich nieder, plattgedrückt vernehme ich die donnergleiche Riesenkinderstimme, die beim Bilderbuchangucken zur Riesenkindermama sagt: »Mann!« Außer mir schlenderten auch viele junge Frauen durch die Gassen, von denen allerdings jede zweite so aussah, als studierte sie evangelische Theologie. Patsch! »Frau!«
Fragment einer Geschichte der Evolution I
(Bov Bjerg) Daß hauptsächlich Männer schnarchen, liegt an der Evolution: Als Beschützer von Weibchen und Nachkommen mußten sie eine Möglichkeit finden, schlafen zu können und trotzdem Angreifer fernzuhalten. (Die Frauen hatten damals einen tieferen Schlaf als heute, weil Freud noch nicht auf der Welt war.) Die Männer, die am lautesten schnarchten, konnten ihren Nachwuchs am besten schützen und pflanzten das Schnarch-Gen immer weiter fort. Mit der Zunahme alleinerziehender Mütter begannen auch immer mehr Frauen zu schnarchen.
Fieberwahn
(Jürgen Witte) Ich bin krank, schon wieder dieser verdammte Virus. Eine Erkältung ohne richtigen Husten oder Schnupfen. Symptome wie aus der Wick-Medi-Nait Werbung: Kopf- und Gliederschmerzen, vor allem aber Schlaflosigkeit. Dazu ein weiteres, noch nicht von der Werbung entdecktes, typisches Symptom: Wenn ich schreiben will, mache ich mindestens drei Tippfehler pro Zeile. Da ich nur noch schriftlich denken kann, bleibt mir nichts anderes, als jeden Denkvorgang zu stornieren, bis die Krankheit vorbei ist.
Im Spiegel besehen komme ich mir völlig fertig vor. Ich könnte ja wenigstens mal wieder die Haare waschen, doch überall in der Stadt hängt dieser Typ mit den bekifft-verhangenen Augen und den fettigen Strähnen herum, der für H&M-Unterwäsche Werbung macht. Ich verschiebe auch das Haarewaschen bis nach der Infektion und fühle mich ganz schön modisch dabei.
Woolworth
(Bov Bjerg) Seine Kollegin fragt: »Und, wie war der Urlaub?« Er antwortet: »Naja, muß ja.« Nach diesem Gespräch wendet er sich mir zu. Er ist nämlich Verkäufer in der Radio-Abteilung. Er berät mich: »Der hier hat zum Beispiel zwee Lautsprecher. Det is natürlich besser als einer.« Vier Millionen Jahre brauchte das menschliche Hirn, bis es solche Sätze hervorbringen konnte.
Fragment einer Geschichte der Evolution II
(Bov Bjerg) Daß hauptsächlich Männer Schweißfüße haben, liegt daran: Als Beschützer von Weibchen und Nachkommen schliefen sie, um Angreifer fernzuhalten, mit den Füßen zum Höhlenausgang. Die Männer mit den schweißigsten Füßen konnten ihren Nachwuchs am besten schützen und pflanzten das Fußschweiß-Gen immer weiter fort. Mit der Zunahme alleinerziehender Mütter bekamen auch immer mehr Frauen Schweißfüße. (Wird fortgesetzt. Beim nächsten Mal: Berufsbilder des frühen Holozän. Römisch Eins: Der Hals-Nasen-Ohren-Schamane.)
Recycling
(Andreas Scheffler) Vor den drei Altglascontainern steht eine junge Frau. Es sind Container für Weiß-, für Grün- und für Braunglas. In der Hand hält sie eine leere Sektflasche. Die Flasche ist eindeutig grün, doch die Dame scheint angestrengt zu überlegen. Dort steht sie und denkt nach, zwei Minuten etwa. Hat sie vielleicht gerade gemerkt, daß ein Rest Prickelwasser zurückgeblieben ist, den sie nicht verschwenden will? Ich weiß es nicht. - Da! Sie hat sich entschieden und wirft entschlossen die grüne Flasche in die Tonne für Braun. - Warum tut sie das? Ich überlege. Erst zehn Minuten später kommt mir die Erleuchtung: Sie trug eine Sonnenbrille.
Vorderhaus Parterre
(Bov Bjerg) Ein Fenster zum Gehsteig. Voll mit Aufklebern: ROBBY, wer immer das sein mag, Ein Herz für Kinder, ZDF; Postkarten, Wimpel, ein grünweiß gestreifter Schal, Teddybären, Stoffhasen. Außen sind Spiegel angebracht, durch die man wohl vom Zimmer die Straße beobachten kann. Wenn ich solche Fenster sehe, denke ich immer, dahinter liegt, in einem Zimmer, das nach Medizin stinkt und nach Wickwaberup, ein schwerkrankes Kind, dem Tode geweiht dessen einzige Freude darin besteht, in seinen lichten Momenten das bunte Fenster zu betrachten und durch die Spiegel die Passanten, die sich ihrerseits über das Fenster freuen.
Oft kommt die Mutter herein, mit Tee, von dem sie weiß, daß er das Kind auch nicht mehr gesund machen wird, und einmal am Tag kommt der Arzt, der draußen im Flur der Mutter mitteilt wie es um ihr Kind bestellt ist. Er spricht sehr leise, damit das Kind nichts hört. Aber das Kind, weil es ein sehr aufgewecktes und durch die Krankheit gereiftes Kind ist, weiß natürlich längst, was los ist.
Ich glaube, in Wirklichkeit gibt es diese Art von todkranken Kindern gar nicht. Außer dem Buben in England, der Leukämie hat und der dauernd in der Zeitung ist weil er so viele Postkarten gekriegt hat wie noch keiner auf der Welt, um ins Guiness-Buch der Rekorde zu kommen. Außer diesem Buben in England gibt es diese Art von todkranken Kindern gar nicht. In Wirklichkeit liegt hinter dem Fenster kein von der Krankheit gezeichnetes Kind in seinem Bett sondern es sitzt in seinem Fernsehsessel ein vom Bier gezeichneter Berufskraftfahrer, der nur sein Wohnzimmerfenster genauso dekoriert hat wie sein Lastwagenführerhäuschen.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08