Bov Bjerg und Hans Duschke: Satire, wie sie sein sollte
Sehr geehrter Herr Wirtschaftsminister Rexrodt!
Das ist gut. Der Satiriker sagt nicht etwa »Möllemann« oder gar »Erhardt«, nein, er sagt: »Rexrodt«. Ein guter Satiriker muß stets auf dem laufenden sein, um seinen Finger in Wunden legen zu können, solange diese noch offen sind.
Ich schreibe Ihnen diesen Brief, denn mir ist wahrlich nicht zum Lachen zumute.
Vorsicht, Falle! Hier haben wir es mit einem raffinierten Stilmittel zu tun. Satiriker, wenn sie unter ihresgleichen sind, nennen es: »Uneigendliches Sprechen«. Denn, wie wir wissen, ist dem Satiriker persönlich eigentlich immer zum Lachen zumute.
Zwar bin ich noch nicht arbeitslos (Gott sei Dank!), aber meine Situation ist furchtbar.
Ein hartes Wort: Furchtbar. Doch Satire sollte die Dinge beim Namen nennen und kein Blatt vor den Mund nehmen, auch auf die Gefahr hin, daß einem das Lachen buchstäblich im Halse steckenbleibt.
Täglich muß ich mit dem Auto zur Fabrik fahren, denn unser Bus fährt schon lange nicht mehr und ist auch viel zu teuer. Doch damit nicht genug, und somit zum eigentlichen Grund meines Schreibens: Es ist unmöglich, die Ratenzahlungen für meinen Opel Ascona zu leisten. Denn alles wird teurer, und die Miete ist so hoch, daß ich sie kaum bezahlen kann.
Wir nähern uns der Textaussage. Besonders geschickt in diesem Zusammenhang ist die Erwähnung eines Kraftfahrzeuges, Typ »Opel Ascona«. Der Satiriker übt solidarische Kritik an der Kleinbürgerlichkeit dessen, für den er sich einsetzt und zu dessen Wohlergehen er ja letzten Endes Satire macht. Dazu sagt man auch: »Dem Publikum den Spiegel verhalten«.
Sie wissen, Herr Rexrodt, daß ich das Auto brauche. Um zur Arbeit zu fahren. Und so war ich gezwungen, einen »neuen« Kredit aufzunehmen, aber viel teurer. D. h.: Die Zinsen sind viel höher.
Da ist sie, die Textaussage. Ohne Rücksicht auf Nachteile, die er durch solche Direktheit erleiden könnte, Nachteile wie zum Beispiel Zensur, Attacken des politischen Gegners, Überfälle von Rechtsextremisten usw., ohne jegliche Rücksicht also auf seine eigene Person nimmt der Satiriker einen Mißstand aufs Korn: »Die Zinsen sind viel höher.« Ein Satz, der provoziert. Ein Satz, den Kapitalismus bis zur Kenntlichkeit entstellt.
Dies alles konnte nur wenige Monate gutgehen, so daß ich jetzt verzweifelt bin und mir der Humor vergeht.
Gute Satire bleibt nicht an der Oberfläche. Sie benennt auch die Folgen eines einmal angesprochenen Mißstandes: »... so daß ich jetzt verzweifelt bin und mir der Humor vergeht.« Wir wissen bereits, daß hier der Satiriker nicht von sich selbst spricht, denn sonst könnte er ja gar keine Satire mehr machen.
So daß ich meinem Beruf in der Qualitäts-Endkontrolle eines namhaften ostdeutschen Scherzartikelherstellers nicht mehr gut nachgehen kann. Viele Scherzartikel bekommen bei mir nur noch Zweite Wahl-, weil ich nicht mehr darüber lachen kann.
Da bleibt kein Auge trocken. Um keine Bitterkeit aufkommen zu lassen, strapaziert der Satiriker unser Zwerchfell, und zwar reichlich, mit dem Stilmittel des »Augenzwinkerns«. Gleichzeitig wird er konkret. Wir denken dabei an Brecht, der seinerzeit bereits feststellte, daß die Wahrheit immer konkret sei. Gleiches können wir von gelungener Satire sagen
Ein köstlicher Kniff: Dem Verlust der Lachfähigkeit droht der Verlust der Existenzgrundlage zu folgen. Ganz nebenbei verweist der Satiriker auf die Gefahren für die ganze ostdeutsche Wirtschaft. Denn wer kauft schon Scherzartikel, »die bei mir nur noch Zweite Wahl« bekommen? Niemand.
So kann es nicht weitergehen, hochachtungsvoll, Ihr Ossi
»So kann es nicht weitergehend« - ein kämpferisches Ende. Indem er die bitterböse Schlußformel »hochachtungsvoll« verwendet, verzichtet der Satiriker bewußt auf so geschmacklose, Wendungen wie »Scheren Sie sich dahin, wo der Pfeffer wächst« oder »Lecken Sie mich am A...«- Wirklich gute Satire, darin sind sich alle guten Satiriker einig, sollte niemals verletzen. Glanz- und Höhepunkt jedoch ist das allerletzte Wort: »Ossi«. Es stellt sicher, daß spätestens am Ende des Textes jeder Rezipient verstanden hat, in wessen Rolle der Satiriker gerade geschlüpft war. Außerdem zeigt die scherzhafte Bezeichnung »Ossi«, daß der fiktive Verfasser des Briefe, nicht davor zurückschreckt, auch sich selbst mit einer gehörigen Portion Selbstironie ein wenig auf die sprichwörtliche - Schippe - zu nehmen. Merke: Ein guter Satiriker kann auch über sich selbst schmunzeln. - Übrigens: Wäre der Brief ernst gemeint, so Könnten wir sagen: Das ist eine Realsatire.
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So, und jetzt analysiert selbst:
St(r)icheleien mit spitzer Feder - Bericht von der 31. Internationalen Karikaturade
Zum 31. Mal traf sich nun schon die Welt der politischen Karikatur in Zwickau, und wieder war das verträumte Städtchen an der Mulde Mekka für alle Freunde der mit spitzer Feder geschaffenen bissigen Zeichnung. Mancher Ausstellungsbesucher wurde angesichts der einen oder anderen St(r)ichelei nachdenklich, aber das muß nicht gegen die Ausstellung sprechen.
Die rührige Jury vergab auch dieses Jahr wieder wertvolle Sachpreise. Der Hauptpreis ging an Dieter Jeschke, der mit seiner aufwendigen Rembrandt-Variation Der Mann mit dem Blauhelm. engagiert gegen Kriegstreiber jeder Couleur Stellung bezieht. Viel Beachtung (und den zweiten Preis) fand auch Die Mahnwache (bei Nacht), ebenfalls nach Rembrandt. Der junge Dresdner Kurt Dedolf verarbeitet hier auf schonungslose Art und Weise die Ereignisse des Jahres 1989.
Der Sonderpreis für »Karikatur ohne Rembrandt-Bezug« ging heuer an den bulgarischen Altmeister Dmitrij Plautov. In seiner VanGogh-Variation Selbstbildnis mit aufgesetztem Walkman. geißelt er die zunehmende Kommunikationsunfähigkeit der modernen Industriegesellschaft.
Bleibt zu hoffen, daß wir auch im nächsten Jahr wieder zu Gast sein können wenn es heißt: Vorhang auf zur »32. Internationalen Karikaturade in Zwickau«.
Immer noch aktuell?
Der Berliner Leichtathletikverband verweigert nun schon seit Jahren dem Verein »Vorspiel Schwuler Sportverein Berlin«, die Aufnahme,
Eine der Begründungen: Es könnte eine ziemliche Gefährdung. von jugendlichen anderer Vereine beim gemeinsamen Duschen geben (Tagesspiegel, 4.4.1990).
Wir fragen: Ist es schon wieder so weit?
Bevor wir die Frage leichtfertig beantworten, sollten wir die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts abwarten.

Vom Saulus zum Paulus
Es war einmal ein Mitarbeiter der Treuhand, der kam nach Sachsen-Anhalt, um in Halle eine kleine, nichtsdestotrotz leistungsfähige Poliklinik abzuwickeln. Doch kaum hatte er die ersten Gespräche geführt, befiel ihn ein gar schreckliches Klingeln zwischen den Ohren und ein entsetzliches unerklärliches Humpeln bemächtigte sich seiner. Er suchte einen der zahlreich anwesenden Ärzte auf, der ihn an viele verschiedene Arztkollegen überwies. Auch zum Röntgen mußte unser Held von der Treuhand. Doch weil alle Ärzte unter einem Dach waren, wurde alles gut, und er mußte nicht sterben.
Da besann sich der Wessi, erkannte die Vorteile der kombinierten ambulanten Krankenbehandlung und kämpfte fürderhin wie ein Löwe um den Erhalt aller Polikliniken.
Doch dies ist nur ein Märchen, und unsere Welt hat längst alles märchenhafte verloren.
Das war´s für heute, beim nächsten Mal: Der mißverstandene Tucholsky, oder: Darf Satire wirklich alles?