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Manfred Maurenbrecher: Mein Guru

Falls mir einmal so richtig nach Austoben zumute ist, halte ich ein paar einschlägige Adressen aus den Stadtmagazinen bereit. Mein Guru darf das nicht wissen.

Aber wenn ich die innere Einkehr nötig habe, dann erwartet er mich schon und ordnet an: »Stille«.

Dann sitze ich also in meinem abgedunkelten Zimmer und lasse die Wellen des morgendlichen Verkehrs an die Scheiben branden - und richtig: schon mischen sich sein und mein Atem.

Danke Guru, denk ich und bin zu erschöpft für weitere Meditationen, denn in meinen Gliedern steckt noch das Staunen über die seltsamen Vereinigungspraktiken in den nächtlichen Laboratorien dieser Stadt.

»Staun du nur«, sagt mein Guru, »wundere dich - diese Welt ist ein Wunder...«

Wenn ich Hunger habe, empfiehlt er: »Koch was« - und wenn ich nicht arbeiten mag: »Sei eben faul.«

Ich finde, jeder brauchte so einen Guru. Früher - da hätten Gewissensbisse mich lahmgelegt, da hätt ich die nächste Kassette in meinen Recorder, die nächste Sentenz eines Philosophen in mein Gehirn gezwängt. Ich hätte Freunde um Rat gefragt und mich sinnlos betrunken in meinen Krisen. Letzteres tu ich immer noch aber jetzt steht mein Guru mir vis a vis und ermuntert mich: »Trink.« und manchmal in Weinlaune: »Briederlein, trink trink...!« So herzlich kann mein Guru sein.

»Was sollen uns Zahlen«, schmunzelt er, wenn ich über den Rechnungen brüte, und: »Oh nein, nicht der schon wieder - und die schon gar nicht.« - wenn ich eine Begleitperson für einen Wochenendausflug anwählen will. Am liebsten hat er es mit mir selbst zu tun - und ehrlich : seit ich den Guru hab, kann ich das nachvollziehen. Da ist ein Kommen und Gehen auf unseren Fluren, das hält uns auch ohne soziale Kontakte auf Trab. »Diese Welt ist komplett«, flüstert er, während ich noch den Scherzen Karl Dalls auf der Mattscheibe zu folgen versuche, und wirklich: im nächsten Moment ist Karl Dall mitten bei mir im Kopf, und mein Blut pulst...

Manchmal finden wir auf diese Weise zu höchster Harmonie, mein Guru und ich. »Bilde einen Satz mit Wassersucht«, fordere ich da z. B., und prompt kommt von ihm: »Daß er sucht, was er sucht«- und dann wiederholen wir, Stunde für Stunde. »Wer ermißt deine Weisheit«, flüstere ich dann wohl mit einem Gefühl tiefer Zärtlichkeit, und mein Guru gibt trocken zur Antwort: »Na - du.«

Dann muß ich immer an den Zettel im Schaukasten der evangelischen Kirche gegenüber denken, auf den der Gemeindepfarrer in Computerschrift hat drucken lassen: Ich habe Gott getroffen - Sie ist schwarz. Ich ahne, mein Guru würde das mögen, denn auch ihm sieht ja keiner an, wer er eigentlich ist. Möglich, daß er deshalb nie diese Wohnung verläßt. »Wo willst du hin«, poltert er, wenn ich Anstalten zu verschwinden treffe - und ich hänge ein Tuch vor den Spiegel und knülle verstohlen ein paar einschlägige Adressen in meine Hosentasche. Tut mir leid - ich weiß ... bei Dir ist es am schönsten, und alle sollten einen Guru haben wie Dich, denke ich, aber sei nicht albern. Wir Unerleuchteten brauchen den Irrtum, er erst lebte uns Vollkommenheit. Und außerdem, Alter.- Manchmal muß man verdammt nochmal auch allein sein...

Copyright: Manfred Maurenbrecher

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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