Andreas Scheffler: Mal was anderes
Ein kleines Grundstück am Wasser. Die Sonne brennt, und der Schulzensee stinkt. Ich leide unter einer Insektenphobie, ich hasse diese Viecher, und mein Verständnis für den Artenschutz versagt, sobald Tiere mehr als vier Beine haben. Hier im sumpfigen Gelände, den Schilffeldern und Hecken finden die summenden Monster ihr Paradies; ich gewinne einen Eindruck jener Abteilung der Hölle, die mir dereinst blüht.
Dennoch bin ich freiwillig hier, niemand zwingt mich. Was treibt mich, der ich sonst in dunklen Räumen hocke und nur ungern die Wohnung verlasse, welche Kraft drängt mich in dies brutale Areal? Ist es der Wahnsinn, welcher schon Reinhold Messner in die Arktis und Rüdiger Nehberg in die Amazonas-Wälder geführt hat? Die Grenze der persönlichen Belastbarkeit - ein Zustand, der mir bis dahin fremd war.
Vor dem Schlafengehen muß das Zelt nach Spinnen abgesucht werden. Spinnen, jene Geschöpfe, die die Evolution, andere nennen es Gott, nur dazu ersonnen hat, um der Menschheit zu zeigen, zu welchen Widerwärtigkeiten sie in der Lage ist. An jedem Abend fallen fünf bis sieben der achtbeinigen Personifizierung des Ekels mir zum Opfer, dazu einige Ohrenkneifer. Es gibt viele dieser Insekten, und am nächsten Tag sind wieder eine Unzahl Freiwillige da. In der Nacht wache ich mehrfach auf vom jucken der Mückenstiche. Lange liege ich dann wach, um mit hilflosen Handbewegungen die Angriffe neuer Geschwader von brummenden Blutliebhabern abzuwehren. Vergebens.
Am frühen Morgen wird die Unannehmlichkeit der juckenden Stellen nur noch durch den kreischenden Schmerz des Rückens übertroffen, des Rückens, der eine weichere Schlafunterlage gewöhnt ist. Mühsam muß ich an jedem Tag den aufrechten Gang neu erlernen.
Arbeit ist zu erledigen. Die große Trauerweide muß beschnitten werden und die Uferbefestigung erneuert. Ich schwanke in sieben Meter Höhe im stürmischen Wind, in der Rechten den Fuchsschwanz, die Linke verkrampft um einen Ast gekrallt. Anderntags stake ich bis zu den Hüften in brackigem Wasser und knüpfe Weidenzweige um zuvor eingeschlagene Pfähle. Um mich herum schwirren Libellen, zum Teil handtellergroß, jederzeit bereit, in meinem Gesicht zu landen. Gegen Mittag kommen auch die Wespen hervor. Ab und an wird ein toter Graskarpfen herangeschwemmt, oder ein sterbender, der mit einer letzten zuckenden Bewegung mir an die Seite schlägt. Und die ganze Zeit über diese furchtbare Ungewißheit, ob es hier Blutegel gibt!
Kurz vor der Unterkühlung steige ich an Land. Dann kommt der Abend, Die Surfer, Motorbootfahrer und die Menschen auf den zweistündlich vorbeibrummenden Ausflugsschiffen, die mich den Tag über durch ihre Ferngläser beobachtet haben, bleiben fort. Der Grill wird entfacht, und wenn es richtig dunkel geworden ist, werden die Kerzen entzündet. Nun kommt meine Zeit. In anderthalb Metern Abstand von mir, der ich mit einem Glas Rotwein in die Nacht hinaus sehe, stehen die Kerzen und üben ihre Anziehungskraft aus. Mit einem wilden Flackern in den Augen beobachte ich den selbstmörderischen Instinkt der kleinen Viecher. Es zischt, wenn sie in die Flammen fliegen. Immer neue kommen. Sie sind dumm, die toten Artgenossen schrecken sie nicht. Manchmal bleiben sie, noch lebend, im hinabfließenden Wachs hängen. Ganz unten zuckt ein großer Schneider. Ein Flügel ist bereits angesengt, doch es wird noch eine Weile dauern, bis die Flammen den Körper erreicht haben.
Später, die Rotweinflasche ist geleert, blase ich die Kerzen aus. Mit der Taschenlampe begutachte ich die Überreste. Im Zelt töte ich fünf bis sieben Spinnen und einige Ohrenkneifer. Ich lege mich auf das harte Lager. Es wird wieder eine schwere Nacht werden, doch der nächste Abend wird kommen.
