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Bov Bjerg: Dem Volk aufs Maul

Zeichnung von OL

Auf dem Breitscheidplatz in Westberlin stehen die Ruine der Gedächtniskirche und zwei Nachkriegsbauten aus Betonwaben: ein runder Klotz für die Gottesdienste und ein furchtbar scheußlicher Glockenturm. Manchmal läßt es sich nicht vermeiden, diesen Platz zu betreten, zumal sich darunter die weit und breit einzige öffentliche Toilette befindet. Im Vorbeigehen schnappe ich einen Satz auf, den ein Mann mit einem - mitten im Winter! sonnenbrillenähnlichen Gegenstand am Haaransatz zu einer Frau sagt: »Da, kuck! Links der Lippenstift, rechts die Puderdose, und in der Mitte der Hohle Zahn.«

Dieser Herr bedient sich eines Vokabulars, das außer in der Abendschau kein Mensch in den Mund nimmt. Ist er womöglich auch imstande, »Langer Lulatsch« und »Schwangere Auster« auszusprechen? Sagt er, wenn´s ihm zu gemütlich wird, scherzhaft »Palazzo Prozzi«? Oder gar, haha, »Erichs Lampenladen«? Handelt es sich hier um eins von den Berlin-ist-einen-Umzug-wert-Retortenriesenbabies? Ist seine Begleiterin eine Berlin-Besucherin, der er zeigen muß, wie gut er sich schon eingelebt hat? Oder ist es etwa doch ein echter, ein in utero-fertilisierter Berliner? Welches Verhältnis hat überhaupt der Mann zu der Frau? Und warum? Und warum trägt der Mann am späten Januar-Nachmittag einen sonnenbrillenähnlichen Gegenstand am Haaransatz?

Ganz schön viele Fragen, die einem ein einziger Idiot auf den Weg zum Pinkeln mitgeben kann. Ich kann sie nicht beantworten, weil er mich in diesem Moment anspricht: »Ach, entschuldigen Sie. Wir wollen uns Karten holen für so ein Kabarett hier, kennen Sie bestimmt. Wo finden wir das denn ... Was mit Stachel ...« - »Stachelschweine! «, hilft ihm seine Begleiterin aus. »Sagen Sie, wie kommen wir denn da hin?« Aha. Stachelschweine. Ich bejutschere die beiden ein bißchen. Das ist berlinerisch für: Einen Mann und eine Frau überreden, sich zum Affen zu machen, indem sie bei Schneeregen nackt um den Wasserklops tanzen. Ich scheitere, weil die beiden nicht wissen, was bejutschern heißt. Als quasi eingeborenem Berliner ist mir natürlich bekannt, daß die Stachelschweine im Keller vom Europacenter residieren. Europacenter: Vielleicht »Klein-Bethlehem«? Bethlehem wegen dem Stern oben drauf, und »klein« wegen der dem Berliner so eigenen Ironie. Nein, das könnte ich nicht sagen, ohne davon die Mundfäule zu kriegen. Also sage ich: »Wo die Stachelschweine sin, wolln Se wissn? Da steing Se hier in Jroßen Jelben ein, fahrn eene Staßion Richtung Hungerharke, loofen die Hälfte wieder zurick, und denn stehn Se schon davor. Vorn hochkant hingestellten Schuhkartong. Die Stachelschweine, wissen Se, janz in Vertraun, wir Baliner sang ja daßu Igel, ick meene: Ijel mit Haarausfall, haha, die Stachelschweine sin nämlich in hochkant hinjestelltn Schuhkartong unten drinne. - Keene Ursache, Meester.«

Hochkant hingestellter Schubkarton. Demnächst in der Berliner Abendschau.

PS: Hat eigentlich irgend jemand die Doppeldeutigkeit in der Überschrift bemerkt? Nicht? Okay, Ihr habt´s nicht anders gewollt. Die distelmäßige Verdeutlichung geht so: Dem Volk aufs Maul (sc)hauen. Ja, da krümmt Ihr Euch unter Schmerzen, was?

Zeichnung von OL

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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