Horst Evers: Was heist hier Verantwortung
Berlin, 3. April, 2097, 6.45 Uhr. Der Zug war pünktlich. Ich schaltete den Luftkissenantrieb an meiner kleinen Reisetasche an, und sie schwebte in den Waggon. Es gab noch reichlich Fensterplätze im Großraumabteil, ich wählte ein Fenster, dessen Programm mir eine Fahrt durch eine sonnige südfranzösische Landschaft simulieren würde und richtete mich für die Fahrt ein. Natürlich hätte ich mit den Gulp-Schleusen viel schneller als mit der Bahn reisen können, aber meine geheimnisvollen Auftraggeber hatten mich nun mal in diesen Zug bestellt. Geräuschlos fuhr der Zug an, aber fast alle Fahrgäste machten so gut sie konnten ein Anfahrgeräusch nach: »Ffuff, Ffuff, Ffuff, Ffuff«. Seit die katholische Kirche im letzten Katechismus festgeschrieben hatte, es sei Gottes Wille, daß man bei allen Fortbewegungsmitteln die Fahrgeräusche des zwanzigsten Jahrhunderts. nachmachen müsse, war es wieder laut geworden auf Deutschlands Straßen und Schienen.
»ENTSCHULDIGEN SIE, IST DIESER PLATZ NOCH FREI?« Es war ein kleiner, eiförmiger Mann, der da neben mir im Gang stand und mich anbrüllte.
»Es tut mir leid, aber das ist die Feuerwehrzufahrt, der Platz muß freibleiben, damit die Löschmannschaft im Katastrophenfall Zugang zum Waggon hat.«
»HÄ? JA. DANKESCHÖN!« Er setzte sich. »GESTATTEN? TEMPELMEIER, JENS, AUS BERLIN-WEDDING!«
Wedding?! Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Ich hatte von diesem Bezirk und seinem schrecklichen Schicksal gehört. Nachdem man Anfang des 21sten Jahrhunderts die Lärmemmission des Autoverkehrs auf Null hatte senken können, beging die Krankenhausleitung den fatalen Planungsfehler, die hypermoderne neue Säuglings- und Entbindungsstation direkt an der vom Stadtring auslaufenden Seestraße zu bauen. Es war der ruhigste Ort auf dem ganzen Gelände. Dann jedoch kam plötzlich und unerwartet das päpstliche Fahrgeräuschkonzil, wodurch die Fahrer der vorbeirauschenden, geräuschlosen Autos tagaus, tagein solch einen infernalischen Lärm veranstalteten, daß alle Einwohner des Weddings, die auf dieser Station geboren wurden, quasi von Geburt an schwerhörig waren, wodurch der Lärmpegel nochmals wuchs, denn man konnte sich ja nur noch durch Schreien bemerkbar machen. Es geht die Legende, daß seit über 50 Jahren kein Weddinger mehr einen anderen Weddinger wirklich verstanden hat. Ich fragte mich, wie sie unter diesen Umständen überhaupt hatten sprechen lernen können.
»IHRE AUFTRAGGEBER SCHICKEN MICH. ICH SOLL IHNEN ALLES WESENTLICHE ÜBER IHRE AUFGABE MITTEILEN! ABER GEBEN SIE BITTE ACHT, ALLE INFORMATIONEN, DIE SIE VON MIR BEKOMMEN SIND STRENG VERTRAULICH UND ÄUSSERST GEHEIM! NIEMAND DARF DAVON ERFAHREN!«
Ich war beeindruckt. Dieser Tempelmeier mußte wirklich gut auf seinem Gebiet sein, wenn er trotz seiner sinnestechnischen Unzulänglichkeiten mit solch einer heiklen Aufgabe betraut wurde.
»SAGT IHNEN DIE KONZEPTION BESTE ALLER MÖGLICHEN WELTEN ETWAS?«
Natürlich sagte mir das etwas. Eine Gruppe, bestehend aus den wohl fähigsten und brillantesten Geistes- und Naturwissenschaftlern unserer Zeit, beschäftigt sich schließlich schon seit Jahren mit dieser Konzeption. Sie geht zurück auf eine zunächst wenig beachtete Kurzgeschichte aus dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein damals eher unbekannter Schreiberling namens Horst Evers hatte sie seinerzeit verfaßt. Mitte. unseres Jahrhunderts wurde sie Gott sei Dank wiederentdeckt und seither fasziniert und begeistert sie die klügsten und innovativsten Köpfe der denkenden Welt. Dabei ist die Grundidee dieser Geschichte für Evers Verhältnisse eher simpel. Seine durchaus spannende Kriminalerzählung spielt in der besten aller möglichen Welten. Sämtliche Tätigkeiten, Aufgaben und Pflichten werden dort von Computern oder Robotern ausgeführt. Sie produzieren, verteilen, putzen, überwachen die Ressourcen, forschen, reparieren und warten sich gegenseitig, machen Filme, Theater, schreiben... - eben alles. Durch ein ausgeklügeltes Kontrollsystem jedoch ist es völlig unmöglich, daß sie selbst Emotionen, Ehrgeiz oder Machtbewußtsein entwickeln. Eine Ausübung von Herrschaft, ganz gleich welcher Art, ist ihnen also unmöglich. Die Menschen hingegen leben und verbrauchen nur noch. Sie müssen sich um überhaupt nichts mehr kümmern, haben also ausschließlich Freizeit, es wird für sie gesorgt, sie können tun und lassen, was sie wollen.
»DIE ZEIT IST REIF, WIR KÖNNEN JETZT MIT DER EINFÜHRUNG DIESER BESTEN ALLER WELTEN BEGINNEN!«
Ich erschrak und sank in meinen selbstreinigenden Sessel zurück. Dieses Selbstreinigungsprinzip imitierte mich immer noch. Gut, man mußte jetzt keine Toilette mehr aufsuchen, sondern konnte an Ort und Stelle ohne Geruchsentwicklung oder Feuchtigkeitsrückstände jegliches Geschäft und Geschäftchen erledigen. Alles wurde vom Sitz aufgenommen, verarbeitet und zu einer riesigen Fäkalblase transportiert, welche hinten am Zug hing und lustig hin und her schlackerte. Aber irgendwie mochte ich das nicht so. Außerdem hatte ich noch nicht das große Blasenunglück von Leipzig vergessen, als kurz vor dem Sackbahnhof die Blase platzte und sich der ganze Dreck über die Stadt ergoß. Nie werde ich das Bild von dem kleinen, verendenden Vogel mit seinem verklebten Gefieder vergessen.
»Die beste aller Welten? Heißt das, Sie haben eine Lösung gefunden, wie Sie die Menschen davon abbringen können, die Kontrolle über die Computer und Roboter und damit unendliche Macht zu erringen?«
»HÄ? WIR HABEN NÄMLICH EINE LÖSUNG FÜR DAS KONTROLLPROBLEM!« Er schaute sich um, ob ihn jemand hören könnte. »RIESIGE VERBLÖDUNGSMASCHINEN, IN DENEN DEN MENSCHEN JEGLICHES MACHTSTREBEN, JEGLICHER EHRGEIZ UND JEGLICHER GELTUNGSDRANG, KREATIVITÄT UND SO´N DRECK ENTZOGEN WIRD! WIR NENNEN SIE RATIO-TILGUNGS-LABORATORIEN; KURZ: RTL, IN DENEN DIE MENSCHEN MIT UNERHÖRTEN STUMPFSINNS-ARTACKEN BOMBARDIERT WERDEN, BIS SIE DEN VERSTAND VERLIEREN!«
Mein Gott, und ich sollte wahrscheinlich die Logistik für diese RTLs übernehmen.
»SIE SOLLEN JETZT DIE LOGIST... «
Plötzlich verschwand Tempelmeier. Einfach so. Dann verschwanden die anderen Fahrgäste, dann der ganze Zug, und ich fiel neben den Gleisen in ein kleines Gebüsch.
Was war geschehen? Eine neuartige Bombe? Außerirdische, die alles, was sie brauchen konnten auf ihren Planeten gebeamt hatten, oder war alles nur ein böser Traum gewesen? Ich verstand es nicht, aber wie konnte ich auch. Schließlich lag die Ursache für diesen Vorfall schon mehr als 100 Jahre zurück.
Berlin-Wedding, März 1994. eine dunkle Parterre-Wohnung.
Ein blasser, bärtiger Mann sitzt an seinem Küchentisch und arbeitet an einer Geschichte. Noch klingen ihm die Ohren vom letzten Telefonanruf: »Mensch Horst, sieh bloß zu, daß Du den Text bis Morgen fertigkriegst, wenn Du den Termin wieder verpaßt, brennt´s in der Hütte. Sei doch mal ein bißchen verantwortungsbewußt.«
Aber Horst ist unzufrieden. Die Konzeption, eine Kriminalgeschichte in einer besten aller Welten, steht zwar schon, aber eigentlich hätte er gerade jetzt unheimliche Lust, mal eben ein Bier trinken zu gehen. In seinem Innern findet ein grausamer Kampf statt: Bier oder schön verantwortungsbewußt sein. Schließlich fällt die Entscheidung: Bier!
Die Geschichte wurde nie zuende geschrieben Obwohl Horst Evers damit die Welt und die Menschheit gerettet hat, dankt man es ihm wenig, statt dessen gibt es ungerechte und kleinkrämerische Vorwürfe. So geht es einem, wenn man die Menschheit vor dem Untergang rettet. Und bezahlen tut einem das auch keiner.
Wie dem auch sei, was hätte nicht alles vermieden werden können, wenn alle immer so verantwortungsbewußt, wie Horst Evers gehandelt hätten? Was, wenn zum Beispiel Oppenheimer, statt die Atombombe zu bauen, lieber mal ein Bier trinken gegangen wäre? Wieviele Unglücke der Menschheitsgeschichte hätten nicht vermieden werden können?
Wir stellen also fest: Lieber mal ein Bier trinken gehen, ist so ziemlich das Verantwortungsbewußteste, was man überhaupt machen kann. Und wenn das nich ne tolle Moral für sone Geschichte is, dann weiß ichs auch nich.