Jürgen Witte: Jugendbewegungen, definiert und getestet
Obwohl sich ein Lamentieren der älteren Generation über die Verkommenheit der nachwachsenden Jugend bis zu den alten Griechen und Römern zurückverfolgen läßt, so handelt es sich dabei immer um einen Meinungsstreit erwachsener Menschen. Die alten Säcke blockieren die gesellschaftlichen Machtpositionen, und die jungen Schnösel kommen nicht ran. Eine gesellschaftlich unmündige Jugend, und nur das soll fürderhin den Status Jugend definieren, die begehrt dagegen erst viel später hörbar auf. Selbst dem faulen und versoffenen Studenten des 18. Jahrhunderts war es schon weitestgehend möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Er durfte die Dienstboten in den Arsch treten, den Wirt beschimpfen und die Hausmädchen verführen, wie jeder andere Bürger auch, obwohl er zumeist noch nicht in der Lage war, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen.
Aufmüpfige Wortmeldungen einer völlig entrechteten, zum Beispiel vom Kinobesuch ausgeschlossenen Jugend sind eigentlich erst in diesem Jahrhundert zu verzeichnen.
Der Wandervogel
Der Wandervogel wird allgemein als erste Jugendbewegung angesehen. Ein von erwachsenen Vorturnern inszeniertes Lauf- und Sing-Training, durch das die Heranwachsenden erstmals in den Genuß einer freiheitlicheren Gedankenwelt jenseits von Schule und kaisertreuem Elternhaus kamen. Vielfältig waren die Möglichkeiten, den kindlichen Spiel- und Singtrieb zu mißbrauchen, und der ehedem rebellische Wandervogel fand sich statt bei den Jungkommunisten alsbald auch in der HJ oder dem BDM wieder.
Testergebnis:
Wir halten fest, der Wandervogel ist keine astreine Jugendbewegung. Das chaotisch Zufällige, das das Zustandekommen einer echten Jugendbewegung ausmacht, ist hier überlagert vom organisatorischen Apparat, der zumeist in den Händen Erwachsener liegt. Katholische Pfadfinder, Turn- und Sportvereine und auch die junge Union mögen sich selbst als Jugendbewegung bezeichnen, um sich mit rebellischer Aura zu schmecken, aber solche Veranstaltungen dienen einzig und allein der Einbindung der Jugend in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, genau das, wogegen eine originäre Jugendbewegung aufbegehrt. Gute Taten tun, Sport treiben, um den Sexualtrieb zu dämpfen, und Politik spielen. Solches Verhalten junger Menschen, das einzig und allein darauf gerichtet ist, möglichst störungsfrei am allgemeinen Sozialleben teilzunehmen, qualifiziert sich nicht als ordentliche Jugendbewegung.
Die Swing-Jugend
Ausgerechnet das Dritte Reich bescherte Deutschland eine erste´ echte Jugendbewegung. Sie nannten sich Swing-Jugend, sie hörten verbotene Neger-Musik, ließen sich die Haare auch am, bei ihren völkischen Zeitgenossen ausarisierten, Hinterkopf wachsen. Und überhaupt scherten sie sich auch sonst einen Dreck um den Endsieg. Durch schicke Anzüge und spitze, für Tanzflächen geeignete Schuhe stellten sie sich bewußt gegen die damals vorherrschende Uniform- und Stiefel- Mode.
Testergebnis:
Prima dagegen, wenn auch politisch meist unfundiert. Lobenswerte Multi-Kulti-Ansätze, aber große Gefahr, daß dein bester Kumpel ein verdammter Schnösel ist. Einstiegsalter variabel, Ausstiegsalter: Stellungsbefehl der Wehrmacht. Outfit und der Bewegung angepaßtes Freizeitverhalten relativ teuer! Wohl eher was für gelangweilte Mittelstands-Kids. Droge: Deutsches Dünn-Bier und gute amerikanische Musik! Perspektive: Tausend Jahre sind keine Ewigkeit.
Ein schwerer Moralschub prägte die Nachkriegszeit. Humanistische Vereinigungen und die Kirche konnten einen Großteil der nicht im Volkssturm verheizten Pimpfe wieder an sich binden. Integration und Mitmachen war das Gebot der Stunde. Träume von einem besseren Deutschland und einem friedlichen Europa. Erst mitten im Wirtschaftswunder zeigte sich wieder eine auffällige, rebellische Jugend.
Die Halbstarken
Die Halbstarken! Rock´n Roll, Mopeds und BH-Verschlußmechanismen interessierten viele Lehrlinge mit eigenem Einkommen plötzlich mehr als die Meisterprüfung und das Abendgymnasium. Einstiegsalter: 16 Jahre (Führerschein Klasse 5). Einstiegsdatum: Erste selbstgekaufte Manchester-Hose ohne Bügelfalte. Gleichzeitig Eltern-Kind-Konflikt. Über Mutproben und Schlägereien schafften sich die rang- und rechtlosen Jungmänner mit der Brillantine im Haar eigene Bandenstrukturen mit ausgefeilter Hackordnung
Testergebnis:
Irgendwie nicht so recht dagegen. Autoritätsfixiert und konsumorientiert. Reine Männer-Veranstaltung. Outfit und Freizeitverhalten von Lehrlingslohn gerade noch finanzierbar. Gefahr, daß dein bester Kumpel ein ganz großes Arschloch ist. Sport wäre als Abfuhrmechanismus für überschüssige Energien vielleicht doch gar nicht so dumm gewesen. Alles in allem wußten die wohl wirklich nicht, was sie taten. Passable Musik. Droge: Schnaps und Bier! Perspektive: Älter werden, heiraten, Kinder kriegen, Opa werden, auf Rente gehen.
Danach zeigten sich zumeist im universitären Milieu diffuse Ansätze für existentialistische Orientierungen, auch ein paar Hard Bop-Jazz-begeisterte Beatniks soll es um die 1960 herum gegeben haben, aber in jenen wilden Jahren (Fibag-Affaire, Starfighter-Affaire, Spiegel-Affaire) hatte das Hamburger Nachrichtenmagazin noch besseres zu tun, als über jeden Jugendquatsch zu schreiben. Das Material dazu blieb also sehr dünn. Erst in der zweiten Hälfte der Sechziger kommen wieder mehrere Jugendbewegung, diesmal fast gleichzeitig auf den Markt. Zunächst der Gammler und der Student.
Der Gammler
Der Gammler sitzt an der Gedächtniskirche in Berlin, ein anderer sitzt in der Rotunde auf dem Hügel im Englischen Garten in München. Die Medien fallen über die beiden her. Der Gammler will nicht arbeiten, die Soziologen nennen das Verweigerungshaltung. Nachdem alle Gazetten darüber geschrieben haben, gesellen sich noch einige andere Gammler hinzu. In Amsterdam wird im Sommer ´67 schwer gegammelt. Ein Jahr später ist der Gammler entweder Penner, Giftler (wie man damals die Junkies nannte), Hippie oder Student.
Testergebnis:
Ziemlich dagegen und doch sehr volksnah. Das Volk honoriert die Nähe trotzdem nicht. Eltern-Kind-Konflikt:Mein Kind soll es doch mal besser haben! Exotische Drogen, statt Bier gibt es auch ungarischen Rotwein (Stierblut) und Valpolicella aus Zweiliter-Flaschen. Reine Sommerbewegung, lange hält das keiner durch. Outfit und Freizeitverhalten sehr billig. Große Gefahr, daß dein bester Kumpel bald keinen vernünftigen Satz mehr über die Lippen bringt. Keine Musik, außer Selbstgeklampftem auf der Gitarre. Droge: siehe Oben. Perspektive: Schaun mer mal!
Der Student
Ganz anders der Student. Eigentlich handelt es sich hierbei um den politisch-aktiven, die-Revolution-machenden Studenten, aber der Volksmund liebte es nunmal kurz und knapp. Also: Der Student! Viel ist über ihn gesagt und geschrieben worden, den 68er, der noch lange später von nachwachsenden Kommilitonen an der Uni zu Semesterbeginn jeweils wieder neuinszeniert wurde.
Testergebnis:
Extrem gut dagegen, erstmals mit politischem Bewußtsein. Einzige Bewegung mit theoretischer Perspektive übers 25. Lebensjahr, ja sogar die eigene Lebenszeit hinaus. Diffizile Terminologie, schwer erlernbar. Dennoch große Anhängerschar, sehr viele Kumpels. Wegen ideologischer Ausdifferenzierung besteht allerdings immer die Gefahr, daß dein bester Kumpel dich für einen Idioten hält. Spitze auch im Eltern-Kind-Konfliktbereich, falls im CDU-Haushalt erzogen. Outfit preiswert, Studienplatz aber unbedingt notwendig. Freizeit abgeschafft, keine Extraausgaben. Musik etwas beschränkt: Sprechchöre (Ho-Ho-Ho-ChiMinh), Brecht-Eisler und Commandante Che Guevara. Drogen: Politik, Bier. Perspektive: Nach der Revolution wird sowieso alles anders! Mit zunehmendem Alter Annäherung an den Weißwein.
Das Hippietum
Schon 1966 hatte in San Francisco der berühmte Sommer der Liebe stattgefunden. Wildfremde Menschen schliefen miteinander, nahmen neue Drogen und steckten sich Blumen ins Haar. Eingeweihte verbreiteten auch in Europa das Peace-Zeichen und die Kunst des Selbermachens von Batik-T-Shirts. Doch es brauchte schon einige Jahre psychedelischer Musik und den Film Woodstock, der 1970 auch hier massenhaft junge Menschen zum Hippietum bekehrte. An Blumen im Haar kann ich mich persönlich nicht erinnern, aber das Peace-Zeichen und die Batik-T-Shirts waren allgegenwärtig.
Testergebnis:
Langlebige Bewegung. Politisch diffus, aber ganz schön dagegen. Relativ hohe Akzeptanz, auch bei Mädchen. Durchbruch für Cannabis als Allerweltsdroge. Der Eltern-Kind-Konflikt entzündete sich zumeist bei der genauen Terminierung eines anstehenden Frisörbesuchs. Gute Chance, daß dein bester Kumpel eine Frau ist. Dennoch ist Vorsicht geboten, große Gefahr, daß sie irgend einem abseitigen Aberglauben fröhnt. Trotz preiswertem Einstieg und billigem Freizeitverhalten kaum Akzeptanz in den unteren Schichten der Bevölkerung. Mittelstandvergnügen. Musik breitgefächert, Tendenz zum Selbstgeklampften und Selbstgetrommelten (Bongos). Kleine Perspektive übers 25. Lebensjahr: Landkommunarde, später Öko-Bauer.
Die Rocker
Ähnlich zähes Beharrungsvermögen beweist der aus den Fünfzigern bekannte Halbstarke, der als Rocker eine Reinkarnation erlebte. Aus seinem Moped ist ein Motorrad geworden, die Haare sind ihm über die Schultern gewachsen und Heavy-Metal-Bands mit Haaren bis zum Arsch liefern ihm seit 1970 (Deep Purple in Rock) den Soundtrack für das, was er für Leben hält: Die Straße!
Nach wie vor hat das Ganze etwas Männerbündisches und spricht eher Kerle aus den unteren Schichten an. Schwierige Kindheit und zerrüttete Familienverhältnisse sind für die Authentizität eines Rockers unerläßlich. Der Rocker hält Staufreiheit für die Freiheit schlechthin und auch sein restliches Wertesystem orientiert sich ausschließlich an Hubraum- und PS-Zahlen. Vierrad-Rocker bilden meist kleinere Vereinigungen, die sich an der Marke ihrer Wagen orientieren (NSU TT, Ford Capri, Golf GTI, Opel Manta).
Testergebnis:
Die Rocker sind die einzige Jugendbewegung, deren Mitglieder sich fast ausschließlich aus der Welt der Erwachsenen rekrutieren. Eltern-Kind-Konflikt höchsten mit dem eigenen Nachwuchs. Alter und Gewichtszunahme gleicht der Rocker durch schwereres Gerät (Harley) wieder aus. Die Gemeinschaft der Rocker tut nur so, als sei sie dagegen. Gute Chance, daß du deinen besten Kumpel im Krankenhaus oder im Knast wieder treffen wirst. Extrem hohe Kosten für Quereinsteiger. Musik: Laut! Droge: Bier! Perspektive: Keine, außer vielleicht die nächste TÜV-Hauptuntersuchung.
Der Punk
Erst Ende der Siebziger, Helmut Schmidt war schon zu lange Kanzler, schwappt von England aus eine neue Jugendbewegung über den Kontinent. Zunächst hält die Presse das ganze nur für Sicherheitsnadelgeklapper, aber spätestens als der Stern hinter den zerrissenen Klamotten und unter den bunten Haaren das Aufbegehren verletzlicher junger Menschen entdeckt, ist die Jugend wieder in Bewegung geraten. Punk markiert die endgültige Absage an alle Reformen in dieser Gesellschaft, noch bevor die Grünen überhaupt in den Bundestag gewählt wurden. No Future! Die nächste Generation Erstwähler entscheidet sich schon vor ihrem ersten Urnengang gegen Petra Kelly und Joschka Fischer.
Testergebnis:
Extrem niedriges Einstiegsalter, so um die vierzehn. Echt schwer dagegen und absolute Null-Perspektive. Trotz schnell wechselnder Moden zeigte der Punk unerwartetes Beharrungsvermögen. Einige davon gibt´s immer noch. EItern-Kind-Konflikt: Kämmen könntest du dich wenigstens mal! Ziemlich schwammige Gruppendefinition, deshalb teilweise Kompatibilität zu anderen, auch politischen Aktivitäten. Nur für dünne, unterernährte Typen, das Outfit alleine bringt den Endzeit-Look nicht rüber. Echte Jugendbewegung, wirkt schon mit zwanzig peinlich. Große Gefahr, daß du entdeckst, daß sich bei deinem besten Kumpel unter der rüden, rotzigen Fassade ein ziemlicher Kleinbürger, ein Romantiker, oder, was am Schlimmsten ist, gar ein Hippie verbirgt. Nach kurzem Mode-Hoch wieder extrem preiswert in Outfit und Freizeitverhalten. Musik: Noch lauter, mit den Jahren aber ziemlich langweilig geworden. Droge: Gib mal einen aus, egal was. Kryptische Perspektive: Sid Vicious lebt!

Der Skin
Wem es Anfang der Achtziger bei den Punks zu intellektuell zuging, der konnte sich einer Totalrasur unterwerfen und fürderhin sicher sein, daß er jetzt so häßlich ist, daß er niemals von Calvin Klein oder Armani vereinnahmt wird. Die Skins sind eine kleine verschworene Gemeinschaft, bei der die soziale und geistige Zugehörigkeit zur Unterklasse ein wichtiges Beitrittskriterium darstellt. Wer so etwas wie Erziehung genossen hat, muß durch den Selbst-Entzug. Es gibt auch Linke darunter. Ich frage mich allerdings immer, warum ein Linker unbedingt so aussehen will wie die ganzen Nazis.
Testergebnis:
Dagegen sind die Jungs auch, aber hier ist es wichtiger zu fragen, wofür sie sind. Hang zu Gefühlen wie Ehre und Stolz. Hierarchiebildung durch Schlägereien, Koma-Saufen und ähnliche Männerrituale. Große Chance, daß dir auch dein bester Kumpel öfter mal eins in die Fresse gibt. Billiges Outfit, teures Freizeitverhalten (Anwaltskosten!) Musik: Lärm mit deutschen Texten. Droge: Deutsches Bier. Perspektive: Deutsches Reich.
Der Raver
Die Achtziger waren mit einer Modewelle nach der anderen durchsetzt, wer erinnert sich heute noch an Grufties, die Popper oder die New Romantics. Die schwarze Hip-Hop-Musik, Rapper, Break-Dancer und Grafitti-Sprayer haben bei einigen wenigen etwas ausgelöst, das bis heute beobachtet werden kann, aber die erste neue Massenbewegung sind sicher jene jungen Menschen, die sich derzeit Raver nennen. Wenig dringt aus den Clubs, in denen sie sich treffen, außer langweiliger, rein mechanischer Musik, die sie als Techno, House, Trance oder wie auch immer bezeichnen.
Testergebnis:
Dieser Aufstand findet im Saale statt, nur gegen Eintritt. Partysponsoren als Vorturner. Einstiegsalter sehr früh: Mini Playback Show. junge Menschen wollen gelegentlich tanzen. Reicht das für eine über das rein körperliche gehende Bewegung? Weltanschauungsmäßig gehörige Defizite! Tanzen auf Gomera oder am Strand in Indien verbreitert den ideellen Horizont auch nicht wesentlich. Große Chance, daß du mit deinem besten Kumpel, sei es Mann oder Frau, noch nie ein Wort gewechselt hast. Durchschnittliches Outfit, extrem teures Freizeitverhalten. Musik: Abgemischtes aus dem Sequenzer. Droge: Isostar, Red Bull und Ecstasy. Einzige Perspektive: Das nächste Wochenende!
Der alte Sack
Zusammenfassend bleibt zu sagen, daß ich selbst nun längst schon ein alter Sack bin. Laut Pete Townsends Definition Hope I die before I get old gehe ich vielleicht gerade noch durch, aber schon nach dem Standard der APO darf man mir längst nicht mehr trauen. Manchmal aber glaube ich, ich befinde mich vielleicht mittlerweile doch schon an der Schwelle zur Altersweisheit