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Roland Oelfke: Dumm Dumm

Zeichnung von OL

Kriminell-sein ist total doof. Kriminelle stehen in irgendeiner dunklen Seitengasse ´ der Milchstraße mit einem Trenchcoat herum, den sie immer, im Sommer wie im Winter, tragen müssen, damit sie die Polizei nicht entdeckt, das Publikum aber wiedererkennt. Kriminelle sind völlig unsensibel und packen immer viel zu fest zu. Wenn es Pommes frites geben soll, gibt es Kartoffelbrei, und schon manche Frau hat sich das Genick gebrochen, weil ihr ein Krimineller den Nacken kraulen wollte. Das kommt von der vielen Kraft, der kriminellen Energie, die Kriminelle haben, weil sie eine schwere Jugend hatten. Kriminelle hatten immer eine schwere Jugend, deshalb werden sie auch schwere Jungs genannt. Wenn sich Kriminelle verlieben, dann müssen sie wahre Hormonstaudämme errichten und so mackermäßig Sachen wie Ich schau Dir in die Augen, Kleines sagen, damit sie ihrer Liebsten nicht das Genick brechen tun. Kriminelle können kein richtiges Deutsch und haben höchstens Matura. Und am Ende wandern sie ins Gefängnis und setzen drei Runden aus. Oder sie werden von Schimanski erschossen.

Igittigitt! Wandern! Alte Omas, bewaffnet mit Großväter-Schirmen. Überall Alarmanlagen! Sicherheitsschlösser! Pfützen! Nein, nein, kriminell-sein ist total doof. Als ich mit - ich schätze mal - acht Jahren in den Zigaretten-, Zeitschriften-, Matchboxauto- und Etcetera-Laden bei uns um die Ecke stromerte und eine volle halbe Ewigkeit lang sämtliche Matchboxautos betatschte und betrachtete, bis ich endlich den Mut zusammenraffte, eins von ihnen einzusacken und aus dem Geschäft zu tragen, habe ich Blut und Wasser geschwitzt, wie man so sagt. In dem Film Die Bartholomäusnacht kann man sehen wie das ist, wenn man Blut schwitzt, und lustig ist das nicht. In dem Film Natural Born Killers wird das Blut nicht geschwitzt, da bluten die Herzen einer jungen Liebe, die auseinandergerissen wurde, weil die beiden Liebenden kriminelle Subjekte sind. Und in Romeo is bleeding, da sagt es schon der Titel, da geht es dem Missetäter auch an seinen roten Saft. Nein, nein, kriminell-sein ist total doof. Natürlich war ich sehr stolz darauf, daß ich nicht erwischt wurde, damals mit acht Jahren. Weniger stolz war ich darauf, daß ich das Matchboxauto nach gelungener Tat vor lauter Scham in den Zigaretten-, Zeitschriften-, Matchboxauto- und Etcetera-Laden zurücktrug, und es an seinen dem Verkauf bestimmten Platz verbrachte.

Ich verzichte zwar nur ungern darauf, in U-Bahnhöfen zu rauchen und jungen Mädchen die Unschuld zu rauben, sowie ich mancherlei peinliches Verhalten begrüßenswert finde, es bereitet mir aber schon größtes Unbehagen, eine Ampel bei Rot zu überqueren. Zu sehr fürchte ich die mahnenden Blicke der Mütter, die mit ihren noch zu sozialisierenden Bälgern an der Bordsteinkante stehen, die bohrendstrafenden Blicke der Hosenmätze, Sabberlätze, böser Onkel, du. Tatsächlich kommt man auch dann auf wunderbare Weise rechtzeitig ans Ziel, wenn man das grüne Licht abwartet, und hat sogar einige Sekunden gewonnen, in denen man verharren und über wichtige Dinge nachdenken kann

Nein, ich möchte nicht, das Pokerface von Hitzeflecken übersät, den Nadelstreifentrenchcoat von Blut und Wasser durchtränkt, in einer von Al-Capone-Cigarillos verrauchten In-Kneipe stehen und Schultheiß trinken. Nein, viel lieber liege ich in meiner von Benson & Hedges verqualmten Bude zuhause im Bett, kraule meiner Freundin den Nacken und warte auf die Post. Tja, wenn es die Post nicht gäbe! Vielleicht würde ich dann kriminell. So aber liege ich zuhause im Bett und lasse mir von meiner Freundin den Nacken kraulen, und warte auf die Post. Dann ist sie da, das Bargeld lacht. Gerade erst heute habe ich einen Brief vom Clou-Versand bekommen, eine Mitteilung an den Hauptpreisgewinner Roland Oelfke. Der Ziehungsleiter und der Direktor des Clou-Versandes schreiben:

»Sehr geehrter Herr Oelfke, zunächst gratulieren wir Ihnen herzlich zu Ihrem Hauptpreis-Gewinn aus unserer Ziehung vom 25. 9. 1994. jetzt ist es wichtig, daß Sie Ihren Preis schnell erhalten...«

Diebstahl? Entführung? Erpressung? Wieso denn? Man braucht nur gelegentlich eine Mark, die sich lohnt, auf ein Antwortschreiben kleben, und schon ist man bald Millionär. 50.000 DM habe ich, laut Gewinnbescheid des Bargeldauszahlungsbüros, gewonnen. jetzt muß ich nur noch die zwei Einsendewege beachten.

»l. Weg: Sie bestellen: Bestellschein und Gewinnanforderung in diesen Umschlag zur Sofort-Bearbeitung. 2. Weg: Sie bestellen nicht: Sie kleben die Gewinn-Anforderung hier auf diesen Umschlag. Diese Umschläge werden aussortiert und zur späteren Bearbeitung aussortierter.« Bestellen soll ich einen Super-Mob für nur 39,95 DM, und den werde ich brauchen, für das viele Geld, hehe.

Jetzt aber muß die Geschichte ein Ende nehmen, weil ich morgen wieder früh raus und auf die Post warten muß. Leider hat die Geschichte noch kein Ende, deshalb werde ich jetzt ganz schnell eins erfinden, schneller als Sie träumen können. Stellen Sie sich vor, Sie stehen bei Rot an der Ampel. Sie haben Angst, daß Sie ein Matchboxauto überfahren könnte, wollen aber noch Ihr Antwortschreiben an den Clou-Versand zum Briefkasten bringen. Ihre Freundin hat Sie mit den Worten »Du kraulst mir immer den Nacken« und dem Super-Mob aus der Wohnung gekehrt. Die Kinos sind schon geschlossen, und Sie begehen ein schweres Verbrechen. Weil Sie ein mitteilsamer Mensch sind und vor Ihren Freunden keine Geheimnisse haben wollen, erzählen Sie ihnen allen davon, anschließend liquidieren Sie sie, weil Sie keine Mitwisser dulden dürfen. jetzt sind Sie einsam und denken daran, eine Geschichte mit der Erzählung Ihres Verbrechens zu beginnen.

Zeichnung von OL

Copyright: Roland Oelfke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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