Jürgen Witte: Alpenlandschaften
Ich nehme an, ich habe schon Tausende von Alpenlandschaften gesehen; in Öl selbstverständlich. Alpenlandschaften sind, außer in eigener Anschauung oder auf Ansichtskarten gedruckt, nur in Öl denkbar.
Ich erinnere mich zum Beispiel an bunte, rustikale Baumstammscheiben bei den Andenkenhändlern. Diese schräg aus einem dünnen Stamm geschnittenen ovalen Dinger, auf denen mittig eine Postkarte aufgeklebt war. Mit Ölfarbe war der Himmel über die Photographie hinaus auf das Holz weitergemalt. Blau mit Schlieren- oder Schäfchenwolken macht sich gemalt immer gut. Selbst wenn auf der Ansichtskarte der Himmel wolkenlos blau war, im gemalten Teil gab es immer etwas Wolke mit dazu. Himmel ohne Wolke wirkt einfach nicht überzeugend. Nach unten hin wurde das Postkarten-Motiv mit abstrakt hingetupften Grüntönen verlängert. Wald oder Wiese, das Grün hätte alles sein können, und wenn sich ein Anschluß an die Postkarte motivmäßig schwierig gestaltete, dann deutete grünlich braunes Gewölle Buschwerk an, welches potentiell dahinterliegende Täler oder Dörfer einfach verdeckt. Warum ich das erzähle?
Ich versuche nur beiläufig zu beweisen, daß ich maltechnisch mit Alpenlandschaften durchaus vertraut hin. Das muß man mir jetzt glauben, das ist einfach so. Denn jetzt kommt das, worum es wirklich geht: Eine detektivisch genau recherchierte Geschichte über den Kulturimperialismus. Und die geht so:
Meine Lieblingsalpenlandschaft habe ich im Schaufenster der Quelle-Fundgrube am Kottbusser Damm gesehen. Gerahmt in goldlackiertes Plastikmaterial stand sie da, Breitleinwandformat, ein guter dreiviertel Quadratmeter Berg mit obligatorischer Alm, einem See und bewaldeten Hügeln. Das gleiche Motiv wurde in dreifacher Ausfertigung angeboten, jeweils heruntergesetzt auf 80 Mark, aber dennoch echt in Öl und garantiert handgemalt. Und tatsächlich sah jedes Bild etwas anders aus. Der See, die Berge und die Bäume befanden sich immer am gleichen Platz, aber von Bild zu Bild waren sie etwas anders ausgeführt. Alle drei Bilder waren, wie nicht anders zu erwarten, schnell und erkennbar lieblos hingeschludert, aber das war es nicht, was meine Aufmerksamkeit fesselte, nein, was mich wirklich irritierte, war, daß unverkennbar jedes etwas hatte, was nicht in eine Alpenlandschaft gehört: Der Wald im Vordergrund war kein deutscher Wald.
Die Tannen sahen nicht tannig aus, sie waren nicht geheimnisvoll undurchdringlich. Auf einem Bild waren sie gänzlich zu Weiden mit hängenden Ästen mutiert. Der Berg erschien mir auf keinem Bild bedrohlich matterhornig genug, und die Hütte auf der Alm war nicht so recht gramgebeugt, grob und verwittert, um als echt bayrisch durchzugehen. Auf der Alm gab es statt gelber Butterblumen ein buntes, an Lilien gemahnendes Allerlei. Schließlich und endlich, das zentrale Motiv, der Bergsee. Er sah nicht schwarz und undurchdringlich aus, er schillerte fast freundlich in zartem türkisen Pastell. Die Bilder waren den Alltagskulturschaffenden zu leicht und luftig geraten. Kein Mysterium, keine Bedrohung, keine Erhabenheit. Die ganze Naturmetaphysik ging flöten. Kein Kampf auf Leben und Tod, eher eine Kulisse für eine Komödie. Kein Berg für Luis Trenker.
Ein Bild allein hätte mich vielleicht nicht darauf gebracht, aber die Summe aller Mißgriffe machte es ganz eindeutig: Diese Bilder waren von Menschen gemalt, die normalerweise mit den Motiven auf den Tellerunterlagen beim
Chinesen ihr Brot verdienen. Menschen, die gelernt haben, mit sanftem Pinselstrich den hauchzarten verspielten asienüblichen Aquarellkitsch herzustellen. Diese Menschen werden in irgendeiner chinesischen Hinterhof-Klitsche gezwungen, mit zäher schmieriger Ölfarbe schwer-deutsche Landschaftsdramen für die Quelle-Kundschaft zu malen. Sie müssen sich wie die Schlächter vorkommen dabei.
