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Hinark Husen: Essayistischer Versuch

über die moralische Bewertung verschiedengeschlechtlicher sexueller Praktiken in den Zügen der deutschen Bundesbahn unter besonderer Berücksichtigung meiner Erfahrungen im IC Else-Lasker Schüler Im Oktober dieses Jahres

Wohl an denn! Viel ist schon gesagt worden über ausschließlich männliche Menschen, die sich zu zweit in Zugtoiletten zu delektieren wissen. Es ist an der Zeit, sich in Sachen Bundesbahn einem viel häufiger auftauchenden Phänomen zuzuwenden. Gestatten Sie mir, liebe Rezipienten und Freunde meiner Essay-Versuchsserie, aber zunächst einige Bemerkungen am Rande. Ich möchte gerade hier etwas über qualvolle Enge loswerden. Überall dort wo Menschen zusammen kommen herrscht irgendwann Enge, Hektik, Streß. Die humanoide Lebensform, zu der ich Sie als Leser ausdrücklich zähle, scheint nicht dafür geschaffen zu sein, sich allzu dicht aneinander zu drängen. Wie kann sich Liebe entfalten unter den Menschen, wenn es im Zugabteil so gesammelt voll ist, daß man nicht einmal die Beine ausstrecken kann? Und zur Liebe gehört doch auch Freiheit, oder etwa nicht? Und sei es nur eine so unbedeutende Form wie die der Beinfreiheit. Wer mir die nicht gönnt, den kann ich auch nicht lieben, weder auf einer Zugtoilette noch anderswo.

Ich habe versucht, dies geradezu philosophische Problem im Zug mit den Mitreisenden zu einer Klärung zu führen, aber wie soll das gelingen, wenn nur zwei besoffene Comic-Zeichner, ein Mathematikstudent, ein Zeit-Leser und eine langweilige, in einen Herman-Hesse-Roman vertriebe Blondine anwesend sind. So war ich in all dieser mich umgebenden Enge doch allein mit all meinen Fragen. Aber, so habe ich mir in dieser Zeit der schweren Krise gesagt, du kannst dich auch anders artikulieren, Hinark. Wenn all diese verstockten Menschen nicht mit dir reden wollen, mußt du halt schreiben. Und schließlich saß ich nicht im ICE Walter Gropius, sondern im IC Else Lasker Schüler, und meine Ergüsse mußten ergo unter einem guten Stern stehen. Kurzerhand verfaßte ich folgendes Poem:

ENGE
Von Hinark Husen, das bin ich!

Ach, wie eng ist mir im Herzen
wenn in einem Zug ich sitz
selbst meine Hüfte will mir schmerzen
mein Platz ist nur ein schmaler Ritz

Und neben mir zwei große Schränke
die sich mit Pils besaufen
erzähln sich feiste Schwänke
könnt ich nur von dannen laufen

Ach wie eng ist´s überall
Dünste wabern aus den Mündern
von links kommt jetzt ein Knoblauchschwall
Es ist ein Kreuz mit solchen Sündern.

An dieser Stelle bricht das Gedicht leider ab, da mich plötzliche Ergriffenheit überkam. Tränen stiegen mir in die Augen, bei dem Gedanken, Else könnte im Geiste anwesend sein. Wie würde sie über meine Gefühle denken? Jetzt hielt ich es nicht mehr aus und sprach kurzerhand die blonde Steppenwolf-Leserin an. »Entschuldigen Sie«, flüsterte ich, »ich habe soeben ein Gedicht geschrieben: Hätten Sie..., ich meine, Hesse hat ja auch, und ich dachte..., also nicht das, was Sie jetzt denken, aber...« Mir riß in meiner Aufgeregtheit die Satzstruktur auseinander, aber die bezaubernde Frau hatte mich auch so verstanden und bemerkte ebenso treffend wie gelangweilt: »Na ja, zeigen Sie mal!« Und dann las sie, zunächst mit vor Kritikwut funkelnden Augen, bis dieses Blitzen einer skeptischen Gelassenheit wich und sie sich abschließend ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Und so hatte die Blondine im Sturm mein Herz erobert. »Na ja«, meinte sie, »gar nicht so schlecht, hier riecht´s wirklich ein wenig nach Knoblauch!«

Diese Ehrlichkeit ließ mir kalte Schauer des Entzückens über den Rücken laufen, schließlich war es für jeden anderen offenkundig, daß sie selbst die Knollensünderin war.

Plötzlich erreichten wir Magdeburg, und meine Muse machte Anstalten, den Zug bereits zu verlassen. Sollte diese Affäre schon zuende sein, noch bevor sie richtig begann? Keine Frage, mit den restlichen Affen würde ich die verbleibende Fahrtzeit nicht überleben. »Wollen sie nicht noch ein wenig mitreisen?« fragte ich verlegen.

Ich wartete gespannt, was sie mir zur Antwort gab. »Witzbold,« sagte sie schelmisch und verschwand in der aus dem Zug entströmenden Menge. Wie sollte ich jetzt noch mein Gedicht beenden können? Bis Helmstedt verfiel ich in einen nervösen Halbschlaf, aus dem mich nur ein gelegentlicher Rülpser meines biertrinkenden Nachbarn riß. Dann hielt ich es im Abteil nicht mehr aus, raffte meine sieben Sachen zusammen und entschwand auf die Toilette. Hier war ich frei hier, konnt´ ich sein. Nur nicht weinen, kleiner Prinz, sagte ich mir in meiner stillen Verzweiflung, selbst ein Eisblock schmilzt nicht gleich. Und hoppla, was war das, mein lyrisches ich meldete sich zurück, wenn auch zunächst mit geklauten Versen*, aber mir schien die Schreibhemmung nun überwunden. Sollte mich tatsächlich der Geist Elses hier auf der Toilette wieder heimsuchen? Ich schloß die Augen und sah die Steppenwolfleserin wieder vor mir. Dann klopfte es an die Tür:

»Beeilen sie sich bitte«, ertönte eine weibliche Stimme. Mir war alles egal, ich hielt die Augen geschlossen und beobachtete, wie die junge Frau sich genüßlich auszog, die türkisfarbenen WC-Wände korrespondierten hervorragend zu ihrer schwarzen Unterwäsche. »Bitte unterlassen sie das«, stöhnte ich halblaut. »Es müssen auch noch andere Leute«, erwiderte barsch die Stimme von draußen, »ich werde jetzt den Schaffner holen«. Dann setzte Schweigen ein. Inzwischen war die Hesse-Leserin nackt, und ich bekam Angst vor meiner eigenen Phantasie.

»Jetzt, Hermann«, hauchte sie lasziv, »jetzt und hier!«

»Nein, ich will nicht.«

»Warum nicht? Wir werden hier einen großen Dichter zeugen, ich Else und du Hermann, mein ein und alles.«

»Ich bin nicht Hermann«, schrie ich aus Leibeskräften, dann klopfte es wieder an die Tür: »Alles in Ordnung da drin?« ertönte eine sehr autoritäre Stimme. Ich öffnete die Augen und so schnell es ging die Tür, damit die Wirklichkeit wieder Einzug halten konnte. Der Schaffner betrachtete mich äußerst kritisch: »Sie haben die Toilette blockiert, junger Mann!«

»Ich, äh, ich ..., äh, Verstopfung, wissen Sie!« Schweigen, dann ein leises »Ich verstehe«, und plötzlich von der aufgeregten Dame hinter ihm: »Er hat nicht gespült, ich hab ihn nicht spülen hören.« Und wieder hochnotpeinliches Schweigen auf dem Flur.

»Ich ..., ich hab ja gar nicht!« Der Mann in Uniform wurde strenger: »Bitte verlassen sie jetzt die Toilette und betätigen sie den Spülknopf.« Ich gehorchte und zog mich für die restliche Fahrzeit in das inzwischen nach Bier stinkende Abteil zurück. »Das war´s dann«, sagte ich mir, »mit Zugtoiletten bist du durch, das hast du nicht mehr nötig!« Selbst wenn ich zum Opfer meines Stoffwechsels werden sollte! Nie, nie wieder Zugtoiletten!

Zeichnung von OL

Zeichnung von OL


*) Liedzeile aus: »Der kleine Prinz« von der Berliner (?) Kultkapelle Rosenstolz, CD »Nur einmal noch«, 1994

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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