Andreas Scheffler: Siegfried Löwy und das Tapezieren
Ich lernte Siegfried Löwy 1982 kennen. Es war in einer Neuköllner Straße, ich befand mich gerade auf dem Heimweg, da trat ein älterer Herr, den ich als Siegfried Löwy kennenlernen sollte, pfeilgeraden Schrittes aus der bekannten Kneipe Bei Hotte und Karin heraus, kam schnurstracks auf mich zu und bat mich, ihm beim Tapezieren und Weißen seiner neuen Räumlichkeiten behilflich zu sein. Er allerdings, so fügte er hinzu, sei in solch profanen Dingen zwar bewandert, doch nicht versiert, so daß ich wohl die größte Last zu tragen hätte.
Dieses, sein Ersuchen trug er vor, wie Menschen, die selbst schon häufig um Hilfe beim Tapezieren und Weißen von Wänden angegangen worden sind, von Zimmerdecken ganz zu schweigen. Womöglich war noch eine akribische Sorgfalt verlangt, weil der Bittsteller es versäumt hatte, zuvor Fußleisten, Türrahmen, Lichtschalter und dergleichen abzukleben; sowie die Auslegeware vor Kleister- und Farbspritzern, die sich niemals zur Gänze vermeiden lassen, zu schützen. Auch wußte Löwy von der oft nicht vorhandenen Bereitschaft der Arbeitskrafterschleicher, ihre Hilfsdienste zu beköstigen, das heißt, ihnen im mindesten einige belegte Brote - mit Wurst und Ei zumeist -, Mineralbrunnen und Bier bereitzustellen, statt dessen dreist zu erwarten, daß die Knechte ihre Verpflegung noch mitbrachten.
Trotz dieses Wissens um den Mißbrauch im Tapezier- und Anstreichhilfeersuchenwesens, fragte mich Löwy, und ich sagte ja, denn ich erahnte schon zu dieser Zeit seinen rechtschaffenen Charakter.
Zum verabredeten Zeitpunkt erschien ich bei Löwy. Er begrüßte mich an der Türe mit einem Glas Portwein. »Das Tapezieren - kann enervieren«, sagte er orakelhaft und fügte hinzu: »Auch das Streichen von Wänden - kann böse enden.« Sodann geleitete er mich in einen hohen Raum, der fugenlos mit alten Pferdedecken ausgelegt war. In der Mitte stand ein Tisch, auf dem Hammer, Meißel und Spachtel lagen, nirgendwo Tapeten, kein Kleister, nichts weiter. Die Wände aber waren feinsäuberlich von den alten Tapeten befreit.
Ich mußte geschaut haben wie der junge Botho Strauß, denn Löwy lächelte milde und legte mir eine Hand auf die Schulter. Sein Leben lang, so sagte er, habe er die Geschichte studiert und dabei festgestellt, daß die Menschheit dazu neige, Tapeten über die ihnen unangenehmen Zeitläufe der Historie zu kleben, liebstenfalls Blümchenmuster. Blümchenmuster, sagte er und schnaufte, seien neben Mentholzigaretten und Hautausschlag das Ekelhafteste, das er in seinem Leben kennengelernt habe. So etwas würde er auf keinen Fall unterstützen.
Auch ein Stück nacktes Gemäuer gebe ein beredtes Bild von Geschichte. Und so habe ein junger Mann namens Bov Bjerg lange Tage damit zugebracht, das Papier von den Wänden zu kratzen. Er selbst habe daraufhin monatelang die, nun in ihrem natürlichen Zustand stehenden Wände studiert.
Ich war verwirrt, wußte ich doch nicht, zu welcher Aufgabe ich unter diesen Umständen hier war. Löwy aber schenkte mir nach und begann endlich, mich zu instruieren, Wenn mir die Arbeit nicht zu schwer sei, möchte ich bitte Hammer, Meißel und Spachtel nehmen und die Wände vom Putz befreien. Er habe bei seinen Studien die Überzeugung gewonnen, daß er tiefer dringen müsse. Ich verstand und fing sofort an.