Hinark Husen: Kurze Betrachtung der Kleiderordnung im Primärbereich
Zugegeben, die Frage, ob ich auch unter Pullover und Hose passend gekleidet bin, hat sich für mich jahrelang nie gestellt. Als Kind wurde man ohnehin in sämtlichen Textilfragen dem Diktat der Mutter unterstellt. Einzig die im Winter aufgezwungene, dunkelbraune Strumpfhose, die beim Auskleiden vorm Sportunterricht regelmäßig Anlaß für. Hohn und Spott der Klassenkameraden war, provozierte meinen Widerspruch. Und mit jedem neuen Schamhaar wuchs die Diskrepanz zwischen aufkeimender Männlichkeit und diesem als weibisch verschrieenen Wollbeinkleid. Aber Mutter blieb hart.
Erst als auch am Kinn ein Flaum zu sprießen begann, konnte ich mich durchsetzen. In der Schlüpferfrage beherrschte sie allerdings noch bis weit über meinen Auszug das Terrain. Und so kann es nicht großartig verwundern, wenn sich mein Geschmack dem meiner Mutter immer mehr annäherte und ausschließlich pragmatischen Aspekten folgte. Kochfest und mit Eingriff, das waren die Prämissen, die eine zu kaufende Unterhose auszeichneten. Und diese Qualität hat seit Jahren den gleichen Namen: Schießer Doppelripp, wahlweise in weiß oder mausgrau, Feinripp gibt es immerhin auch in hellblau, ist aber weniger robust.
Daß ich von dieser Tradition inzwischen weitgehend abgerückt bin, liegt keinesfalls in der Tatsache begründet, daß die immer größer werdende Vielfalt in der Welt der Unterwäsche meine Kauflust weckte. Nein, auch hier sind die Ursachen weitestgehend pragmatischer Natur. Ich war vor einigen Jahren auf einer Party meiner Cousine. 20 Frauen standen 5 Männern gegenüber, und just einer der Kerle kam im Suff auf die dummdreiste Idee, mit seiner neuerworbenen Garnitur anzugeben. Als hätte er nur auf die Aufforderung gewartet, entledigte er sich auf dem Tisch tanzend seiner die Sicht versperrenden Jeans sowie überaschenderweise auch des Pullovers und präsentierte einen mir bis dahin nur aus Westernfilmen bekannten Einteiler in modischem Schwarzweißdesign mit roter Knopfleiste. Die Damen waren derartig angetan, daß sie sogleich die Besichtigung der vier anderen Geschlechtsteilverpackungen forderten. Zwei recht unterschiedlich geschnittene Tangas sowie eine opulent grelle Boxer-Short kamen zum Vorschein, bis ich an der Reihe war.
Das Timing hätte nicht besser sein können, das Publikum brach in grölendes Gelächter aus und klopfte sich mächtig auf die Schenkel. Nur einem reichlich angetrunkenen Mädel schossen die Tränen in die Augen, fühlte sie sich doch schockartig an ihren jüngst verstorbenen Großvater erinnert, der ihr sehr am Herzen lag. Der Großteil der Anwesenden war sich später darin einig, ein solches Kleidungsstück in die Liste der 10 wichtigsten Trennungsgründe mitaufzunehmen.
Ich zog meine Konsequenzen und stornierte gleich am nächsten Tag telefonisch weitere Unterwäschesendungen durch meine Mutter. Von nun an hieß es: Ich nehme nicht mehr das was kommt, sondern kaufe mit Herz und Verstand selber ein.
Während ich mir allerdings in Fragen der Oberbekleidung eine gewisse Stilsicherheit durchaus zusprechen darf, betrat ich hier völliges Neuland. Welche Unterwäsche trägt man zu welchem Anlaß? Aufgrund einer Einladung beschloß ich, ein gediegenes Kaufhaus aufzusuchen und mich ausführlich beraten zu lassen. Nun ist es dummerweise in der entsprechenden Abteilung leider viel zu selten, daß jemand mit der berühmten »Kann-ich-Ihnen-helfen«-Formel an einen potentiellen Slipkunden herantritt. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Nach viertelstündigen Herumirrens wechselte ich in die benachbarte Stoffabteilung und bat eine mir fachkundig erscheinende Dame um ihre Beratung: »Ich bin heute abend zu einer Ausstellungseröffnung eingeladen, und weiß noch nicht so recht, was ich tragen soll!« - »Anzüge 2. Etage!« war ihre kurzangebundene Antwort. Es brauchte noch einige Zeit, bis ich sie darüber aufklären konnte, daß ich diesbezüglich schon alles geklärt hatte. Widerwillig folgte sie mir nach umständlichen Erklärungen und zeigte auf den Wühltisch. »Das wird immer gern genommen.« Ich war kurz davor, HB-Männchen zu spielen: »Sie wollen mich mit kochfester Doppelrippwäsche und zweifachem Eingriff auf eine Vernissage schicken. Würden Sie sich in einem Angora-Schlüpfer bis zu den Knien unter einem Minirock getragen dorthin wagen?« 1:0 für mich.
Aber Berliner Verkäuferinnen sind nicht auf den Mund gefallen: »Also, wissen sie, einen Tanga würd ich Ihnen nicht empfehlen wollen.« Sie musterte intensiv meine Bauch- und Hüftregion bei diesen Worten. »Dazu scheinen Sie mir nicht ganz der Typ zu sein.« Endlich kamen wir in das von mir erwünschte Verkaufsgespräch. Das Ergebnis präsentierte sich schließlich als schlicht schwarze Seidenshorts mit weiß gepunktetem Trägershirt.
Preislich kam diese Garnitur meinem Secondhand-Anzug recht nahe. Aber ich fühlte mich an diesem Abend so wohl wie nie zuvor in meiner zweiten Haut. Überaschenderweise ergab sich allerdings kaum die Gelegenheit, meine Neuerwerbung zu präsentieren. Doch vor einem riesigen, ganz in intensivem Rot gehaltenen, abstrakten Bild blieb ich gefesselt stehen, fasziniert von dem Kontrast, der entstünde, würde mich jetzt jemand auffordern, Hose und Pullover auszuziehen.
Ich versuchte dann beim Wasserlassen auf der Toilette noch Eindruck zu schinden, indem ich vor dem Urinoir nicht nur den Reißverschluß öffnete, sondern meine Hose - wie versehentlich - bis in die Kniekehlen rutschen ließ, aber auch das brachte nicht die gewünschten »Aah und Ohh«-Effekte hervor.
All dies hat mich nicht davon abbringen können, meine Unterwäsche nach wie vor für jede Gelegenheit passend auszuwählen. Zur Zeit arbeite ich an einem Sackwärmerknigge, so der Arbeitstitel, den ich im Sommer herauszubringen gedenke. Interessenten können sich schon jetzt an die Salbader-Redaktion wenden.
