Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XVI
Immer mehr Menschen leiden unter Allergien. So auch Victor Orloff, Privatdetektiv. Wegen seiner Gummi-Allergie ist Orloff auf der Suche nach der Pflanze, die Aids besiegt. Verständlich, daß Rubber International, der wahnsinnig mächtige Konzern, versucht, ihn daran zu hindern. Überdies will der CIA, daß Orloff, der wahnsinnig fähige Privatdetektiv, den libyschen Präsidenten Ghadaffi ermordet. Zu diesem Zweck lockt der US-Geheimdienst Victor Orloff auf die Osterinsel. Statt dort auf seine über alles geliebte Freundin, die legendäre Indiana Jane, zu treffen, trifft Orloff auf einen Schergen des US-Imperialismus und dessen Baseballschläger. Orloff wird in ein Flugzeug nach Bengasi, Libyen, verfrachtet. Dort sitzt er jetzt. Economy-Class.
Folge XVI: Das Karma von Frau Möller
von Martin O´Peeds ins Deutsche gebracht von Bov Bjerg
Economy-Class! Ich hatte nicht gedacht, daß jetzt auch schon der CIA zu sparen hatte. Aber typisch: Die Kleinen mußten´s mal wieder ausbaden. Doch bevor ich meine sozialreformerischen Gedanken vertiefte, wollte ich mich erstmal orientieren. Zeit? 13 Uhr 46. Ort? Tja. Eine zugige Illjuschin, das war klar. Aber wo befand sie sich? Ich dachte nach. Mein Kopf dröhnte noch von dem Baseballschläger, den der CIA-Knecht mir übergezogen hatte. Das Gehirn spannte unter der Schädeldecke, als ob es sich überfressen hätte. Tatsächlich war meinem Hirn auch ein wenig übel.
Ich dachte trotzdem nach. Ein Privatdetektiv hatte gefälligst nachzudenken, auch wenn das Gehirn unpäßlich war. Also: Wenn wir immer noch höher stiegen, konnten wir von der Osterinsel noch nicht allzu weit entfernt sein. Aber stiegen wir noch? Ich wollte aufstehen, um auf dem Gang ein Stück nach vorn zu gehen. Wenn ich bergauf gehen müßte, so versuchte ich zu denken, dann stiegen wir noch, waren folglich noch in der Nähe der Osterinsel. Ich löste meinen Gurt.
»Bleib sitzen, Victor!«, flüsterte jemand hinter mir. Die Stimme kam mir bekannt vor. »Du mußt dich anschnallen, wir sind doch eben erst gestartet.« Indiana Jane! War das denn zu fassen? Teufelsbraut! »Dreh dich nicht um! Entspann´ dich ein bißchen und warte einfach ab. Es wird alles gut.« Indiana Jane log nie. Ich konnte also ganz beruhigt sein. Es fiel mir schwer, mich nicht umzudrehen, aber ich gehorchte. Schließlich kannte ich das Alte Testament gut genug.
Also nochmal: Zeit? 14 Uhr 21. Ort? Über dem Süd-Pazifik, in der Nähe der Osterinsel, also etwa 27´ südlicher Breite, 1090 westlicher Länge. Es hatte wirklich seine Vorteile, wenn man im Religionsunterricht aufgepaßt hatte. Ich saß auf der linken Fensterseite. Die Sonne knallte mir in die Augen. Wir flogen also nach Westen. Wenn wir auf diesem Breitengrad blieben, würden wir über kurz oder lang, das heißt, nachdem wir Südamerika, den Atlantik, Südafrika und den Indischen Ozean überflogen hatten, nach Meekathara* in Westaustralien gelangen. Immerhin könnte ich dort in den Zug nach Perth steigen. Das waren zwar an die tausend Kilometer Eisenbahnfahrt, aber was waren schon läppische tausend Kilometer, wenn man gerade die halbe Welt umrundet hatte. Das dumme war bloß, daß der Zug von Meekathara nach Perth nur einmal in der Woche fuhr. Dienstags. Und heute war Dienstag. Das konnte knapp werden.
Ich rief die Stewardess. »Fräulein«, sagte ich, »wissen Sie eigentlich, daß Meekathara auf etwa 118´ östlicher Länge liegt?« Sie schüttelte den Kopf. »Das dachte ich mir. Fräulein, ich gedenke, den Zug nach Perth noch zu bekommen.« Verdammt, fiel mir an dieser Stelle ein, was wollten die denn überhaupt in Australien? Ich wurde mißtrauisch, ließ mir aber nichts anmerken: Wenn wir westwärts fliegen, müssen wir die Erde mehr als zur Hälfte umrunden. Ostwärts wäre es um einige Längengrade kürzer! Außerdem könnten wir mit dem Südostpassat fliegen und nicht gegen ihn. Ganz zu schweigen von der Zeitersparnis, wenn wir über die Datumsgrenze fliegen!. Die Stewardess ging, um meine Überlegungen dem Piloten mitzuteilen.
Ich schaute mich im Flugzeug um. Neben mir saß eine Frau mit grauen Strähnen im dunklen Haar. Ihr Gesicht war gezeichnet, als ob sie zwanzig Jahre im Gefängnis verbracht hätte. Sie erinnerte mich ein bißchen an Irmgard Möller, die ehemalige RAF-Angehörige. Hoffentlich wollte sie nicht das Flugzeug entführen. Dann konnte ich den Zug in Meekathara wohl endgültig in den Wind schreiben. Die Dunkelhaarige lächelte mich an: »Keine Bange. Mit dem Terrorismus bin ich durch. Ich hab mich nur ein paar Wochen vom Knast erholt, da auf der Osterinsel. Und jetzt flieg ich schön nach Hause. Schön duschen, ´nen Happen essen, und dann ab in die Falle. Ich freu mich schon auf mein Bett.«
Auf der rechten Seite des Flugzeugs waren die Sitze ausgebaut und durch riesige Regale ersetzt. Große Steinfiguren lagen darin. Wahrscheinlich hatte deshalb die Maschine rechts etwas Schlagseite. Eigentlich waren es eher Köpfe. Köpfe mit langen Nasen. Ich mußte die eigenartigen Skulpturen recht fragend angestarrt haben, jedenfalls flüsterte hinter mir Indiana Jane: »Der wichtigste Exportartikel der Osterinsel. Ghadaffi steht auf sowas.« Ach Gott, Ghadaffi. Den hatte ich völlig vergessen. Dieser schreckliche CIA! Warum sollte ausgerechnet ich Ghadaffi umlegen? Ich wußte noch nicht mal, wie man seinen Namen schrieb. Ghaddhaffi...
Die Stewardess trat wieder an meinen Sitz: »Der Pilot läßt ausrichten, daß wir nicht ostwärts fliegen können. Wir müßten sonst den Kermadecgraben überfliegen. Das ist die südliche Verlängerung des Tongagrabens, wissen Sie? Und der ist echt ziemlich tief, so um die zehn Kilometer. Da holt uns keiner mehr raus. Und die Statuen erst recht nicht.« Ich Idiot! Der Kermadecgraben! Wie hatte ich den nur vergessen können?
»Und außerdem...«
»Was außerdem?«
»Das hab ich jetzt vergessen. Moment!.« Sie stakste nochmal ins Cockpit und kam gleich wieder: »Außerdem fliegen wir gar nicht nach Australien. Wie kommen Sie überhaupt darauf?« Das wußte ich jetzt auch nicht mehr so genau. Also doch nach Bengasi.
»Na, dann kannst du den Zug in Meekathara wohl in den Wind schreiben«, kicherte hinter mir Indiana Jane. »Das weiß ich selbst«, raunzte ich zurück, »ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen.« Das war noch nicht mal gelogen.
Als die Anden unter uns lagen, reichte mir Indiana Jane eine Flasche Bommerlunder nach vorn. »Nimm ´nen Schluck! Du wirst es jetzt gebrauchen können.« Ich überlegte noch, was das zu bedeuten hatte, da sah ich auch schon ihren reizenden Rücken. Ihre reizenden Beine trugen den reizenden Rücken den Gang entlang ins Cockpit.
Der Bordlautsprecher knackte: »Sehr geehrte Fluggäste, hier spricht ihr Kapitän. ich glaube, wir sind soeben entführt worden.« Im Hintergrund wurde erregt gestritten. Auf arabisch. Auf russisch. Auf deutsch: die Stimme von Indiana Jane. Mein lieber Herr Gesangverein! Ich schwang mich aus dem Sitz, über die blaß gewordene Dunkelhaarige hinweg. Außer uns beiden war niemand mehr im Passagierraum. Ich robbte nach vorn. Mit der 38er im Anschlag trat ich den Vorhang ein. Ein Bild der mentalen Verwüstung, ein Tohuwabohu wie bei Karstadt am Samstag vor Heiligabend. Es stank nach Wodka, Schweiß und Myrrhe. Drei Männer fuchtelten mit Kalaschnikovs herum und redeten auf den Piloten ein. Andere wedelten mit Uzis und fluchten in ihre Palästinensertücher. Dazwischen stand Indiana Jane. Verzweifelt starrte sie mich an. Ich stellte mich dem Piloten vor und fragte, was denn hier los sei: »Was ist denn hier los?«
»Wenn ich das wüßte. Diese Herren da möchten, soweit ich das verstanden habe, nach Dnjepropetrowsk. Die andere Reisegruppe bevorzugt Mogadischu. Und die Dame«, er zeigte auf Indiana, »will unbedingt nach Berlin.« Nach Berlin?
»Oh, Victor... Die Bürgerinitiative für die Schließung des Flughafens Tempelhof hat mich gebeten, ein Flugzeug nach Tempelhof zu entführen. Damit der Flugplatz wenigstens mal für ein paar Stunden oder Tage gesperrt wird, wenn da ein entführtes Flugzeug steht. Ich weiß, das klingt verrückt, aber ich dachte, so könnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe ...« Verdammt, Indiana Jane hatte auch schon mal bessere Ideen.
»Wir waren zuerst da!«, brüllte die Wortführerin der Araber.
»Stimmt das?«, fragte ich die Ukrainer. Sie nickten betreten. Es stellte sich heraus, daß Indie die letzte war.
»Wenn das so ist«, sagte ich zu Indie und zu den Ukrainern, »dann haben wir hier nichts mehr verloren. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wo kämen wir denn sonst hin?«
»Nach Berlin!«
»Oder nach Dnjepropetrowsk!«
Ich machte den Ukrainern klar, daß Dnjepropetrowsk schon deshalb keine Chance hatte, weil man es gar nicht aussprechen konnte. Niemals würde nach Dnjepropetrowsk ein auch noch so pupsiges Flugzeug entführt werden. »Und was uns angeht, Indie«, ich fixierte die Araber, »die letzten werden die ersten sein! Kennt ihr nicht, was? Mattäus 19, Vers 30! Und wenn ihr echt nach Mogadischu wollt, dann seid ihr ganz schön bescheuert. Das ist doch ein Heimspiel für die GSG 9. Komm, Indie, wir nehmen wieder unsere Plätze ein.«
Die Ukrainer trotteten uns hinterher. Ich glaube, sie weinten. Waren halt doch irgendwie Russen, diese Ukrainer. Ich schenkte ihnen meinen Bommerlunder. Indie gab ihnen noch drei Flaschen. Die Araber fesselten uns an die Sitze. Ich bat die Wortführerin zu mir: »Bitte tun Sie mir nichts. Einschlägige Untersuchungen haben gezeigt, daß ich mich, wie übrigens alle anderen Geiseln hier auch, sehr bald mit Ihnen identifizieren werde. Schließlich sitzen wir ja alle gleichsam im selben Boot. Darf ich Sie mit meiner Nebensitzerin bekannt machen? Das ist Frau Möller. Frau Möller, das sind arabische Terroristen.« Frau Möller war inzwischen weiß wie die Wolken unter meinem Fenster. Wahrscheinlich überlegte sie, wie sie ihrem Bewährungshelfer erklären sollte, daß sie mit der Sache nichts zu tun hatte. Die Ukrainer tanzten in ihren Sitzen und sangen traurige Lieder.
*) vgl.: Orloff Victor (eigtl. Kant, Immanuel), Geheymaufftrag Tuberculosis. Folge CXLVII Bey den australischen Urbewohnern. Parerga und Paralipomena zu einer physischen Geographie. In: Salbader. Berliner Bunte Blätter fiir den daheymgebliebenen Abentheurer, Berlin 1795