Kurznachrichten: Blindhuhn
Outdooring
(Jürgen Witte) Früher hieß es Wandern oder Zelten, und es hatte etwas mit Lagerfeuer und Pfadfindern zu tun. Heute heißt es, wie mich ein Bericht über die Sportartikelmesse ISPO belehrt: Outdooring. Draußen vor der Tür, Wolfgang Borchert kommt mir in den Sinn. Aber ich nehme stark an, daß das ganze nach wie vor etwas mit Lagerfeuer und Pfadfindern zu tun hat.
Energie
(Horst Evers) Es war schon so gegen Nachmittag, als ich endlich aufwachte. Ich fühlte mich schlaff und kaputt. Aber nicht normal schlaff und kaputt, sondern schon ziemlich dermaßen schlaff und unheimlich kaputt, total ausgepowert. Ich mußte die letzten Tage echt verdammt was geleistet haben, wie könnte ich sonst so total abgeschlafft und kaputt sein. Ich war stolz auf mich. Mann, war ich ausgepowert, völlig fertig, saft- und kraftlos. Dabei mag es für Außenstehende gar nicht so anstrengend ausgesehen haben, was ich die letzten Tage gemacht hatte, aber so kann man sich täuschen. Ich versuchte mich zu erinnern, was es war. Es fiel mir nicht ein, so kaputt und völlig fertig war ich. Boaoarrrhh!, war ich schlaff!
Trotzdem, als könnte ich den Hals nicht vollkriegen, beschloß ich auch noch aufzustehn. Aber das war nicht so einfach. Ich war einfach zu schlaff. Mit einem gewaltigen, von unbändiger Willensstärke motivierten Schwung hievte ich meine morschen Knochen hoch. Ich stand, aber dafür war plötzlich das Flurlicht ausgegangen. Ich versuchte die Schreibtischlampe - nichts; ich blickte durchs Fenster zur Fassade des Hauses gegenüber. Alles dunkel. Stromausfall. Genau im Moment meines Aufstehens. Konnte das Zufall sein? Unwahrscheinlich. Sicherlich hatte ich für meine Aufstehanstrengung sämtliche Energie aus dem Viertel abgezogen und damit einen gewaltigen Stromausfall verursacht. Man, mußte ich kaputt gewesen sein!
Zeitumstellung
(Jürgen Witte) Heute nacht 1 Uhr 58. Gleich ist Zeitumstellung. Ich habe mir meinen neuen Funkwecker vom Nachttisch geholt, ich will ein technisches Schauspiel erleben, ich will sehen, wie der das macht. 1 Uhr 58. Zwei kleine Nullen auf dem Display beginnen zu blinken. Mein Wecker sucht nach Funkverbindung. 2 Uhr. Die Nullen blinken immer noch. Keine Zeitumstellung. 2 Uhr eins, diese verdammten Nullen hören nicht auf zu blinken. Zwei Uhr drei, statt der blinkenden zwei Nullen erscheint jetzt die Anzeige 01.
In der Bedienungsanleitung steht daß mein Wecker mich damit darauf hinweist daß er in der letzten Stunde keinen Funkkontakt hatte.
Ich habe das verdammte Ding zu nah neben den Computer gestellt. Computer und TV-Geräte stören den Funkempfang. Ich habe alles verpaßt, jetzt muß ich bis zum September warten.
Schule
(Andreas Scheffler) Als ich im Alter von vierzehn Jahren meine Biologielehrerin Frau Böhme fragte, ob ein Auge, welches aus seiner Höhle gesprungen ist und nun am Sehnerv baumelt, vielleicht direkt neben dem Nasenflügel, ob man mit diesem Auge noch sehen könne, da verzog sie angewidert das Gesicht und sagte sonst nichts dazu. - Die Schule weiß meist keine Antwort auf die ungelösten Fragen der Heranwachsenden. Dies führt nicht selten zu sozialer Desorientierung und schließlich zu einer Existenz am Rande der Gesellschaft.
Die Brigitte
(Jürgen Witte) Meine Frau hat sich die BRIGITTE gekauft. Sie kauft die BRIGITTE vielleicht einmal im Jahr. Warum tut sie das? Warum diese BRIGITTE? Wegen des Themas Die neue Mode, was bringt der Sommer? Nein, dazu kenne ich sie zu gut. War sie scharf auf das Dossier Schlank bleiben: Das Erfolgskonzept?, oder war es vielleicht doch wegen des auf dem Titelblatt annoncierten Artikels in der Partnerschaftsabteilung: Das hast du mir nie erzählt - über die quälende Eifersucht auf Vergangenes?
Was ist das, was sie mir nie erzählt hat?
Ich lese heimlich den Artikel: Dort ist eine Beziehung an dem Geständnis gescheitert, daß sie früher als Aktmodell in einer Kunstakademie posierte. Die BRIGITTE sagt sie muß mir das nicht unbedingt erzählen. Ich sage, muß der Typ bescheuert sein. Warum also kauft sich meine Frau die BRIGITTE? Ich frage sie. Sie sagt, es war das Dossier übers Schlankbleiben. Ich glaube ihr.
In der Küche meiner Freundin
(Sarah Schmidt)
»Sag mal, Irina, findest du eigentlich, daß wir zuviel trinken?«
»Was? Nö, wie kommste denn darauf?«
»Naja, ich find ja eigentlich auch nicht, aber früher hab ich das nicht gemacht.«
»Was?«
»Bloß weil uns langweilig ist, nachmittags Jägermeister trinken.«
»Ach was, doch nicht aus Langeweile, das war doch ´n Sonderangebot. Da muß man zugreifen.«
»Stimmt. Ich dachte auch nur so, weil wir sind doch auch um die 30. Alkoholgefährdete Gruppe Nr. 1 «.
»Nee, nee, das ist nur bei unbefriedigten Hausfrauen so.«
»Ach so, ja dann is ja gut.«
»MMM.«
Nachts in Steglitz
(Jürgen Witte) Die Nacht senkt sich über Steglitz. Erst jetzt wird der tagsüber so aufgeräumte Bezirk fremd und unheimlich. Gegenüber, in dem häßlichen Neubaublock mit den unzähligen winzigen Appartements, sind drei Fenster erleuchtet. jede Nacht die gleichen drei Fenster, bis mindestens zwei Uhr, an den Wochenenden sogar noch länger. Zwei dieser Fenster gehören zu benachbarten Wohnungen, das andere, noch hellere, von weißem Halogenlicht glänzende, liegt eine Etage tiefer.
Wissen diese Menschen voneinander? Kennen sie ihre gemeinsame nächtliche Unruhe? Was geschieht jede Nacht hinter diesen Fenstern, während der Rest der Steglitzer längst schon ruht?
Irgendwo in der Ferne tutet wieder einmal eine aus ihrem Schlaf geschreckte Autoalarmanlage.
Unter Frauen
(Hans Duschke)
»Du siehst gut aus.«
»Ja? Na ja ... Du auch.«
Der Tod der Aufreiß-Kultur
(Bov Bjerg) Sich beim Anbaggern mit einer Hand am Türpfosten abzustützen, das tun bald nur noch die Herren alter Schule. Ich war dabei, als der Aufreiß-Kultur das Sterbeglöckchen geläutet wurde: Ein junger Mann und eine junge Frau sitzen sich gegenüber und reden kein Wort. Ich weiß, daß sie sich nicht kennen können. Die anderen am Tisch, darunter ich, unterhalten sich möglichst zwanglos, der junge Mann und die junge Frau dagegen reden kein Wort und mustern sich. Tiefe Blicke. Fünf Minuten lang, zehn Minuten lang. Die anderen am Tisch, darunter ich, tun, als ob nichts wäre und unterhalten sich möglichst zwanglos. Unvermittelt tritt eine Gesprächspause ein. in das Schweigen, er zu ihr, mit geistesabwesender Brünftigkeit: »Gib mir doch mal deine Telefonnummer.«
Telefon
(Horst Evers) Schon seit mehreren Stationen stierte der Mann mir gegenüber sinnlos auf den Boden. Plötzlich jedoch bäumte er sich auf:
»1998!!! Das muß man sich mal vorstellen! 1998!!! Was glauben die eigentlich, wer sie sind. 1998 bekommt unsere Straße auch schon Telefon, schön! Technisch nicht anders möglich, tut ihnen sehr leid, prima, prima!!! 1998, das mußte Dir mal vorstellen, das gibt überhaupt noch gar keine Kalender, wo die Zahl schon drinsteht. Kann man sich gar nich notiern! 1998!!! So hamm die sich das gedacht. Zehn Jahre solln wir noch aufs Telefon warten...«
»Drei Jahre«, warf sein Nachbar ein, »drei Jahre.«
»Ach, nu hör mir bloß mit Deiner Haarspalterei auf, drei Jahre, zehn Jahre, wo is da denn der Unterschied?«
»Sieben Jahre.«
»Ach Du, mit deine Korinthenkackerei hier, bin ich Mathematikprofessor oder was? Wenns nach Dir ginge, würden wir noch bis zum Jahr 2000 warten, dann wärns 20 Jahre, das wär Dir auch recht.«
»Wenn Du´s sagst.«
»Mensch, Mensch, Mensch, aber mit uns kleine Leute könnses ja machen. Mercedes oder Sony, die machen das anders. Die kommen nach Berlin, gucken: Wo sind Telefonzellen? Ah, Potsdamer Platz: Drei Telefonzellen, kaufen wir gleich das ganze Gelände, bauen einfach unsere Gebäude um die Zellen herum, zack, hamm wir gleich Telefon im Haus, können wir arbeiten, so geht das doch bei denen!«
»Fünf Jahre, bis zum Jahr 2000 sind´s noch fünf Jahre...«
Sackkratzen
(Jürgen Witte) Zielstrebig steure ich die leere Sitzbank am Ende des U-Bahn-Wagens an.
Als ich mich dort setzte, merke ich, warum hier keiner bleiben wollte. Auf der Bank gegenüber hat sich ein Besoffener schlafen gelegt. Er schnarcht dabei manchmal lautstark und kratzt sich bisweilen an den Schamhaaren. Obwohl er schläft, schafft er es, seine Hand immer wieder nach einigen Anläufen unter den Gürtel zu schieben, und drückt dabei seine ohnehin schon tiefhängende Hose langsam weiter nach unten. Bald liegt seine obere, schütter behaarte Arschbacke frei. Seine Haut ist grau und fleckig. Wenn er so weiter macht, dann fällt ihm vorne jetzt bald der Schwanz heraus.
Irgendwie war es spannend, aber ich mußte dann doch umsteigen.
So lacht der Philosoph
(Horst Evers) Möglicherweise sind beim nun folgenden Witz einige der unzähligen eloquenten Anspielungen und humorigen Wortwitze bei der Übersetzung vom Griechischen ins Deutsche hops gegangen. Trotzdem aber bleibt er fraglos ein erhaltens- und verbreitenswertes Kleinod zeitgenössischer, nachdenklicher Spaßkultur.
Also: Treffen sich zwei Philosophen. Sagt der eine Philosoph zum anderen Philosophen:
»Du, anderer Philosoph, manchmal glaub ich, Sokrates hatte doch recht.«
»Womit?«
»Weiß ich nicht.«
Beide brechen in herzliches Gelächter aus. Als sie sich einigermaßen wieder gefangen haben, sagt der andere Philosoph, immer noch unter nachdenklichem Glucksen:
»Laß gut sein, einer Philosoph, aber ich kann nicht mehr, ich geh jetzt nach Hause und geb mir den Kant.«
Wieder brechen beide in herzliches Gelächter aus.
Das ist noch sehr die Frage
(Hans Duschke) Da waren die beiden in der U-Bahn, nachts um drei. Sie erzählten sich, bzw. der eine erzählte dem anderen von einem gemeinsamen Bekannten, und daß dieser gehörig Scheiße an den Backen habe, wegen eines Verkehrsunfalls vor zwei Jahren, eigentlich ´ne Kleinigkeit, aber jetzt seien die Rechnungen gekommen, Krankenhausaufenthalt, Verdienstausfall da käme ganz schön was zusammen. Und alles nur, weil er so dämlich gewesen wär´, zu unterschreiben, daß er Schuld hätte.
Dann wurde der Verlauf des Unfalls geschildert, irgendwer kam von links, unübersichtlich sei es gewesen - und dunkel. Und der gemeinsame Bekannte: Nicht versichert! Und dann sagte der eine zum anderen: »Ob das die Versicherung zahlt, wenn du ´n Radfahrer umgenietet hast, das ist noch seeehr die Frage!«. und dann mußte ich aussteigen.
Einkaufskörbe
(Jürgen Witte) Manchen Menschen sieht man es schon von weitem an, daß sie mit ihrem Leben im Moment etwas unzufrieden sind. Zum Beispiel der Herr in voller Businessmontur, der mit einem großen geflochtenen Einkaufskorb und mit durchgedrücktem geraden Rücken zu Reichelt stolziert und zum wiederholten Male versucht, diesen noch leeren, ballonförmigen Korb irgendwie richtig in den Griff zu bekommen.
Er hat in seinem sicher harten Berufsleben gelernt, kräftig auszuschreiten und sein Aktenköfferchen dabei immer mit schnittig durchgedrücktem Arm neben seinem gerade aufgerichten Körper zu tragen. Daß dieses mit Einkaufskörben wegen ihrer ausladenden Dimensionen schon überhaupt gar nicht möglich ist weil sie dann mit den schwingenden Beinen in Konflikt geraten, das beginnt ihm langsam zu dämmern.
Nachher, wenn er mit vollem Korb zurückgeht wird er den dazu nötigen schiefen Gang schnell lernen, er wird seinen Kopf etwas weniger hoch halten können dabei, und er wird sich dafür schämen.
Zuhause angekommen, wird er seiner Frau deswegen Vorwürfe machen.
Armut
(Bov Bjerg) Ein kurzer Beitrag in einem Fernseh-Magazin erklärt: Armut läßt sich schwer definieren. Wer allein lebt und 200 Mark Miete zahlt, kommt mit 1600 Mark gut aus und fühlt sich nicht unbedingt arm; wer Kinder hat und 1 000 Mark Miete zahlt, kommt mit 1600 Mark nicht gut aus und fühlt sich eher arm. Beitrag zu Ende, im Studio der Armuts-Experte. Doch der Moderator wird plötzlich ganz persönlich: »Wie weit«, so fragt er den Experten, »wie weit findet denn Armut nun im Kopf statt?«
Einkaufswagenmechaniker
(Jürgen Witte) Seit drei Tagen parkt hinter Reichelt ein unscheinbarer, vier Kubikmeter großer Pkw-Anhänger mit der Aufschrift: Service. Zwei Männer spritzen tagsüber vor dem Lieferanteneingang reihenweise zusammengeschobene Einkaufswagen des Supermarkts mit heißem Dampf sauber. jeder Wagen bekommt eine Inspektion. Quietschende Räder werden geölt bisweilen hört man auch lärmendes Hämmern oder Schleifen.
Wie erklären diese Menschen ihren Bekannten, womit sie ihre Brötchen verdienen? Wie nennen sie sich? Einkaufswagenmechaniker?
Ein sehr seltenes Berufsbild, das es meiner Erfahrung nach bei Aldi und in ganz Frankreich überhaupt nicht gibt.
Je oller, Je doller
(Bov Bjerg) Manchmal sieht man vor lauter Langeweile gar keinen Ausweg mehr und deshalb fern. Auch eine Freizeitbewältigungsmöglichkeit. Der junggebliebene Showmaster fragt seinen Gast: »Wie alt sind Sie?« Der Gast, zwar ein alter Mann, aber geistig sowas von auf der Höhe, sitzt da und nuschelt: »Ich bin jetzt 82.« Das Publikum klatscht und johlt begeistert. Warum? Sonntags gehen diese Leute bestimmt auf den Friedhof und buhen die Leichen aus: »Hi, ha, hol Grade sechzig, schon k.o.! Achtzig müßt ihr überbieten, jünger sterben nur die Nieten!« Und die ganz Radikalen werfen noch ein paar Kindergrabsteine um.
Amt Schönheit der Arbeit
(Jürgen Witte) Einem Zeitungsartikel von 1942 über die Einweihung einer Lehrwerkstatt bei den Arado-Flugzeug-Werken in Bremen entnahm ich, daß die Halle so hell und großzügig gebaut worden sei, daß sie voll und ganz den Anforderungen des Amtes Schönheit der Arbeit gerecht werde. Das Amt Schönheit der Arbeit! Wo war es? Wahrscheinlich hier in Berlin. Amt Schönheit der Arbeit! Dagegen kann Rüttgers mit seinem Zukunftsministerium nicht anstinken. ich will mehr wissen, über das Amt Schönheit der Arbeit. Bestimmt hatten sie dort ganz tolles Briefpapier.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08