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Jürgen Witte: Homo Oeconomicus

Um menschliches Verhalten theoretisch darzustellen, entwickelten die Verhaltensforscher, denen Freudsche Theorien zu nebulös und unwissenschaftlich waren, das Modell des Homo Oeconomicus. Ein Modell-Mensch, der sich bei allem, was er tut, vorher fragt, was hinten dabei raus kommt, und der immer genau das tut, wo für ihn am meisten dabei rauskommt.

Bei Freud ist es so, daß alles sexuelle Motive hat, auch die Gier nach Geld, und hier ist es so, daß alles finanzielle Gründe hat, selbst die Gier nach so ganz haut die Analogie nicht hin!

Natürlich entspricht das Modell des Homo Oeconomicus keinesfalls der Wirklichkeit, aber, wie mein Chemielehrer immer sagte, wenn er uns das längst überholte Bor´sche Atommodell ans Herz legte, das Modell ist zwar falsch, aber man kann damit richtig rechnen!- So berauschte sich damals die lernbegierige Klasse an den Abbildungen von keulen- und luftballonähnlichen Hohlkörpern, die die tatsächlichen, möglichen Aufenthaltsorte von Elektronen im Atom darstellten, aber bei den Quantensprüngen in unseren Aufgaben kreisten die Elektronen wieder ordentlich auf konzentrischen Planetenbahnen und hüpften dort fröhlich auf und ab.

Ich weiß, Ihr habt alle Chemie abgewählt, und wahrscheinlich das Beispiel nicht verstanden. Egal! Wir halten also fest: Die Wissenschaft schert sich einen Dreck um die Realität, solange sie ein Modell hat, mit dem sie richtige Voraussagen über reale Prozesse machen kann. In der Tat ist das Modell des Homo Oeconomicus der Krämerseele auf dem Marktplatz abgelauscht. Entscheidungsträger in der Wirtschaft müßten sich idealerweise so verhalten! Und wenn sie sich voll und ganz mit der Firma identifizieren, dann sind sie nicht nur für ihre persönliche Bereicherung tätig.

Leider ist diese Selbstlosigkeit gerade bei Menschen, die nur noch in Kosten-Nutzen-Relationen denken, kaum zu erwarten, und so muß die Wirtschaft sich mit Führungskräften zufrieden geben, die bestenfalls von der Maxime ausgehen, daß, was gut ist für die Firma, auch gut für sie sei. Aber auch solche können schon ganz schöne Ekelpakete sein, wenn man mal mit ihnen zu tun hat.

Herr Weihönig, ein Partner der Firma Schmidt & Partner zum Beispiel, der Herausgeber der Titanic. Er stand mir einmal bei einer Stehparty plötzlich gegenüber, beäugte mich abschätzig und tastete sich mit Fragen über meine Funktion an das ihm unbekannte Wesen heran. Drei ehrliche Sätze von mir, und er konnte sich sicher sein, daß meine Bekanntschaft für ihn von keinem nennenswerten Nutzen sein werde. Ohne mich auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er auf dem Absatz um und und verschwand in Richtung eines anderen zusammenstellenden Grüppchens.

Ein Homo Oeconomicus ist nur dann höflich, wenn für ihn hinten etwas dabei herauskommt. ja, in solchen Fällen neigt er sogar zur extremen Schleimigkeit. Spitzen-Verkäufer und gute Vertreter zum Beispiel müssen eine Menge einstecken können. Sie wissen, daß man sie mit ihrer professionellen Aufdringlichkeit nur los werden kann, wenn man sie mitunter direkt und unverhohlen beleidigt.

Aber der Homo Oeconomicus begegnet uns nicht nur in wirtschaftlichen Zusammenhängen. Fast alle New-Age-Lebenshelfer haben nichts anderes anzubieten als den einfachen Tip, unsere chaotische private Lebensführung auch der Kosten-Nutzenrechnung zu unterwerfen. Setz dir ein Ziel, und frage dich bei allem, was du tust, ob es dich dem Ziel näher bringt. Und der Guru spricht: »Es ist an der Zeit, daß sich dein Tagebuch endlich in einen Filofax verwandelt!«

Bei den Scientologen geht es dabei tatsächlich nur um wirtschaftlichen Erfolg, bei den meisten anderen Lebenshelfern aber werden erstmal die persönlichen Beziehungen rationalisiert. Ständig höre ich in Kneipen Sätze von Beziehungs-Ökonomen, Menschen, die bei ihrer seelischen Gewinnmaximierung ihre kompletten Bekannten in Kraft- (oder Power-) spender und Powerräuber unterteilen. Wenn´s mal mit der eigenen Power nicht zum Besten steht, dann sind befreundete Powerschmarotzer daran schuld, die ihnen die Energie absaugen. Andererseits aber möchten sie sich selbst ständig bereichern an Menschen, »wo Power rüberkommt«.

Ein Beispiel:

»Weißt du, das mit Christian, ich glaube, ich investiere da zuviel, das kostet mich auf die Dauer einfach zuviel Kraft!«

Das Unternehmen Anna macht sich Gedanken, ob es sich nicht vom kostenintensiven Entwicklungsprojekt Christian trennen soll, um den Fortbestand des Unternehmens Anna zu sichern.

»Ich finde, er bringt mich nicht mehr weiter, da kommt nichts mehr rüber!«

Das Unternehmen Anna erwartet bei stagnierender Geschäftstätigkeit einen drastischen Gewinneinbruch.

»Am liebsten würde ich mal wegfahren, weit weg, ganz neue Leute kennenlernen!«

Das Unternehmen Anna stellt den Standort Deutschland in Frage.

Gottlob haben fast alle meiner Bekannten nur das nebulöse Ziel, »reich und berühmt« zu werden. Das ist so vage, daß sie sich nie sicher sein können, ob ich ihnen dabei nicht doch, auch einmal von Nutzen sein werde. Meistens sind sie recht nett zu mir.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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