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Hans Duschke: Die angeborene Argumentationsschwäche

Wir saßen zusammen bei Whisky bzw. Weißwein (für die Jüngeren). Der Verzicht auf das landesübliche Bier wirkte sich positiv auf das Gesprächsniveau aus. Die Situation, die Lage, sogar die Zeitläufte wurden - durchaus kontrovers - diskutiert. Niemand kannte den Kerl im schwarzen Sweat-Shirt, der nun seinen Monolog aufsagte:

»Wo sind wir denn hier überhaupt?« (Den Namen der Kneipe hätten wir ihm nennen können, aber er wollte auf etwas anderes heraus.)

»Gestern hab´ ich mir IA - der Tag angesehen: Neugeborene werden auf Mülldeponien ausgesetzt; Telefonzellen explodieren, Karten- oder Münztelefon spielt keine Rolle; Unbekannte schießen mit Kleinkalibergewehren auf BVG-Busse; die Herkunft der Handgranate, die in der Schöneberger Altbauwohnung explodierte, ist weiterhin ungeklärt...«

Die jungen Männer ost- oder südosteuropäischer Herkunft, die den ganzen Tag auf der Straße herumlungern: Wovon leben die eigentlich? Ein weiterer Russe wurde in seiner Millionenvilla im Grunewald erschossen aufgefunden. Von den Tätern fehlt jede Spur. Vietnamesen sterben wie die Fliegen mit Löchern im Bauch. Und so weiter. Und so weiter.

Würde er auch noch etwas fordern wollen? Mehr Polizeipräsenz etwa? Ober mehr Sozialarbeiter? Wir schauten uns verstohlen im Lokal um, ob wir uns als Reaktionäre schon unbeliebt gemacht hatten, aber niemand achtete unser.

»Das ist die Metropole«, fuhr er fort, »wie groß soll die Großstadt denn sein, in der wir leben möchten? Vielleicht doch lieber zwei Millionen, nicht vier? Das Problem ist doch, daß es der Berliner verlernt hat, in einer wirklichen Großstadt zu leben.« Ah, der Berliner, darüber ließ sich trefflich schimpfen.

Mir war langweilig. Ich blickte mich um, ob vielleicht ein Nebentisch interessantere Unterhaltung böte. Der runde Herr neben mir fixierte mich. Er, der Wirtschaftsredakteur einer angesehenen Berliner Sprechzeitung, hatte vor Stunden seinen Vortrag beendet. Es ging um den Homo Oeconomicus und die Tendenz des Modernen Menschen, sein Leben periodisch einer Kosten-Nutzen-Analyse zu unterziehen. Gefühlsmanagment - dieser ganze Dreck. Wir standen im Schankraum um einen Tisch versammelt und Dr. Witte brachte das Gespräch noch einmal auf diesen Typus, indem er sich direkt an mich wandte: Du bist doch potentiell auch so´n Arschloch.« Und schon heute würde ich mit dieser Haltung kokettieren.

Zeichnung von CX Huth

Nun, ich habe nichts dagegen, gelegentlich beschimpft zu werden. (Eine befreundete Journalistin nennt mich zum Beispiel regelmäßig einen Trottel, der sowieso keine Ahnung hat, eine Behauptung, die durch ständige Wiederholung auch nicht wahrer wird.) Ich hätte jedoch gern einige Worte zu meiner Verteidigung gesagt. Die Umstehenden aber diskutierten schon das obskure Sonderangebot einer drittklassigen Hotelkette (Sie zahlen, soviel Sie wollen), und da ich in der vergangenen Woche noch zu den schüchternen Menschen gehörte (eine Eigenschaft, die ich vorgestern durch einen Willensakt abgelegt habe), kam ich nicht zu Wort.

Wortkarg, still und schüchtern saß ich also da und machte mir Gedanken. Ich: ein Arschloch, ein Homo Oeconomicus? Gar nich´ wahr! Ich geh´ jetz´ nach Hause und schreib´ eine Widerlegung, die sich gewaschen hat. Also los. Die Formulierungen Gefühle investieren oder diese Beziehung bringt mir nichts (ein) habe ich noch niemals in meinem Leben benutzt. Ich beobachte meinen Wortschatz sehr genau, vor einigen Wochen beispielsweise kam mir der Begriff Wellpappe über die Lippen, und ich bemerkte sofort die duschkesche Erstaussprechung. Aber darüber hinaus fehlten mir wie üblich die Argumente. Ich leide an einer angeborenen Argumentationsschwäche. Wenn ich irgend etwas begründen soll, mache ich meistens brrr und flattere mit den Armen, dann sag´ das gleiche nochmal - nur lauter. In gelehrten Kreisen lasse ich manchmal das brrr weg und sage statt dessen Das ist doch evident - in achtzig Prozent aller Fälle reicht das.

Eine gelehrte Abhandlung zu schreiben - ohne Argumente: Das ist schwierig. Versuchen wir es trotzdem.

Da ist also jemand, der verhält sich, als wäre er eine Firma. In seinem Privat- und Gefühlsleben ist er bestrebt, den Profit zu maximieren was auch immer das sein mag. Das ist doch eine zynische Einstellung. Und Zynismus ist was für Blöde. - »Könntest du bitte diesen Satz begründen? « - Brrr ZYNISMUS IST WAS FÜR BLÖDE! Das ist doch evident.

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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