Horst Evers: In hundert Jahren
Die Zukunft, was bringt sie uns, wie sieht sie aus? Wie werden wir in hundert Jahren leben, reisen oder lieben? Ewige Fragen. Die folgenden fragmentarischen Aufzeichnungen aus dem Jahr 2097 mögen vielleicht ein wenig Licht in das Dunkel der Zukunft bringen.
Fragment 1 - Die Gulpschleusen
Das schnellste und sicherste Fortbewegungsmittel unserer Zeit sind sicherlich die Gulpschleusen. Ich reise gerne mit den Gulps. Sie sind sauber, schnell und umweltfreundlich.
Als den Bio-Genetikern vor fünfzig Jahren, am 14. April 2047, die Züchtung des ersten Gulps gelang, ahnten sie sicher noch nicht, was für ein phantastisches Geschöpf sie da geschaffen hatten. Gulps sind mit modernster Gen-Technologie hochgezüchtete Riesenschlangen, wirklich riesige Riesenschlangen. Im Durchmesser sind sie bis zu 3 Metern breit, und die gewaltigsten unter ihnen werden über 10.000 Kilometer lang. Possierliche, liebe, genügsame und auch unglaublich träge Tiere.

Das Besondere an ihnen ist jedoch nicht die ungeheure Größe, sondern ihr sich durch den gesamten Körper ziehender Verdauungstrakt und ihre wahnsinnige Verdauungsgeschwindigkeit. Einen Menschen, der ihr Maul betritt, schlucken sie sofort herunter. Da sie ihn jedoch umgehend als ungenießbaren Fremdkörper ansehen, jagen sie ihn einfach in einer irrsinnigen Geschwindigkeit, ohne ihn zu verdauen, zu verschmutzen oder sonst zu beschädigen, durch ihren Körper und scheiden ihn sofort wieder aus. Völlig sichere Geschichte, die schnellste Art zu reisen. Man betritt in Berlin das Maul, es macht: GULP-Pfffft, und schon steht man in Madrid.
Mittlerweile liegen auf der ganzen Welt Hunderttausende von Gulps aus und arbeiten als Gulpschleusen.
Bei ihrer Einführung hatte es natürlich noch Proteste gegeben. Vor allen Dingen die gewaltigen Transatlantikgulps waren alles andere als unumstritten gewesen, da der Wasserspiegel mit der Wasserlegung der Kolosse doch recht erheblich stieg. Vor allem die Niederlande sträubten sich verständlicherweise lange gegen die Transatlantikgulps. Die ganze Welt fürchtete sich damals vor den gemeinen Bullrich-Salz-Attentaten holländischer Terroristen auf die wehrlosen Gulps. Doch als nach der Wasserlegung des zehnten Transatlantikgulps die gesamten Niederlande geflutet waren, verstummten die Proteste; und da die Gulpschleusengesellschaft auch noch bemerkenswertes Fingerspitzengefühl bewies, indem sie jeden neuen Transatlantikgulp nach der durch ihn untergegangenen holländischen Stadt benannte, gab es nicht mal Umsatzeinbußen.
Natürlich gibt es mit den Gulp-Schleusen auch andere Probleme. Speziell ältere Gulps leiden häufiger mal unter Verstopfung. jedoch gibt es für diesen Fall längst speziell ausgebildete Teams von Veterinär-Mechanikern, die die Sache schnell wieder beheben. Trotzdem soll es zu den unangenehmeren Dingen gehören, wenn man in einem Gulp steckenbleibt. Und auch vollgeschleimte Menschenmassen, die einen Gulp mit Durchfall erwischt haben, reisen das nächste Mal doch lieber wieder mit den auch nicht ungefährlichen Caracho-Schleudern.
Fragment 2 - Haustierverwaltung und Sprachrechte
Berlin, 31. März 2097, 9.15 Uhr. Ein lautes Fiepen riß mich aus dem Schlaf. Es war die Katzenverwaltungszentrale. Als 2043 die Haltung von Haustieren in Großstädten wie Berlin wegen der Seuchengefahr verboten worden war, mußten sich die Berliner und Berlinerinnen von all ihren Hunden und Katzen trennen. Bei der Zählung der abgegebenen Tiere kam heraus, daß jeder Berliner durchschnittlich 37,2 Hunde oder Katzen gehabt haben mußte, aber das nur nebenbei.
Natürlich war es für die Berliner unmöglich, ohne Haustier weiterzuleben. Und nachdem ein, wegen der offenen Haustierfrage, angefangener Hungerstreik einem nach dem anderen der Berliner Bevölkerung hinweggerafft, entschloß sich der Berliner Senat, die Haustiersimulation einzuführen. Jeder konnte jetzt wieder ein Haustier halten. Zwar gab es das Tier selbst nicht, aber durch ein ausklügeltes Tiersimulationsprogramm gelang es der Haustierverwaltungszentrale, den Tierhaltern so perfekt ein gar nicht vorhandenes Tier zu suggerieren, daß eigentlich niemand das Fehlen des tatsächlichen Tieres bemerkte. Vor zwei Tagen hatte auch ich mir, um nicht immer so allein zu sein, eine simulierte Katze, sie heißt Paulinchen, angeschafft.

»Guten Morgen, Herr Evers, hier spricht ihre Katzenzentrale, unser Zufallsgenerator hat errechnet, daß Paulinchen sich ein wenig von ihnen vernachlässigt fühlt und zur Strafe gerade neben ihr Bett gepinkelt hat. Schütten Sie deshalb die für heute vorgesehene Ampulle mit Katzenurin, nicht wie üblich ins Katzenklo, sondern direkt neben ihr Bett. Wir wünschen Ihnen auch weiterhin viel Freude mit Ihrem Kätzchen - beep.«
Etwas widerwillig stand ich auf, holte die Ampulle und schüttete die Katzenpisse neben das Bett. Tatsächlich, es roch total wie echt. Tiere machen ja viel Freude. Trotzdem war ich mir immer noch nicht sicher, ob ich und Paulinchen wirklich Freunde werden würden.
31. März, verdammt, ich brauchte eine neue Marke für meine Monatssprachkarte. Als die USA im Jahre 2012 keine andere Möglichkeit mehr sahen, der Staatsverschuldung Herr zu werden, verkauften sie die Rechte an ihrer Sprache. Der scheinbare Erfolg dieser Maßnahme und die anfängliche Zurückhaltung der neuen Spracheigentümer veranlaßten die Regierungen der anderen Länder, es ihnen bald nachzutun und die Rechte an ihren Sprachen an Großkonzerne oder Banken zu verkaufen. Nach wenigen Jahren waren sämtliche Sprachen dieser Erde in Privatbesitz. Nun gab es kein Halten mehr.
In Windeseile explodierten weltweit die Gebühren für das Benutzen von Sprache. Bald schon konnten sich nur noch sehr wenige Menschen ein paar Sätze in beispielsweise Oxford-Englisch leisten. Windige Spekulanten trieben die Preise für Sprache an den Börsen dieser Welt in die Höhe, und immer wieder gab es Crashs, durch die eine Sprache nach der anderen pleite ging. Kaum jemand kann sich heute mehr eine komplette Sprache leisten. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung spricht mittlerweile bayrisch, da dies die mit Abstand billigste Sprache auf dem Weltsprachenmarkt ist.
Und seit aufgrund des Druckes der Sprachmultis das Recht auf eine Verständigungsmöglichkeit aus dem Weltmenschenrechtskatalog entfernt wurde, kann sich knapp ein Drittel der Weltbevölkerung nicht mal mehr Bayrisch leisten. Einen Protest dagegen gab es sowieso nicht, da man schon vor Jahren die Gebühren in jeder Sprache für den Satz: Ich bin dagegen! ins Unerschwingliche raufgesetzt hatte.
Mist, ich brauchte unbedingt eine neue Marke für meine Sprachkarte, sonst durfte ich ab morgen nicht mehr hochdeutsch, sprechen, oder ich müßte am Schalter wieder sagen: »I hett gearn a neie Moarkn fia mei Sprochkoartn!«, ich haßte das. Den Hochdeutschtarif der Berliner Verständigungsgesellschaft, kurz BVG, konnte ich mir sowieso nur leisten, weil ich noch immer Student war. Genaugenommen war ich eh nur .noch wegen der BVG eingeschrieben.
Es klingelte, ich öffnete und sah zwei Männer in weißen Overalls.
»Guten Tag, Katzenverwaltung, unser Zufallsgenerator hat gerade errechnet, daß Paulinchen sich langweilt und einen halben Quadratmeter Ihrer Tapete zerkratzt - beep.«
Ich ließ sie ein, und mit zwei Gabeln zerkratzten sie einen halben Quadratmeter meiner Tapete. Es sah wirklich total wie echt aus. Ich war beeindruckt. Echte Profis.
Sie waren kaum raus, als schon wieder das Fiepen ertönte.
»Guten Tag, Katzenverwaltung, unser Zufallsgenerator hat gerade errechnet, daß Paulinchen Würmer hat, aber keine Sorge, unser veterinärmedizinischer Dienst hat sich schon darum gekümmert. Wir haben die Kosten für Behandlung und Präparate schon von Ihrem Konto abgebucht, Paulinchen ist wieder ganz gesund. - beep.«
Ach, dieses Kätzchen, immer für eine Überraschung gut, und doch hatte ich jetzt die Faxen dicke. Ich drückte die Antworttaste:
»Hallo Katzenverwaltung, hier Evers, zufällig hab ich mich gerade auf Paulinchen gesetzt, das arme Tier ist platt - beep.«
»Oje, Herr Evers, wie konnte das passier´n? Aber Sie haben Glück, unser Zufallsgenerator hat gerade errechnet, daß unsere Tierärzte Paulinchen retten konnten. Die Kosten für die Operation haben wir Ihnen schon von Ihrem Konto abgebucht. Paulinchen ist wieder ganz gesund, und welche Freude, sie ist sogar schwanger - beep.«
Epilog:
Vier Tage später wurde der Bürger Evers an einem Seil hängend in seiner Wohnung aufgefunden. Todesursache war vermutlich ein recht eigenwilliges, exzessives, mißlungenes Freudensritual, das Evers anläßlich der sensationellen Niederkunft seines Haustieres mit 27 gesunden, jungen Kätzchen veranstaltete. Die Versteigerung seines Hausstandes durch die Haustierzentrale findet in der nächsten Woche, Mittwoch 13.00 Uhr, statt.