Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 15/1995 Andreas Scheffler: In der Kastanienallee
Artikelaktionen

Andreas Scheffler: In der Kastanienallee

Es war ein kalter Januarnachmittag, da spürte ich, wie so häufig in letzter Zeit, einen leichten Druck auf den Halswirbeln. Aha, dachte ich, da sitzt mir wohl wieder der Schalk im Nacken. ich machte mir deswegen keine großen Sorgen und schlenderte wohlgemut die Kastanienallee entlang. in Höhe der Schwedter Straße trat ein Herr in den Dreißigern auf mich zu und stellte eine Frage:

»Darf ich Sie um Feuer bitten?«

»Warum?«, fragte ich zurück.

»Wieso warum?«

»Nun, Sie könnten mich genau so gut nach der Uhrzeit fragen.«

»Nach der Uhrzeit? Ich weiß, wie spät es ist. Außerdem steht dort eine Normaluhr.«

»Na, die gehen doch alle falsch. Im übrigen ist es als Vorwand nicht besser oder schlechter als alles andere.«

»Wieso als Vorwand. Ich habe Sie doch nur um Feuer gebeten.«

»Nun seien Sie mal ehrlich. Wir wissen doch beide, daß die Frage nach Feuer nur eine Metapher für ´die Aufforderung zum Geschlechtsverkehr ist.«

»Spinnen Sie?!«

»Lassen Sie mich ausreden: Zum Geschlechtsverkehr, und zwar zu einem, der nicht der Fortpflanzung dienen soll.«

»Das stimmt doch gar nicht!« Er erregte sich.

»Im übrigen können wir gar keinen Geschlechtsverkehr ausüben, der Nachkommen zeugt. Haben Sie Kondome dabei?«

»Nein, ich...«

»Das nenne ich unverantwortlich. Auch Ihnen wird das Thema Aids ein Begriff sein.«

»Ja, natürlich, aber was habe ich mit Aids zu tun?«

»Das ist typisch. Es sind immer nur die anderen, die gefährdet sind. Woher wollen Sie wissen, ob ich nicht infiziert bin?«

»Das ist mir doch egal.«

»Ach, Sie sind selbstmörderisch veranlagt.«

»Nein, ich bin Familienvater.«

»Ach, und was würden Ihre Kinder wohl sagen, wenn Sie erführen, daß Sie wildfremde Männer auf der Straße ansprechen und zum Geschlechtsverkehr auffordernd?«

»Na, hör´n Sie mal...«

»Weichen Sie mir nicht aus. Was würde Ihre Familie sagen? Würde sich Ihre Frau von Ihnen trennen oder Verständnis zeigen?«

»Ich gehe jetzt.«

»Sie entziehen sich der Verantwortung. Daran krankt unsere Gesellschaft, daß sich alle der Verantwortung entziehen.«

»Ich habe Sie lediglich um Feuer gebeten!.«

»Gut, ich möchte Ihnen noch eine Frage stellen.«

»Bitte sehr.«

»Was halten Sie von der Bundesregierung?«

»Hm, ich bin politisch nicht sehr interessiert, aber ich denke, die machen ihre Sache ganz gut.«

»Das wundert mich aber. Gegenüber so einer konservativen Regierung müßten doch gerade Sie als Schwuler eher skeptisch sein.«

»Sie Arschloch.«

»Lassen wir das jetzt. Ich möchte übrigens nicht mit Ihnen schlafen. Meine sexuelle Ausrichtung ist eindeutig heterosexuell, und ich bin seit zwei Jahren glücklich verheiratet. Außerdem muß ich jetzt weiter. Haben Sie mal die Uhrzeit?«

»Äh, 16 Uhr 14.«

»Danke, und viel Erfolg noch.«

Leise kichernd machte ich mich auf den Heimweg.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: