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Hinark Husen: Schreie aus dem Pflanzentopf

Frühling, die selbstmordreichste Zeit des Jahres. Vor allem der April hat es den Suizidfans angetan, hier haben wir das absolute Jahreshoch. Also muß man den ganzen März über das depressive Genöle seines Lebensabschnittspartners ertragen, bis man in vier Wochen zumindest statistisch davon ausgehen kann, daß der Kandidat nun wirklich ernst macht.

Also, ich hab wie jeder nicht krankhaft depressive Mensch meine schlimmen Tage immer im Herbst, da fällt es auch nicht so stark auf, daß einem das Bier nicht mehr so recht schmecken will und man verstärkt in den eigenen vier Wänden vor sich hin gammelt. Allerdings muß ich zugeben, daß ich es im letzten Herbst mit der schlechten Laune derart übertrieben habe, daß es ein Weddinger Amtsarzt für nötig befunden hatte, mich 14 Tage zwangsweise in die Karl-Bonhoeffer-Klinik einzuweisen. Ich denke, jeder normale Mensch sollte es sich so einrichten, daß er auf jeden Fall im Herbst in die Klapse eingeliefert wird. Also, im April auf all die Suizidalen zu treffen, die es nicht geschafft haben, das kann einem den Frühling doch ziemlich verleiden.

Wie gesagt, meteorologisch ist ja seit dem 1. März schon Lenz. Aber in diesem Jahr sind nicht nur die Wetterfrösche der Zeit ordentlich voraus. Neulich gehe ich die Müllerstraße entlang, neulich heißt Ende Februar, und da sehe ich doch tatsächlich die ersten Krokusse aus dem Boden treiben. Einige erdreisteten sich gar, schon blühen zu wollen. Nun stellen Sie sich mal vor, ein Depressiver geht die Müllerstraße entlang, denkt sich nichts Böses, hat ja schließlich noch zwei Monate Zeit, bis es zum Schlimmsten kommt, und sieht diese bösartigen Krokusse blühen. Mit den Schneeglöckchen mag er es sich ja bereits eingerichtet haben, da ist ein Depri schon drauf gefaßt, aber Krokusse im Februar? Das wird seinen ganzen Seelenstoffvvechsel unglaublich durcheinander bringen, und dann hängt er sich vielleicht schon vor Ostern auf und bringt die ganze Statistik durcheinander, die ja erst im April mit ihm gerechnet hat. Wenn man also im Februar jemanden Krokusse aus den öffentlichen Anlagen hat herausreißen sehen können, dann wird es sich entweder um einen Suizidalen oder um einen Statistiker gehandelt haben, der Angst um den Wahrheitsgehalt seines im letzten Jahr erstellten Zahlenwerkes hat.

Da lob ich mir doch meine Herbstdepressionen. Der Weddinger Amtsarzt hat mir ja dann auch später erläutert, es sei im Prinzip ganz normal, wenn man kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag nackt durch die Stadt rennt und selbstgetextete Lieder auf die Melodie von Dont cry for me, Argentina singt. Das passiert jedem auf die ein oder andere Weise mal. Nur daß es den meisten 29jährigen wahrscheinlich nachts in der zweiten oder dritten Traumphase passiert, mir dagegen in der Utrechter Straße am hellichten Nachmittag. Für das Vergnügen, mal völlig unbekleidet in einer Buchhandlung einkaufen zu gehen, mußte ich drei Tage in die Isolierzelle und noch wochenlang Haldol und Acineton in mich reinstopfen lassen. Ging´s nach dem Willen der Ärzte, säße ich womöglich jetzt noch drin.

Zeichnung von CX Huth

Aber das ist eine völlig andere Geschichte, doch sie fällt mir immer wieder ein, wenn ich die Müllerstraße entlang gehe. Und als ich da neulich diese Krokusse gesehen habe, bin ich doch ein wenig ausgerastet. Dann fiel mir meine Tante in Neuß ein. Ohne einen Wintergarten zu besitzen, ist man immer wieder erstaunt, welch grüne Pracht in ihrer Wohnung gedeiht. An allen Ecken wuchert und blüht es vor sich hin. Sie hat mir gesagt, sie spricht mit ihren Pflanzen und das alleine ist es. Ich muß zugeben, ich spreche inzwischen auch mit meinen Pflanzen. ich besitze nicht viele, es sind genau vier. Ein Ficus Benjamin, eine Yucca-Palme, einen Pfennigbaum, auch Fette Henne genannt, so spreche ich sie allerdings nie an, und einen seit nunmehr vier Jahren toten Philodendron. Mit den ersten dreien rede ich bevorzugt beim Gießen, also genau einmal im Monat, für den Philodendron mache ich nach dem Gießen eine Seance. Er hat es mir damals wohl irgendwie übelgenommen, daß ich ihn im Winter ´90 auf den Kachelofen gestellt habe, er aber die gleichen Wasserrationen wie die anderen bekam, schließlich wollte ich niemanden bevorzugen. jetzt raten Sie mal, wann er endgültig eingegangen ist. Richtig, im April, aber erst ein Jahr später, war wirklich ein verdammt zäher Bursche. Schon erstaunlich, wie selbst Pflanzen um ihr Leben kämpfen können. Die alten Blätter waren relativ schnell perdü, aber es trieben immer wieder Blätter aus, erst ein Jahr später war dann wirklich keine einzige grüne Stelle mehr zu entdecken. Meine Güte, wenn ich den jungen in seinem Dahinsiechen wirklich gehört hätte... Er muß mordsmäßig geschrien haben, und das über zwölf Monate. Ich hab ja zwischendurch immer wieder gedacht, vielleicht hätte ich ihm doch das eine oder andere Mal eine Sonderration an Wasser zukommen lassen sollen, aber wie gesagt, das schien mir irgendwie ungerecht, außerdem war er in all seinem schreienden Elend doch noch erträglich leise. Geradezu so leise, daß ich ihn wirklich nicht gehört habe. Meine Tante wäre wahrscheinlich darüber der Taubheit anheimgefallen.

In der Bonhoeffer-Klinik haben sie übrigens recht viele Pflanzen, nur in der Gummizelle nicht. In der Gummizelle gab´s noch nicht einmal Klopapier. Können Sie mir verraten, wie man sich an Klopapier aufhängen soll? Sowas wäre wohl nur früher in den DDR-Irrenanstalten möglich gewesen. (Nö, nich mal da, d.S.) Aber zurück zu meinem Gummibaum, seit vier Jahren habe ich nun also eine Leiche auf dem Kachelofen stehen, die großen Blätter sind mit der Zeit alle abgefallen, aber die jungen, die im einjährigen Todeskampf noch der großen Dürre zu trotzen suchten, hängen noch wie mumifiziert am Stamm. Für wirkliche Pflanzenliebhaber muß das ein grausiger Anblick sein. Ich lasse ihn aber zur Mahnung an die Lebenden stehen. »Schaut nur her, Ficus und Yucca«, soll die Leiche sagen, »wenn ihr Euch über die seltenen Bewässerungen Beschweren wollt, wird es Euch ähnlich ergeben!« Und was soll ich sagen, meine beiden Großen hadern nicht mit ihrem alltäglichen Existenzkampf. ja, wir haben´s alle nicht leicht im Wedding. Nun gut, die Zimmerbirke hat sich, wahrscheinlich aus Protest, schon vor drei Jahren von 80 Prozent ihres Blattwerkes getrennt, aber die restlichen 20 harren erbarmungslos aus. Auch Menschen, die nur noch ihren Kopf oder einen Arm bewegen können, sind ja schon erstaunlich alt geworden.

Für den Frühling habe ich mir fest vorgenommen, die beiden umzutopfen und einen zweiten Gießtermin im Monat einzufahren. Man wird ja im Alter immer etwas sentimental.

Die Krokusse in der Müllerstraße aber habe ich auf jeden Fall gnadenlos beschimpft, ich hab mich auf den Grünstreifen gesetzt und ordentlich abgebucht, daß sie´s auch ja mitkriegen, diese taktlosen Geschöpfe. Gegen Abend hatte ich dann einen Teilsieg errungen, die meisten schlossen ihre Blüten wieder. Ich bin mir aber wieder mal nicht sicher, ob sie mich verstanden haben.

Nur gut, daß Dr. Flötotto mich dabei nicht gesehen hat. Dr. Flötotto ist der Weddinger Amtsarzt. Der heißt wirklich so. Als ich ihn das erste Mal traf, also im Herbst, da dachte ich ja, jetzt ist es wirklich soweit: Wenn die Psychiater schon sprechende Namen haben, geh ich freiwillig in die Klapse. Dort gab´s dann in der Geschlossenen eine Frau, die mich immer wieder als Mörder bezeichnet hat. Kein Zweifel, das mußte die Reinkarnation meines Gummibaums gewesen sein. Dem behandelnden Arzt hab ich das natürlich nicht erzählt. Ich mochte zwar irre s ein, aber nicht auf den Kopf gefallen.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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