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Michael Stein: Meine Höhepunkte 90/91

19. Kapitel

Im Folgenden möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick geben in die Geheimnisse des literarischen Schaffens.

Unsereins kriegt immer nur dann den Arsch hoch, wenn das Geld knapp wird. Man sagt ja von Schriftstellern, daß sie in der Regel ´n Anliegen haben, meist ´n moralisches oder ´n sonstwie unverdautes Problem. RILKE z. B. soll armer schmerzhaften Verengung der Vorhaut gelitten haben, und das hört sich dann so an:

»Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: Bist Du die Nacht?

Sie lächelt. Und da schämt er sich für sein weißes Kleid. Und möchte weit und allein und in Waffen sein. Ganz in Waffen.«

Ich versuch mir grad vorzustellen, wie das ist, ne schmerzhafte Vorhautverengung. Es soll Leute geben, die sich sowas künstlich zufügen.

Zur Luststeigerung.

Also, du hast da permanent ´n Druck aufm Schwanz, und das tut säuisch weh. Immer wenn de drauf bist, tut´s weh. Mit andern Worten: Immer wenns abgehen soll, wirste voll Stoff gebremst. Geil = jaul! Eine miese Gleichung.

Also, wie löste das Problem? Indem du nicht an Brüste und Schenkel denkst, sondern dir lieber Bilder von Frauen machst, die dann so klingen:

»Sie bauen Stunden aus silbernen Gesprächen, und manchmal heben sie die Hände so -, und du mußt meinen, daß sie irgendwo wo du nicht hinreichst, sanfte Rosen brächen, die du nicht siehst. Und da träumst du: Geschmückt sein mit ihnen und anders (!) beglückt sein. Und dir eine Krone verdienen für deine Stirn, die leer ist.«

Joyce hatte das Problem, extrem kurzsichtig zu sein. Er konnte später nur noch mit Lupe lesen. Alles, was so rundherum passiert, tritt zurück hinter dem, was innen drin passiert.

So blieb ihm vieles ein Geheimnis. Joyce rächte sich, indem er betont kryptisch schrieb. Einige nennen sowas sogar mystisch. Er fragte seine Sekretärin, wenn er zwischen zwei Worten zu wählen hatte, welches von beiden sie weniger verstand, und das nahm er dann.

Kafka litt unter extremen Zwangsvorstellungen, die er zu humoristischer Literatur verarbeitete. Aber, und das ist die für einen Autor entscheidende Frage: Worunter leide ICH eigentlich?!

Und warum schreib ich dann überhaupt? Und ist jeder, der leidet, ein großer Künstler?

Und für welches Leiden soll man sich entscheiden?

Wollen Sie eher sexuell oder lieber politisch schreiben?

Suchen Sie das für Ihre dichterische Veranlagung adäquate Leiden!

Also hab ich mich ´n bißchen bei meinen Neurosen umgesehen.

  1. Ich hab z. B. ne panische Angst vor Darmkrebs. Da wird dir der halbe Mastdarm rausgerissen, und du kriegst ´n künstlichen Darmausgang am Bauch. Damit kannste im Stehen kacken. Überall. In der Straßenbahn, am Tresen oder aufm Konzert. So kann man sich auch bestimmte Krankheiten nicht mehr holen, weil man nicht auf irgendwelchen Brillen sitzen muß. Im Gedränge muß man natürlich aufpassen, daß das Ding nicht zerquetscht wird und samt Inhalt ausm Hemd quillt. Ich weiß nur noch nicht, wie ich daraus Literatur machen soll.
  2. Ich habe z. B. die Zwangsvorstellung, alles um mich herum sei nur eine Erfindung meines Geistes, bzw. alles sei für mich inszeniert, um mich irre zu machen. Ich meine, das würde heißen, ´ne Menge Leute wäre mit nichts anderem beschäftigt, als mir, überall, wo ich auftauche, ´ne erstklassige Performance zu bieten, und zwar rund um die Uhr. jederzeit bereit sein, und dabei auch noch so überzeugend, daß der Schwindel nicht auffliegt.

Wer hat diese Leute bezahlt? Und warum? Das kostet doch ´n Vermögen. Oder sind das alles ABM-Kräfte? Wenn ich das sonem Hungerleider in Äthiopien erzähle, der flippt doch aus, wenn er das hört! Aber wahrscheinlich ist der auch gekauft. Kennwa doch. Stecken doch alle unter einer Decke.

Meistens verbindet sich diese sicher etwas krankhafte Idee mit meiner Zwangsvorstellung No. 3.

Der Zwangsvorstellung, immer wenn ich an einem Tresen stehe, Whiskey trinken zu müssen. Und zwar solange, bis diese Vorstellung im Rausch ersäuft. Ist sie erstmal ersoffen, dann muß ich auch nicht mehr trinken. Nein, es geht sogar soweit, daß mir beim nächsten Schluck kotzübel würde. Oder daß ich das letzte Glas umstoße und vom Hocker falle. Das ist dann sozusagen die Katharsis, genauer: die Erlösung. Und wenn du erlöst bist von deiner Zwangsvorstellung, dann kannste nicht mehr schreiben, nicht wahr, der Druck fehlt. Also müßte ich vorher zu trinken aufhörn, mitten in der Zwangsvorstellung, oder wie oft fälschlich gesagt wird: Volltrunken läßt sich schlecht dichten. Ich meine aber, daß es nicht am Besoffensein liegt, sondern an der Befreiung vom Zwang.

Also wie gesagt, ich krieg den Arsch nur hoch, wenns Geld alle ist. Oder wie die berühmte - übrigens auch von streikenden Arbeitern kolportierte - Parole heißt: Solang der Arsch noch in die Hose paßt, wird keine Arbeit angefaßt! Das ist auch der Grund, warum dieser Text hier endet. Wiglaf hat mir zwei Mille geliehen.

20. Kapitel

28. April gegen 17 Uhr. Sitze hier in Wahmbeckerheide mitten in der Provinz bei Detmold, in der Pfanne dünstet Ziegenfleisch, und vor mir stehen die Reste einer 3/4-Literflasche Gordons Dry Gin.

Die zwei Mille von Wiglaf sind inzwischen aufgebraucht, nicht zuletzt deshalb, weil ich in letzter Zeit vorwiegend an dieser Tresenneurose gelitten habe.

Aber vielleicht wollte ich auch nur meine Angst vor bestimmten Krankheiten ersäufen. Es gibt nämlich außer Darmkrebs noch ganz andre Hämmer, z. B. langsames Erblinden durch Zucker. Ich weiß allerdings nicht, was schlimmer ist: langsames Erblinden oder schlagartiges: Sie wachen morgens auf und machen die Augen auf, und Sie sehen nicht richtig, nur son Schleier, alles ganz neblig, und Sie reiben sich die Augen, um das weg zu machen, aber es geht nicht weg, und langsam werden Sie unruhig, und dann werden Sie sauer, und dann rast Ihr Herz, weil das darf doch nicht sein! Nein, nein! Scheiße verdammte, ich kann nicht mehr sehen, Scheiße, Hilfe, Hilfe! Oh Gott, es darf nicht wahr sein, nein, es ist ganz sicher nur vorübergehend, ganz bestimmt, jaja, ganz ruhig bleiben, ganz ruhig, eine momentane Nervenstörung, aber ich will schnell zum Arzt, wer bringt mich hin, Dieter anrufen, schwer zu wählen, nein, es ist nichts Schlimmes, neinnein, ich will nur wissen, was los ist, jaja, na nu mach keine Panik, sag ich, aber mein Herz schlägt bis zum Hals, naja, ganz ruhig, aber ich find mich damit schon mal prophylaktisch ab, damit der Schock der Diagnose nicht so groß ist, also und dann sind wir endlich da, und der Doc fragt: Was führt Sie zu mir, und ich sage: Ich kann nicht mehr sehen. - Schon länger? - Nein, seit ´ner Stunde, ich meine, ich will ja keine Panik schieben, aber ich wüßte schon ganz gerne, sag ich ganz cool, naja und nachn paar Minuten sagt er dann: Man muß das endgültige Ergebnis natürlich noch abwarten, aber ich möchte Sie schon mal darauf vorbereiten, daß Sie vielleicht nie mehr, aber Sie haben ne gewisse Chance, sagn wa mal 20 zu 70. - 20 zu 70 sind doch nur 90, sag ich, naja 100prozentig kriegen wir das nicht mehr hin, sagt er, aber wichtig ist, dasse dran glauben, dasses wieder wird, also das ist das Wichtigste, daß Sie gut drauf bleiben, also das ist schon die halbe Miete, klar: ist ziemlich ätzend sowas, nichts mehr sehen und so und ganz plötzlich, das ist schon ´n echter Schock, aber da müssense durch, hier - nehmse mal ´n Schluck, habense denn jemand, der sich um Sie kümmert? Ja, Sabine, sag ich, und Dieter bringt mich schon nach Hause, und ich muß die aufwallende Verzweiflung unterdrücken, weil das niemanden was angeht, das muß´ich erstmal mit mir selbst klarmachen, ganz mit mir selbst, niemand kann mir da helfen, niemand. Das kann dir keiner abnehmen, keiner. Niemand und keiner.

Mann, bin ich jetzt Scheiße draufgekommen, das kann sich ja keiner reintun, das ist ja ganz furchtbar, ich hab jetzt Oberhaupt keine Lust mehr, weiter zu schreiben. Bäh. Ist mir schlecht. jetzt kann ich nicht mehr schreiben. Dit haste nu davon.

2. Mai

So geht das nicht weiter. So komm ich doch nie zu was. jetzt hab ich extra nicht mehr an Krankheiten gedacht, um endlich was schreiben zu können, und was passiert?! Ich krieg, wahrscheinlich weil ich zu viel von der Ziege gefressen hab, ´n vollen Juckreiz im Auge, ganz rot das Ganze, und ich such in der Hausapotheke nach Augentropfen und find da auch ´n Fläschchen, schütt´s mir in die Augen und verdammte Scheiße!, es brennt wie Sau, und ich kuck nochma auf die Flasche, und da les ich durch meine schmerzverkniffenen Sehschlitze: Merfen Orange, und die Flasche sieht genauso aus wie meine Augentropfen, aber ´s isn Desinfektionsmittel, Scheiße, Scheiße, Scheiße, ich schütt mir ´n Liter Wasser rein, doch es kommt immer schlimmer, das Teufelszeug trocknet die Augen völlig aus, da kann ich schütten, was ich will, und ich beschließe, da ich gerade nicht krankenversichert bin, die Geschichte mit ner halben Flasche Enzian zu bereinigen. Enzian! Göttliches Gesöff. Geschenk des Himmels! Das Zeug brennt im Maul, inner Kehle und im Magen, der schickt als Empfangsbestätigung noch ca. 200 ml Magensäure hoch, ich weiß gar nicht, was mehr brennt, meine Kehle, meine Augen oder mein Magen, aber langsam läßt der Schmerz nach, ich bin wohlig breit, und meine ausgetrockneten roten Augen starren dumpf in den Badezimmerspiegel, ohne was zu sehen, nur son formloses Gesicht mit entgleisten Zügen, mit roten Augen ohne Glanz und nem magenkranken Grinsen im Maul.

Mann, ist das ätzend!

Heute kann ich jedenfalls nichts mehr schreiben.

10. Mai

Habe immer noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht.

Werde auf einmal von der Zwangsvorstellung behelligt, mir fiele nichts mehr ein, was nicht schon von Rainer Maschinski geschrieben worden wäre, bzw. was Rainer Maschinski nicht zehnmal besser schreiben könnte.

Ich weiß, daß das Unsinn ist, weil Rainer Maschinski kann überhaupt nicht schreiben, aber gerade das gibt mir zu denken. jedenfalls geht das nicht mehr weiter so.

Heute das erste Mal daran gedacht, Psychofarmaka zu nehmen.

18. Juni

Hüte dich vor Zen! Wer so kurz vorm Nirvana steht wie ich, wer es schon riechen kann, ja fast ertasten, der, liebe Leser, steht kurz vorm NICHTS.

Ying und Yang, einerseits und andrerseits, hell und dunkel ist nicht weit entfernt von Jacke wie Hose.

Wer beide Seiten kennt und darüber seine Sympathien verliert, der ist verloren! Verloren im sanften Strom der Altersmildheit, kann er sich selbst dieser schwachen - weil ausgeglichenen - Energie nicht mehr widersetzen. Der Strom verebbt und wird alsbald zum faulig muffelnden Tümpel. Das Wasser verstinkt und versickert. ÄH BÄH! So will ich nicht enden!

Deshalb hab ich lange überlegt, ob ich folgenden Kalauer zum Besten geben soll:

Wird ein Dichter beim Dichtertreffen gefragt:

»Was wollen Sie eigentlich?«

»Sie meinen mein Anliegen?! Moment ... (sucht im Jackett) ... wo isses denn ... habs grad nicht dabei, könnten Sie mir mal kurz Ihr´s ausleihen?«

Dieser Kalauer ist nicht komisch. Er ist fade. Er drückt die Verlorenheit des nichts wollenden Allwissenden aus.

Er ist der Todeshauch eines jung Vergreisten. Ich werde ihn nicht zum Besten geben.

1. Juli

Endlich ein paar Zeilen geschrieben. Die Psychofarmaka haben, möcht mal sagen: gut angeschlagen. Ich fühl mich gut, intelligent, fantasievoll und witzig. Maschinski kann mich mal im Arsche lecken, Maschinski wird Augen machen! Und Sabine, die ein Verhältnis mit diesem Maschinski hat, kann sich ja überlegen, mit wem sie ihre Zukunft gestalten will: mit Maschinski, diesem öligen nötigen Kreuzberger Möchte-Auch-Mal-Schreiben-Können oder mit MIR ... !

Gut, Maschinski sieht gut aus und hat die bessere Wohnung, und er kann auch viel besser so tun, als sei er verrückt, er ist ein echter Verrückter, ja, so völlig durchgeknallt, weil seine Alten schieben ihm monatlich immer ´n paar Riesen rüber, damit er nicht so schäbige Sachen machen muß wie ARBEITEN oder gar regelmäßig SCHREIBEN. Aber genau DAS kann er nicht.

Maschinski kann nicht schreiben, und das macht ihn heimlich fertig, das würde er nie zugeben, aber er weiß es. Er weiß es, und er weiß, daß ich das weiß, nein, er weiß es noch nicht, weil Sabine ihm bestimmt immer erzählt, wie ich denke, dasser besser ist als ich, aber gegen DIESE Zeilen isser machtlos, das wird er zugeben müssen, er wird es zugeben müssen. Und Sabine wird es sehen, und Sie ahnen ja gar nicht, wie sowas auf die Libido geht, also wie das anregt, wenn man was Großes schafft, da läufste mit ´m Schwanz rum wie´n Deckhengst...

Aber hören Sie selbst:

HODENKREBS - OOOUUH SCHEISSE!....

Ich habe diesen Text beim Klagenfurter Wettrennen ..., Weglesen.... Wettlesen eingereicht, ich wünsche mir den ersten Preis... und dann könnense mich zu Ingeborg Bachmann in ´n Sarg legen - am besten in der Missionarsstellung.

Copyright: Michael Stein

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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