Bov Bjerg: Warum gehen Gören in den Westen?
Nachdem ich einmal um den Häuserblock gegangen war, kannte ich Herne wie meine Westentasche. Das ist natürlich stark übertrieben, und gelogen ist es auch. Schon wegen der Westentasche.
Westen sind heutzutage so gut wie ausgestorben. Die paar Westen, die heute noch genäht werden, wandern direkt von der Westenfabrik in die Second-Hand-Garagen. Dort hängen sie an meterlangen Stangen und winken ziemlich mühevoll, denn sie haben keine Ärmel, die 13jährigen Mädchen heran: »Kauft uns bitte! Wir sind billig! Wir sehen aus wie neu!« Aber untereinander flüstern sie: »Sind wir ja auch, «, und: »hehe«. Die Mädchen, so lebensunerfahren wie sie sind, kaufen ein Kilo Westen. »Darfs ein bißchen mehr sein?«, fragt die Verkäuferin hinter der Waage und legt noch einen Schlips drauf. Auf der Waage steht Bizerba. Das bedeutet: Firma Bizer Balingen. Balingen liegt auf der Schwäbischen Alb. Da, wo die Alb am raschesten ist. Vor einigen Jahren gab es in der Gegend sogar ein Erdbeben. Und wo hatte das Epizentrum seine Zelte aufgeschlagen? Bei Balingen. Das Erdbeben war so schlimm, daß ein Balinger Eigenheim einen Riß im Putz bekam, der am Abend in der Tagesschau übertragen wurde.
All das wissen die Mädchen nicht. Backfische. Sie interessieren sich nur für die Westen. Sie glauben, daß Westen früher in der DDR verboten waren, und fühlen sich beim Westentragen schrecklich dissident. Auch ein bißchen ökologisch, weil die Westen ja aus zweiter Hand sind. Und sparsam sowieso. Die Mädchen können es gar nicht erwarten, groß zu werden. ihre ganze Familie, ihr Mann und alle drei Kinder, wird in ein und demselben Badewasser baden müssen. Und am Schluß der Hund. Der Mann wird bald davonlaufen, um sich einer Schlampe an den Hals zu werfen, die Kinder werden rechtsradikal und stecken heimlich Altglas in die gelbe Tonne. Der Hund ist doof und bleibt.
Es gibt auch Männer, die Westen tragen. Sie nennen sich Hans und finden meistens, daß sie lieber im 19. Jahrhundert leben würden. Oder noch früher. Dann hätten sie nämlich nicht so trübe Tassen wie mich als Kumpel, sondern Schiller und solche. Da können sie glänzen: Von denen haben sie alles gelesen! Schiller findet das ganz erstaunlich und schreibt Hans zu Ehren ein Hörspiel. Mit einer während der Mauser ausgezupften Gänsefeder! Schiller stippt den Gänsekiel in die Tinte aus Eisensalz und Galläpfeln, setzt an zum kühnen Werk, und: Das Universum implodiert. Sonne, Mond und Sterne, Australien und Afrika, Marbach und Berlin, alles wird nach Weimar gesogen und verdichtet sich in einem Tintenfaß. Schöne Sauerei. Das kommt davon, wenn ein eitler Westenträger im 19. Jahrhundert herumpfuschen will. Ein Tintenfaß wird im letzten Augenblick seines Bestehens zur traurigen Angel jener Tür, die da Zeit und Raum heißt. Nein, das darf nicht sein, das wollen wir nicht.
Also zurück nach Herne. Herne ist schön. Herner Stadtväter oder -mütter, die diesen Satz lesen, sollen flugs nach Hause fahren und einhunderttausend herzförmige Aufkleber kaufen. Herner Heimarbeiterinnen schreiben darauf den von mir frei erfundenen Satz Herne ist schön. Die Aufkleber sollen von Herner Waisenkindern nach Gelsenkirchen verkauft werden und nach Essen und bis ins Ausland. Dabei bitte ich die Honoratioren der Stadt Herne, Halb- und Vollwaisen gleich zu behandeln, und zwar gleich gut, daß das mal klar ist. Wenn alles so durchgeführt wird, wie von mir vorgeschlagen, kann sich Herne schon mal auf Tourismus gefaßt machen, aber nicht zu knapp.
Die Fußgängerzone wird zur wichtigsten Touristenattraktion. Die Gute Stube von Herne ist dermaßen gemütlich vollgestellt mit Straßenmobiliar und Kunst, daß es nur so eine Art hat. Im Herbst künden Hunderte von sechseckigen Beton-Kübeln mit nichts als dunkler Erde drin vom Ende der heurigen Vegetationsperiode. Ihre Ausstrahlung kann man vergleichen mit dem Flair einer Armada gefällter Asch-Eimer mitten im Sommer, muß man aber nicht.

Der Hemer und die Hernerin sitzen in Fertigbau-Pavillons mit Ausschank und schauen hinaus in ihr städtisches Wohnzimmer, immer auf der Suche nach einem freien Plätzchen, wo man noch was hinstellen könnte. Das ist Herner Erlebnis-Gastronomie. Was in Berlin verschämt als Spielothek daherkommt, heißt in Herne schlicht Zockerballe. Und was dort Trinkhalle genannt wird, das gibt es in Berlin gar nicht. Macht keinen Kopp«, behauptet der Herner vom einheimischen Bier. Das sagen Einheimische immer von ihrem einheimischen Bier. Und immer wieder stellt sich heraus, daß diese Behauptung in der Regel nur für die Einheimischen gilt.
Plötzlich gefiel es Hans nicht mehr in der Trinkhalle. Er sagte: »Entweder wir gehn jetzt nach Hause, oder wir trinken noch woanders was.« Da begriff ich, was Botho Strauß gemeint hatte mit dem Satz: »Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer. Aber es muß sein. Ohne sie.«