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Manfred Maurenbrecher: Kulturschock

Freitagabend auf meinem Dorf an der Oder. Erst ein Sturm und dann Stromausfall nichts geht mehr, bis auf das Telefon.

Die Dame, die mich sprechen will, klingt etwas undeutlich. Sie ruft aus Kaiserslautern an, das ist weit weg.

»Ich hab schon so oft versucht, dich zu erreichen«, klagt sie, »irgendwie hat es nie geklappt, vielleicht wurden eure Vorwahlen verändert...«

»Irrtum, gerade die Vorwahlen sind längst vereinheitlicht«, knurre ich, aber das überhört sie - sie will sich nicht aus ihrem Konzept bringen lassen:

»Was verziehst du dich auch aufs Land, noch dazu so weit östlich, ich mein, da kannst du dich doch nicht wundern ...«

»Habt ihr meine Infos denn bekommen?« unterbreche ich ihren Redefluß, und sie stöhnt:

»Ja..., bekommen schon...«

»Und?«

»Na ja, witzig gemacht, aber...«

Ich seh sie jetzt vor mir, in ihrem Guckkasten aus Isolierglas, versorgt mit drei Telefonen, Fax, Computer, Haussprechanlage, einem oval geschwungenen Schreibtisch, Kühlschrank, Relax-Sportgeräten, schwenkbarer Aktenablage und einem Bombenblick über die wackere Altstadt von Kaiserslautern.

Sie arbeitet im Büro der Kulturmolkerei dort und organisiert die Veranstaltungen - Booking nennt man das. Festangestellt, Quereinsteigerin - jemand, den man ohne zu zögern duzen muß.

»Wann paßt es euch denn?«, wag ich mich vor.

»Duu ... « Ihr Tonfall ruft bei mir ein längst als entsorgt entlassenes Psycho-Workshop-Gefühl hervor. »Duu - es gibt da ein paar Probleme... «

»Ist euch die Gage zu hoch? «, frag ich fröhlich.

»Nein, nein, nicht direkt wehrt sie ab, und ich fuchtele mit einem siebenarmigen Leuchter herum, um in dieser verdammten Dunkelheit vielleicht zufällig der Kopie meines Briefes an sie zu begegnen. Einen Moment lang entgleitet mir der Telefonhörer.

»... Konzeptveränderung beschlossen«, hör ich sie wieder. Sie klingt jetzt jammervoll. »Wir müssen leider völlig auf Nummer Sicher gehn«, stöhnt sie.

Ein Windstoß bläst mir die Kerzen aus.

»Ja, und was heißt das, konkret«, hör ich mich aus einer inneren Ruhe heraus sagen, die mir selbst unheimlich vorkommt.

»Das heißt konkret«, ruft sie, und ich ahne die roten Flecken auf ihrem Gesicht, »daß die Stadt neuerdings eine Art Besuchergarantie von uns haben will, für jede Veranstaltung, eine Art Quote, mein Lieber, verstehst du...«

Ich kann immer alles verstehen, das ist mein Fehler. Dach endlich isolieren, präg ich mir ein und wische die frisch gefallenen Tropfen vom Schreibtisch...

»... Wir stehen total unter Druck«, keucht sie, »die Rathausparteien machen keine Mark Subvention mehr locker, und das alles wegen...«

Vor meinem inneren Auge entsteht die Kaiserslauterer Kulturmolkerei, wie ich sie kennengelernt habe, ein Triumphbau sozialdemokratischer Bürgerkunst: Werkstätten, HighTech-Labore, zwei Veranstaltungssäle, beide mit Hebebühnen, Emporen, versenkbaren Zwischenwänden, Kino- und Videoinstallation, die Baustoffe vorwiegend Metall, Marmor, Naturstein, umweltschonend konserviert, und die kupfernen Molkekessel preisgekrönt herausgeputzt in einem Foyer, das sich zwar Cafeteria nennt, aber jedem Opernhaus einer Landeshauptstadt zur Ehre gereichen würde...

»... alles nur wegen dieser verdammten Übersubventionierung von euch drüben im Osten«, keucht meine Gesprächspartnerin, und ich würde sie gern einen Malventee lang im Arm halten und trösten.

"Wegen euren verfluchten Kläranlagen und Extrawürsten müssen wir hier jetzt auf Musical machen und dreimal Tom Gerhardt, und Harald Schmidt bis zum Abwinken...«

Richtig: die Sickergrube abschaufeln, denk ich in diesem Moment, und aus der Leitung fragt es leise: »Wieviel wollt´st´n du haben? Ich schlags unserm Referenten noch einmal vor ... von wegen Basiskultur und so«

»...Darf ich zurückrufen«, sage ich hilflos, »ich find den Vertrag grade nicht, es ist zappenduster hier, Stromausfall, irgendwo hinter Frankfurt/Oder ist wohl die Leitung gekippt...«

»Stromausfall« wiederholt sie ratlos und findet, ich sollte nicht auch noch privat immer witzig drauf sein wollen...

Gleich, als sie aufgelegt hat, geht das Licht wieder an. Das Dorf erstrahlt im alten Glanze.

Ich rufe meine Bürokräfte zu mir. »Also, Heiner, du ordnest jetzt alle Verträge hier alphabetisch und auch bei Dunkelheit griffbereit, ja, sofort, das war echt peinlich eben«, hör ich mich sagen.

"Und du, Annegret, schreibst einen Sketch für morgen, laß dir was einfallen, höchstens 4:30 lang, leicht verständlich - so wie du früher mal diese lustigen Geschichten für eure LPG-Feiern gemacht hast. Okay? Also dann, bis zum Abendbrot. Wer ist mit Kochen dran?«

Tja, denk ich und lehn mich in meinen Sperrmüllsessel zurück, diese ABM-Gesellschaften sind schon ne prima Sache.

So kommt der Laden auf Vordermann.

´Woll´n mal sehn, wer den längeren Atem hat.

Copyright: Manfred Maurenbrecher

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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