Horst Evers: Menschen unserer Zeit
Ein schönes Beispiel dafür, wie ungerecht die Welt manchmal gegen Menschen ist, nur weil sie sie nicht versteht.
In der Nähe von Diepholz in Niedersachsen lebt schon, seit ich denken kann, ein recht alter Mann, mitten im Dorf, auf einem ehemaligen Bauernhof. Vom Bauernhof zeugen mittlerweile nur noch ein paar Hühner, mit denen er zusammenwohnt und die heute seine besten Freunde sind.
Als ihm sein Arzt vor einigen Jahren jegliches Cholesterin streng verboten hat, hat er alle seine Hühner sterilisieren lassen. Seitdem gilt er im Ort als verschroben.

Trotzdem fragen sich alle Einwohner des Ortes, wovon dieser alte Mann denn eigentlich lebt. Vor ein paar Monaten vertraute er mir sein Geheimnis an. Er sei Komponist, oder vielmehr Komponist gewesen. Ein verblüffend erfolgloser Komponist übrigens. Dennoch sei es ihm vor Jahren gelungen, einen großen Auftrag an Land zu ziehen, dessen Tantiemen ihm bis heute einen bescheidenen Lebensstil ermöglichen.
Man hatte ihn damals nämlich beauftragt, den Soundtrack für eine neue Unterhaltungsshow namens Wetten, daß? zu schreiben. Tragischerweise jedoch war gleichzeitig derselbe Auftrag auch noch an einen anderen Komponisten herausgegangen, und als die Kompositionen beim ZDF eintrafen, entschied man sich, von beiden das jeweils Beste zu nehmen.
So ergab es sich, daß sein Kontrahent die »Wette-gewonnen«-Melodie schrieb, er hingegen die »Wette-verloren«-, die Losermelodie; weshalb er nun bei jeder Ausstrahlung von Deutschlands erfolgreichster Samstagabendshow vor dem Fernseher sitzt und so laut, daß man es durch das ganze Dorf hören kann, schreit: »Verkacken sollt ihr, verkacken! Verkacken! Verkacken!«
Die Menschen im Ort denken deshalb, er sei ein schlechter Mensch.
Ich finde das nicht richtig. Das ist ein schönes Beispiel, wie ungerecht die Welt manchmal gegen Menschen ist, nur weil sie sie nicht versteht.