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Jürgen Witte: Die Familie ist da, wo die Gesellschaft keimt

Mit dem Auszug aus der elterlichen Wohnung beginnt für den Menschen gemeinhin die Zeit, wo er die Möglichkeit hat, eigene Maßstäbe auszuprobieren. Wie aufgeräumt muß eine Wohnung sein? Warum ist nichts im Kühlschrank? Wie geht ein Kachelofen? Wie spät kann der Mensch nach Hause kommen? Ja, muß er überhaupt jede Nacht in seinem eigenen Bett schlafen, oder gibt es da draußen nicht viele, fremde, lockende, andere Betten?

Sehr bald stellt man aber fest, daß der Weg in fremde Betten mühsam und steinig ist, und daß man sich nächtens zumeist doch in der eigenen Wohnung wiederfindet. Und was findet man da? Keinen Staubsauger!

Eines Tages kauft man dann doch einen. Das Gefühl der Niederlage stellt sich ein. Gibt es wirklich kein Entrinnen? Wird man doch genau so wie die Eltern waren?

Der Einkauf, zum Beispiel, ist dem der bis vor kurzem erziehenden Mutter so unähnlich gar nicht. Es sei denn, man hat der Mammi nicht früh genug auf die Finger gekuckt und dabei etwas Kochen gelernt. Dann natürlich ist der Trend zum Fertiggericht und zum Pizzaservice unumgänglich. Aber das, so merken die meisten sehr bald, ist blanke Not und wahrlich keine Tugend; anti-emanzipatorisch. Kochen können, das heißt: eine gewisse Freiheit haben. Viele andere Prägungen des Elternhauses kann man bei sich feststellen. Auch wenn die direkte Einflußnahme mittels Päckchen voller Unterwäsche und Socken irgendwann nachläßt. Manche Männer zum Beispiel brauchen Jahre, um sich vom mütterlichen Waschmittel und Weichspüler zu emanzipieren. Eine längere Waschsalon-Phase ohne eigene Waschmaschine ist dabei sehr hilfreich. Dennoch, Seife, Shampoo, zumeist ist alles erstmal wie bei Muttern. Es sei denn, man merkt sofort, wie teuer das ganze Zeug ist, und daß man sich den gewohnten Krempel jetzt gar nicht mehr leisten kann.

Bei der Zahnpasta ist der soziale Druck der Gleichaltrigen größer. Früher mal war Ajona angesagt, diese. kleinen roten Tuben, heute ist es zumeist Aronal und Elmex. Eine echte Befreiung vom Blend-a-med- oder Signal-Diktat zu Hause.

Aber zum Beispiel Margarine! Es gibt einfach auf dieser Welt Homa- und Rama-Menschen. Wer ohnehin lieber Butter benutzt, der fällt meist, wenn schon Margarine, dann unter den Sanella-Typ. Gibt es eigentlich schon erwachsene Kinder von Flora Soft-Eltern? Erst bei den Lätta-Frauen erledigt sich dieses Problem, die kriegen wahrscheinlich keine Kinder. Entdecke ich als Abkömmling einer Rama-Familie irgendwo Homa-Margarine, dann frage ich mich automatisch, was der Besitzer an Willy Millowitsch wohl findet. Natürlich ist die radfahrende Rama-Tussi genauso peinlich, aber ich habe mit den Jahren gelernt, damit umzugehen.

Es geht noch viel weiter. Aldi-Eltern kriegen Aldi-Kinder. Bei allen anderen ist die Schwellenangst so groß, daß sie sich erst nach Jahren in Aldi-Märkte trauen. Außerdem erkennt man dort als Außenstehender kein einziges Produkt. Man ist Ossi im Westen. Die ganze Welt des Konsums muß man sich neu erschließen, und das dauert entbehrungsreiche, von vielen Enttäuschungen geprägte, lange Monate.

Da ich mit nichts als einer großen Kiste nach Berlin gezogen bin, habe ich tatsächlich keine einziges Möbelstück aus dem Familien-Haushalt mitgeschleppt. Mein kleiner Bruder zum Beispiel sitzt ja heute noch auf der elterlichen Couchgarnitur aus dem Wohnzimmer. Ich glaube, sowas prägt den Menschen. Und er war es dann auch, der sofort drei Kinder produzieren mußte, damit alles wieder wie zu Hause ist.

Kinder! Das endgültige Ende des Traums vom selbstbestimmten Leben. Es beginnt ganz harmlos. Kaum hat man es sich alleine etwas gemütlich und endlich auch ein bißchen eigen gemacht, da steht zumeist eine Beziehung ins Haus, und man sucht hinfort den gemeinsamen Nenner bei der Überwindung der Normen zweier Elternhäuser. Homa- und Rama-Familien vertragen sich da nicht. Dennoch, auch dieser Widerspruch kann, wenn man an sich arbeitet, überbrückt werden. Am Besten, man wendet sich der Butter zu. Die schmeckt ohnehin besser. Aber wenn dann erst ein Kind im Haus ist, dann ist alles zu spät. Tagesmutter, Kindergarten, das Gör trägt alle häuslichen Vorkommnisse irgendwann nach draußen. Der private Freiraum wird endgültig zur öffentlichen Zone. Die Rest-Gesellschaft, der man gerade entronnen zu sein glaubte, überwacht wieder, und alle schwer erkämpfen, privaten Normen werden hinfällig. Man könnte Scheiße schreien, aber dann schreit der Kleine morgen im Kindergarten auch Scheiße!

Am besten, man ist und lebt so, wie die eigenen Eltern das immer von einem gewollt haben, nur das erspart auf die Dauer quälende Fragen. Alles nur Organisation und Koordination. Der Spielraum für eigene Entscheidungen tendiert gegen Null. Man ist zum Beispiel plötzlich damit beschäftigt, genug freie Zeit für einen ordentlichen, ehelichen Geschlechtsverkehr zu finden. Schläft das Gör jetzt wirklich, wacht es nicht gleich wieder auf? Einfach mal was tun, und sei es was rauchen, saufen, vögeln, nur weil man gerade darauf Lust hat, die Zeiten sind endgültig dahin. Familienleben ist Schichtdienst, die Fortsetzung der Werkbank am heimischen Herd.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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