Sarah Schmidt: Tupperparty
Freitag abend, beste Roseanne-Zeit, klingelt es an meiner Tür. Widerwillig trenn ich mich von meinem Bett und mach auf. Vor mir steht Sybel, meine türkische Nachbarin aus dem 1. Stock, und fragt, ob ich Zeit hätte. Da bei meinen ausländischen Freunden die Gastfreundschaft groß geschrieben wird, hoffe ich auf eine Einladung zum Essen und sagte freudig : »Na, klar!«
»Wir machen grade eine Tupperwarenparty, kommst Du hoch?«
Tupperwaren. - Ich mache einen Zeitsprung um etwa zwanzig Jahre Richtung Vergangenheit.
Die Siebziger stehen mir vor Augen, Blütezeit von Plastikprodukten jeder Art, wilde Hausfrauenpartys wurden gefeiert, Avonberaterinnen verschönerten den Frauenvormittag. Diese Kauforgien der ganz speziellen Art wurden berühmt. Ich, etwa zehn, war heiß darauf, auch einmal zu solch einem Fest mitgehen zu dürfen. Aber meine Mutter war geizig, mochte keine Feiern und hat diese Supergelegenheiten zu nachbarschaftlichem Austausch mit einem Handstreich vom Tisch gefegt. Es hat dann auch ein schlimmes Ende genommen mit ihr.
Jetzt, mit 29, einem Kind, einer Wohnung und Haustieren, bin ich soweit, daß andere von mir denken, mir wäre langweilig genug, daß ich solches Zeug auch kaufen könnte. Stimmt.
Ich streich mein eigentliches Abendprogramm, das sowieso noch nicht sehr ausgereift ist. Zur Auswahl stehen Abwasch, Drucker an den Computer anschließen, oder einen Namen in meinem Adreßbuch finden, der noch nicht die Ehre hatte, mich in den letzten Wochen zum Trinken einzuladen. Würde nicht einfach werden. Also Party!
Schnell einmal Haare kämmen, Schlüssel und Zigaretten suchen und einen Stock höher, man läßt seine Gastgeber ja nicht gerne warten. Oben trifft mich die übliche Entzückung, wenn ich sehe, daß in der mit meiner kärglich möblierten baugleichen Wohnung von Sybel und Osman ein unvergleichlicher Haufen von originellen Einrichtungsgegenständen Platz hat.
Ich setze mich auf die breite Dreier-Couch, da hab ich alles bestens im Blick. Außer Sybel und mir sind noch meine zweite türkische Nachbarin, Filiz, anwesend und die Tupperwarenverkäuferin - sonst niemand. jetzt wird mir auch klar, warum ich eingeladen wurde. Alle anderen Gäste (es stehen sieben Tassen auf dem Tisch) sind nicht erschienen.
Egal, der Couchtisch ist reich beladen mit Kaffee und Kuchen, Salaten und Chips, Pistazien und diesen leckeren kleinen türkischen Fleischröllchen, für die ich mein Leben lassen würde.
Nett gebeten, greif ich ordentlich zu, wäre ja auch schade drum. Auch hier läuft Roseanne, praktisch.
Auf dem Aquarium aufgebaut stehen die neusten Tuppereien, versehen mit großen Papp-Preisschildern und den Produktnamen. Sieht eigentlich alles aus wie früher, nur die Farben haben sich geändert. Brombeere scheint modern zu sein. Irgendwann wird´s dann offiziell. Wir bekommen einen Bestellschein und einen Stift in die Hand gedrückt.

Frau Verkaufsleiterin, grade noch mit uns ins Gespräch über Kinder, Einkaufspreise und Möbel vertieft, stellt sich, strategisch günstig, hinter einen mächtigen Sessel, neben das Aquarium, und begrüßt uns mit ernster Miene.
»Guten Abend, meine Damen...« - sie meint wirklich mich!! - »...mein Name ist Elisabeth, und ich bin für heute abend Ihre Einkaufsbegleiterin. Früher war ich technische Zeichnerin bei den Alliierten, aber Sie wissen ja ... jetzt versorge ich mein Baby und möchte Ihnen die neuen Produkte unserer Firma vorfuhren. Sie dürfen gerne Fragen stellen, und wenn Ihnen etwas gefällt, müssen Sie nur ein kleines Kreuz auf dem Bogen vor Ihnen machen, ich helfe Ihnen gerne. Zuerst aber möchte ich Ihnen das kleine Gastgeschenk unserer Firma überreichen, das Sie auf jeden Fall behalten dürfen, auch wenn Sie nichts kaufen möchten!«
Worauf sie Gift nehmen kann, doch das Geschenk, eine Stullenbox im schwarz-roten Outfit ist gar nicht mal schlecht.
Danach werden uns die unglaublichen Vorteile von Plasteteilen mit Namen wie Großer Eidgenosse blau, Frischepavillon, Mundschenk und Doppeltes Lottchen vorgeführt. Alles ist sehr praktisch, und man kann Unmengen von Essen in sie reintuppern. Meine Nachbarinnen erfreuen sich mehr am Explosiv-Thema: Würmer in Restaurants, Kakerlaken in Schokolade und Maden auf Tomatensoße. Ich hör auf, die kleinen roten Fleischrollen zu essen, und frag nach einem Schnaps. Krieg ich auch, sogar noch einen zum Nachspülen. Zwischendurch wenden wir uns wieder den Erklärungen von Frau Elisabeth zu.
Sybel bestellt das Sonnentrio und die Mittlere Clarissa, die sind im Sonderangebot. Ich überleg, ob ich nicht die Zwiebelzwerge für eine Mark dreißig bestelle, bei weitem das billigste, und man will seine Gastgeberin ja auch nicht enttäuschen. Ich laß es bleiben, sonst werd ich vielleicht nie wieder in den Hausfrauenkreis geladen, und entscheide mich für den Katalog, der ist umsonst, und ich kann es mir ja auch in Ruhe zu Hause noch mal überlegen. Der offizielle Teil wird beendet, unsere Gastgeberin hat sich sieben Sterne ertuppert, wenn sie weiter fleißig einlädt und ihre Gäste gut einkaufen, hat sie vielleicht bald 73 Sternchen zusammen, und bekommt dann das Gefriersetjumbo als Anerkennung für ihre Mühe. Aber nein, klärt Frau Elisabeth sie auf, Sterne sammeln geht nicht, sie muß sie gleich heute wieder ausgeben und für sieben gibt´s nur den praktischen, aber popeligen Salzstreuer mit Klappdeckel. Sybel ist beleidigt, und Frau Tupper wird jetzt doch mit Eile verabschiedet.
Wir machen es uns gemütlich, reden über gute und schlechte Männer, und ob ich nicht doch noch heiraten könnte. »Letztens war doch so ein netter Mann bei dir, Sarah, wer war das denn?«, und: »Willst Du denn für immer alleine bleiben? Nimm dir doch einen türkischen Mann, das sind gute Männer.«
Der schon ältere und alleinstehende Cousin von Filiz wird mir unverbindlich angeboten, dazu reichlich Raki. Um zehn Uhr sind wir alle betrunken, Filiz fängt an zu weinen, weil ihr Ali immer junge Mädchen mit nach Hause bringt. Zeit, mich zu verabschieden.
Wäre jetzt ein Loch im Fußboden, könnt ich mich einfach fallenlassen und würde genau in meinem Bett landen. Das nenn ich praktisch. Betrunken geh ich heim. So ist also das wahre Hausfrauenleben, gar nicht so schlecht, denk ich beim Einschlafen. Ich werd mich mal nach einer Avonberaterin in meiner Nähe umhören.