Bov Bjerg: Authors Anonymous
Von außen scheint es eine dieser üblichen Berliner Kneipen. Eine dieser ganz üblichen Berliner Kneipen. Beschlagene, fast blinde Fensterscheiben, bräunlich-gelbe Gardinen. In einem Plastiktopf von der Größe eines Schnapsglases fristet eine tuberkulöse Yucca-Palme ihr Dasein. Die herabhängenden Triebe eines schütteren Zierspargels streicheln ihre welken Blätter. Früher oder später trinken alle Wurzelpeter, droht ein blasser Aufkleber am Eingang. Reklame für die letzte Ölung.
Kleine Messingglöckchen melden das Eintreten des Gastes, das Knarren der schweren Kneipentür untermalt ihr zartes Klirren. Draußen scheint die Sonne, hier drinnen wird es niemals hell. Über den Tischen baumeln 15Watt-Glühbirnen. Ein Gast schaut auf und blickt direkt ins Licht. Er kneift die Augen zusammen, der Schmerz der Blendung verzerrt sein Gesicht, er läßt den Kopf wieder sinken. Ich taste mich zum Tresen.
Der Wirt. Er mustert mich, grinst anzüglich und raunt: »Du willst doch garantiert zum Verein.« Dann brüllt er durchs Lokal, so daß es alle hören können: »Der Verein mittelmäßiger Schriftsteller tagt im Hinterzimmer!«
Ich klopfe. »Herein, wenn´s kein Nobelpreisträger ist!« Drei Männer sitzen um einen Tisch. »Tür zu!« - »Du willst über uns schreiben? Das ist gut. Aber wenn du uns zitierst, dann bitte anonym. Die Gesellschaft ist noch nicht so weit«, sagt J. »Und wir auch nicht«, fügt H. hinzu. »Das braucht seine Zeit, bis man sich dazu bekennen kann. Ich möchte nicht, daß meine Mutter es aus der Zeitung erfährt.«
J., ein runder Mann in den besten Jahren, kann als einziger vom Schreiben leben. Seine Ein-Mann-Firma verfaßt Gebrauchsanweisungen für die Produkte einiger mittelständischer Betriebe. Vor drei Jahren schrieb J. die Bedienungsanleitung für eine Farbnebelabsauganlage. Sein Glanzstück. »Für Autolackierer und so«, erklärt er. »Aber Maler und Lackierer, die sind doch schon ganz doof von den Dämpfen. Die haben kein Gefühl für eine gute Gebrauchsanweisung. Denen könntest du sonstwas vorsetzen!«
Was sind seine literarischen Vorbilder? J. springt auf und schreitet zum Fenster. Versonnen schweift sein Blick über den Hinterhof. Aus dem Müllcontainer quillt ein Flokati-Teppich, daneben liegen einige blutige Hammelknochen. »Mein Material ist und muß bleiben der Mensch der Gegenwart, weil ich für die Menschen der Gegenwart schreibe, weil ich mit ihnen lebe und auch einer von ihnen bin Franz Xaver Kroetz.«
Hat er noch Träume? Beipackzettel. Beipackzettel für Medikamente, das wär schon was. Farbnebelabsauganlagen, das ist doch mehr so´n Spartenmarkt. Das liest ja kaum einer. Aber der Beipackzettel für Aspirin! Das sind Auflagen, an die kein Simmel rankommt! Vielleicht in Reimform: Wenn Sie zu dieser Pille neigen / beachten Sie folgende Gegenanzeigen...
Inzwischen ist der Wirt hereingekommen. Er´ hält mir die Getränkekarte vor die Nase. »Hab´ ich geschrieben«, lächelt H. Und tatsächlich, ein ganz eigener Stil: Lecker Fudschi, nur 2.50. »Das war ziemlich knifflig«, erläutert der Autor und gibt einen kleinen Einblick in das einsame Handwerk des Schriftstellers: »Ich meine, ich hätte statt lecker ja auch sonstwas schreiben können. Hochprozentig oder so, irgend so´n blutarmer Begriff. Aber nicht mit mir! Handke hat mal gesagt, der Schriftsteller muß alles, was in seinem Bewußtsein vor sich geht, in seinem Werk vorkommen lassen. Lecker Fudschi, das war die einzige Möglichkeit. Und schau dir mal das Motto an, das ich der Karte gegeben habe!« Multivitaminsaft gibt´s in dieser Kneipe nicht, den könnt ihr zuhause saufen! Ein Ausruf, ein Schrei der Verzweiflung.«, »Die Expressionisten, die haben mich geprägt.« H. lehnt sich zurück und massiert seine Schläfen.
B., der dritte in der Runde, verbrachte einen Großteil seines Lebens mit Lesen. »Adressen, tausende von Adressen habe ich gelesen. Briefe waren mein ein und alles, und vom Zustellen konnte man ganz gut leben. Aber dann hab ich bei der Post gekündigt.« Wäre B. ein bißchen länger bei der Post geblieben, würde er heute etwa dreißigtausend Mark Abfindung bekommen. Doch er ist nicht verbittert.
Ganz anders H. »Als mittelmäßiger Schriftsteller bist du doch einfach das letzte«, bricht es aus ihm heraus. »Die Nachbarn belächeln dich, und die Schulaufsätze deiner Kinder werden verhöhnt. Wenn überhaupt jemand weiß, daß du Schriftsteller bist!«
J. will endlich die Präambel der Vereinssatzung diskutieren. »Ziel des Vereins ist es, mittelmäßigen Schriftstellern die Möglichkeit zu geben, sich mit Gleichbefähigten zu treffen und sie darin zu unterstützen, sich zu ihrem So-Sein zu bekennen.«
»Mittelfristig!«, gibt H. zu bedenken. »Sich mittelfristig zu ihrem So-Sein zu bekennen. Das geht nicht von heut auf morgen!«
Ich verabschiede mich von den jungen Männern. »... in allen Lebensbereichen wider die gesellschaftliche Ächtung der Mittelmäßigkeit einzutreten«, dringt es durch die Tür, als ich zurück zum Tresen gehe. Über dem Kopf des Wirtes zuckt eine Neonschrift: Schultheiß - Wenn alles getan ist. »Bin gleich wieder da«, sagt er zu mir, und bringt ins Hinterzimmer noch drei Kristallweizen.