Kurznachrichten: Birnen, Bohnen und Speck
Die Kultur in den Saufstuben
(Gabi Schlaug) Ein stark betrunkener junger Mann lehnt eine Stunde lang mit hängendem Kopf an einem Tisch, grunzt ab und zu von tief innen, schaut auf mit einem Blick voll des Hasses, poltert schreiend quer durch die Kneipe, hängt sich an den Hals seiner Freundin, um dann in einer Ecke schwer niederzusinken. Auf seinem T-Shirt steht: stay home - read a book.
Älter worden
(Falko Hennig) Der 1. September 1995 war ein ganz besonderer Tag für mich. Wenn man als junger Mensch die Pubertät gerade beendet hat, sich wirtschaftlich ein wenig konsolidiert fühlt, dann denkt man erstmals über die Anschaffung eines bleibenden Wertes nach, etwas für die Ewigkeit. Andere kaufen sich Bilder, Ersttagsstempel oder ein Buch. Ich habe mich damals für eine Konservendose entschieden. War falsch, denn seit dem 1. September 1995 bin ich erstmals in Besitz einer Konservendose, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Deutsche Brechbohnen, Handelsklasse A.
Ja, ich habe meine erste Konservendose überlebt. Mann, fühl ich mich alt.
Rumgehn
(Andreas Scheffler) Manchmal läuft man einfach so die Straße entlang, und würde man von einem Außenstehenden beobachtet, gewönne dieser wahrscheinlich den Eindruck, es handele sich um ein vollkommen sinnloses Gehen. Ich gebe zu: Wenn ich Straßen entlangschlendere, dann geschieht dies meistens ziellos, außer man erkennt es als Ziel an, daß ich lustige oder zumindest bemerkenswerte Begebenheiten beobachten möchte.
Ich wirke dabei recht geistesabwesend, was zur Folge hat, daß, wenn ein Vorfall mir begegnet, ich ziemlich überrascht und erschrocken bin. Vor einigen Wochen kam ein Herr auf mich zugestürzt und droht mir Schläge an für den Fall, daß ich »das« nochmal machen würde. Ich hatte keine Gelegenheit, ihn zu fragen, was »das« denn sei. Er lief nämlich schnell wieder fort.
Dies war eine bemerkenswerte Begebenheit.
Die lustigen sind mir lieber.
Wenn jemand auf der Straße »Andreas!« ruft, drehe ich mich instinktiv um und forsche nach, ob ich gemeint bin. Manchmal versuche ich eine Viertelstunde lang erfolglos herauszufinden, woher der Ruf kam. Will jemand, daß ich mich umdrehe, braucht er sich nur irgendwo hinter mir zu postieren und »Andreas!« zu rufen. Lustig ist das allerdings nicht. Vielleicht wäre es komisch, wenn jemand »Andreas!« riefe, ich sehe hektisch in alle Richtungen, plötzlich gingen überall die Fenster auf und alle Anwohner würden mir Torten ins Gesicht werfen. Jedenfalls fand man früher sowas lustig.
Mein Lieblingsbagger
(Jürgen Witte) Mein Lieblingsbagger ist ja ein Bagger, der, also für Leute, die sich mit Baggern auskennen, ein Bagger, der am Schaufelarm nur zwei Glieder und Gelenke hat. Ein Bagger, der im Gegensatz zu den heute geläufigen viergelenkigen Hydraulikbaggern von sich weg baggert und eben nicht zu sich her. Solche Bagger sind meist groß und können auf ein immenses Schaufelvolumen ausgelegt sein. Damit ihre Schaufel überhaupt wieder geleert werden kann, haben solche Bagger am Boden der Schaufel eine Klappe, die sich öffnen läßt, und dann rauscht der gesamte Inhalt aufs Mal auf die Lastwagenpritsche, so daß selbst ein Vierzigtonner ganz schön ins Schwanken kommt. Aber das muß man einfach selbst mal gesehen haben.
Auf der Post
(Sarah Schmidt)
»Ich möchte diesen Brief nach Amsterdam aufgeben, aber mir fehlt die Postleitzahl.«
»Da fehlt ja die Postleitzahl.«
»Ja, das sagte ich ja, können Sie mir die bitte sagen?«
»Ich weiß die auch nicht.«
»Aha. Und wie können Sie die rausfinden?«
»Wir finden die gar nicht raus.«
»Gut, dann nehmen Sie ihn bitte so.«
»Ohne Postleitzahl wird ihr Brief nicht befördert.«
»So. Und wie komm ich an die richtige?«
Stille, dann: »Sie können ja zum niederländischen Konsulat gehen und da nachfragen.«
So ist sie, deine deutsche Bundespost.
Geheimnisse des Supermarktes
(Gabi Schlaug) Ein dickes Mädchen steht da mit einem dieser südländischen Gemüsestücke in der Hand, die wir gemeinhin und vielleicht leichtsinnig als Zucchini bezeichnen. Barsch fragt sie mich:
»Ist das eine Fleischgurke?«
Ich gebe zur Antwort, daß ich mir das gar nicht vorstellen könne, ja, mir persönlich wären keine Fleischgurken bekannt, mache ihr jedoch den Vorschlag, ein paar Fleischtomaten zu erwerben. Sie straft mich mit Verachtung und wird nicht müde, sämtliche in den Laden nachströmende Menschen nach der Fleischgurke zu befragen, um ein ums andere Mal Unverständnis und Kopfschütteln zu ernten.
In der Zwischenzeit versucht jemand, in den Verkaufsraum einzudringen, indem er konzentriert den Einkaufswagen gegen das Drehkreuz stößt. Immer wieder rammt er schwungvoll die unbeirrbar dastehende Sperre. Hinter ihm sammelt sich eine Schlange von Wissenden, die nicht preisgeben wollen, wie sie es immer machen. Manchmal ist man eben ganz auf sich allein gestellt.
An der Kasse treffe ich das unfreundliche Mädchen wieder, mittlerweile durch hochroten Kopf entstellt und noch immer nachdenklich auf das grüne Gemüse starrend. Heute abend wird sie sich einen leckeren Fleischgurkenauflauf anfertigen. Das ist ihr genau anzusehen.
Na prima!
(Falko Hennig) Sitze in der Kneipe. Weil mir der Gesprächsstoff ausgeht und die Gesprächspartnerin weggegangen ist, belausche ich das Pärchen am Nebentisch. Die beiden schauen sich tief in die Augen.
Er: »Und?«
Sie: »Naja, ich liebe Dich... Oder, neenee, doch nich, stimmt gar nich, hab mich vertan, neenee... Oderdoch?«
Er: »Ja wat denn nu?«
Sie: »Ääääähhhhhh... Weiß nich, kann ich im Moment nich so genau sagen.«
Er: »Na prima!«
Sie: »Ja, Gott bis wann müßtest Du´s denn wissen?«
Er: »Naja, bis Freitag wäre schon gut, da telefonier ich immer mit meinen Eltern.«
4197
(Bov Bjerg) An den Geldautomaten des Postamtes in der Skalitzer Straße hat jemand in zehn Zentimeter hohen Ziffern seine Geheimnummer geschrieben: 4197. So was Leichtsinniges! Die muß man doch geheim halten[ Und dann gerate ich ins Grübeln, und je länger ich grüble, desto tiefer senke ich mein Haupt in Ehrfurcht vor der Genialität dieser Tat, und bevor ich mir die Stirn auf dem Bürgersteig schürfe, schrei ich´s hinaus:
»Berlinerl Helle seid ihr, heller«
Mundartstück, extrem zerdehnt zu sprechen
- so breit
- a ja
- ja ja
- O je
- u ha
- boo
- ksach dir
kooch
kerst
- kahnung
- ptsache lustich
- sachstet
- ahaha
- ahaha
höhö
djot
selwa
(Michael Stein)
Schwule beim Balzen
(Jürgen Witte) »Ich meine, das Tanzen, das ist halt mein Dingl«, sagt der Gymnasiast eines Wochenendmorgens um halb vier im Nachtbus, und daß er schwul sei, das betont er ein ums andere Mal. Schwer beeindruckt hängen zwei weibliche Teenies an seinen Lippen. Seine näselnde, alle Vokale nachschleppende Betonung soll wohl sein cooles, dem Zeitgeschmack angepaßtes, recht lappiges Techno-Disco-Outfit unterstreichen. Und dann erzählt er noch, wie einmal eine Frau im Rock-it in Neukölln sein Getanze, sein Ding, das er immer so ganz für sich alleine und völlig ohne Hintergedanken zelebriert, als Anmache mißverstanden habe, und wie er sich dann mit den Worten »Du bist so häßlich, so arrogant und so doof!« dieser Frau wieder entledigt habe - »Und außerdem bin ich schwul«
Die zwei weiblichen Teenies hören dem erotisch so Exotischen widerspruchslos zu. Nur ich, ich drehe mich um und sehe dem Kerl kurz und abschätzig in die Augen. Das mit dem Häßlich-Sein, das ist ja immer eine Geschmacksfrage, aber daß er zumindest »so arrogant und so doof ist«, das wollte ich ihm dann doch stillschweigend, aber nachdrücklich mitteilen.
Ich brachte ihn immerhin fast eine volle Minute zum Verstummen, bis er schließlich doch wieder anfing, den jungen Mädels was vom Pferd zu erzählen, denn »für ihn, als Schwulen... « - Na ja, lassen wir´s.
Die schwulen Methoden des perfiden Kommissars
(Michael Stein)
»Los, fick mich!«
»Aber, Herr Kommissar?«
»Ich sagte: Fick mich!!«
»Aber...«
»Los!«
»Ja, gut...«
»Aah... aah... Oh... oh... Aah... aah... sag mir alles! Keuch... ah... los! Keuch... Sag´s mir! Aah, jaajaa! Wer hat Müller umgebracht?«
»Oh... oh... ah... ah... es war.. ah, es war.. oh... oh!«
»AAAaaaaa!«
Scheiße. Gekommen. Jetzt verrät er mir bestimmt nichts mehr.
Vor der Glotze sind sie alle gleich
(Jürgen Witte) Zwei ältere Damen im Bus, sie unterhalten sich über ihre Wohnungen. Die eine, die sichtlich besser gestellte im dezenten Kostüm, beklagt sich über ihre fünf Lichterfelder Zimmer, die nun so schwer sauberzuhalten sind. »Aber man will auf seine alten Tage nicht mehr gerne umziehen«, und viel billiger würde es ja auch nicht werden. Die andere im etwas aufdringlichen Blumenmusterkleid hat es da leichter. Sie hat nur zwei Zimmer, und das scheint ihr gerade ausreichend klein, jetzt wo sie alleine ist.
Die beiden haben sich eben kennengelernt und entdecken gerade einen nicht unerheblichen sozialen Unterschied. Die Geblümte muß ihre Rente sorgsam einteilen, die Dame im Kostüm läßt durchblicken, daß sie mehr Pension bezieht als sie für sich alleine ausgeben kann. Fast wäre daraufhin das Gespräch eingeschlafen, hätte die sparsame Rentnerin nicht doch noch ein neues gemeinsames Thema gefunden. Sie erwähnt ihren Hang zum ständigen Fernsehen.
»Ach, Fernsehen!«, seufzt die wohlsituierte Pensionärin, »also wenn ich das nicht hätte, ich glaube, ich hätte mich schon längst umgebracht!«
Frau und Technik, rein empirisch
(Bov Bjerg)
Sarah: »Du, sag mal, lrina, ich hab da an meinem CD-Player eine Taste, die hab ich noch nie gedrückt. Ich weiß gar nicht wozu die gut ist.«
Irina: »Das ist bestimmt die Schuffel-Taste.«
Sarah: »Ja, genau, die Schuffel-Taste.«
Irina: »Das ist..., also wenn du die drückst, dann kannst du dem CD-Player sagen, daß er nur ganz bestimmte Lieder von der CD spielen soll. Aber das ist echt blöd, ich hab das mal gemacht weil, wenn du dann doch die ganze Platte hören willst, das geht dann nicht mehr. Das geht auch nicht wieder weg.«
Schweigen.
Sarah: »Und wenn man die Schuffel-Taste nochmal drückt, vielleicht geht´s dann wieder weg.«
Irina: »Nochmal drücken? Au ja, das könnt ich mal probieren.«
Sauerei
(Andreas Scheffler) Auf keinen Fall tolerabel ist der Verzehr eines Döner Kebab auf der Straße, wenn man dafür nur eine Hand zur Verfügung hat, weil die andere zum Beispiel eine Tasche tragen muß oder amputiert ist. Das gibt, ob man will oder nicht, unweigerlich eine große Sauerei. Ich weiß das aus Erfahrung.
Ruheständlerinnen
(Jürgen Witte) Zwei alte Damen sitzen auf einer Parkbank. Die eine Dame redet sehr laut auf die andere ein. Diese unterbricht den Redefluß: »Sie brauchen nicht so zu schreien Ich bin nicht schwerhörig!«
Die Antwort kommt noch lauter zurück: »Ach ja? Ich schont«
Darauf schreit auch die andere: »Ja, dann müssen Sie ein Hörgerät haben!«
»Die drücken mich immer so!«, donnert die Schwerhörige zurück.
»Da müssen sie dann eben ein anderes probieren, da gibt es doch ganz verschiedener«
Noch eine ganze Weile lärmen sich die beiden an, aber die Dame ohne Hörprobleme ist es bald leid, ständig angeschrien zu werden, so daß sie plötzlich ihren Stock packt und versucht, ihrer Peinigerin zu entfliehen. Leider ist sie sehr schwer gehbehindert und kommt nur ganz langsam von Fleck.
»Ach ja, die Beine ... «, ruft ihr die Schwerhörige zu, » ... also meine sind ja Gott sei Dank noch ganz in Ordnung, soweit!«
Angst
(Falko Hennig) Ein wichtiges Element solider Polizeiarbeit ist seit jeher der sogenannte Kommissar Zufall. Immer mehr wird er bewußt in die Ermittlungsarbeit der Polizei integriert, und ein erheblicher Prozentsatz aller begangenen Verbrechen wird heute bereits allein deshalb aufgeklärt, weil die ermittelnden Beamten einfach irgendjemanden, der ihnen gerade über den Weg läuft, fragen, ob er´s nicht vielleicht war. Dies kann natürlich auch telefonisch passieren.
»Ja, hallo, hier Evers.«
»Ja, schönen guten Tag, hier spricht Hauptkommissar Reibnitz, wir ermitteln gerade in 237 nicht aufgeklärten Delikten aus den letzten sechs Jahren. Herr Evers - ich darf doch Herr Evers sagen, oder? -, können Sie mir sagen, wo Sie zwischen dem 19. April 1989 und dem, Moment, 23. Mai 1995 waren?«
»Zwischen dem 19. April 89 und dem 23. Mai 95?«
»Ja.«
»Moment, da muß ich nachdenken.«
»Ach ja?«
»Ja, da war ich hier zuhaus und hab ferngesehn.«
»Die ganze Zeit?«
»Ja.«
»Hamm Sie Zeugen?«
»Äh - ... Nein.«
»Na gut, wir werden ihre Geschichte überprüfen... Wiederhören.«
Seit diesem Tag lerne ich alle Fernsehprogramme der letzten sechs Jahre auswendig und lebe in ständiger Angst...
Prozente vom Staat
(Sarah Schmidt) Neulich träumte mir, daß man jetzt auch auf Lohnsteuerkarte trinken kann. Ein beliebiger Wirt muß einem die Trinkfreudigkeit bestätigen, das meldet man dem Finanzamt. Dann läßt sich man sich jeden Alkoholkonsum quittieren. Am Ende des Jahres gibt es den Lohnsteuerjahresausgleich. Das fand ich sehr schön.
Familienausflug
(Bov Bjerg) Was macht eigentlich die Situation der Frau? Papa, Mama und zwei Kinder vor-neweg, ein kleines Mädchen und ein etwas größerer Junge. Papa ruft: »Gabriela, rechts, nicht links. Reeechtsl« Gabriela bleibt stehen und macht ein fragendes Gesicht. Ihr Bruder hilft ihr: »Rechts ist da, wo im Auto die Mama sitz!« Und die Mutter sieht nicht so aus, als ob sie sich in diesem Punkt von der Weltfrauenkonferenz irgendeinen Fortschritt erhofft hätte.
Schön
(Andreas Scheffler) Zwei junge Frauen, Anfang zwanzig, sitzen in der U-Bahn mir gegenüber. Sie schweigen zwei Stationen lang. Dann, mit einem Ruck wendet die eine sich der anderen zu und sagt verhalten: »Das fand ich jetzt echt gemein von Dir.« Sonst nichts. Sie schweigen weiter und starren auf ihre Knie. Vier Stationen später sehen mit einem Mal beide leicht auf und sich langsam an. Sie beginnen leise zu schluchzen und umarmen sich. - Schön.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08