Funny van Dannen: Der Wind
Vor einiger Zeit hatte ich eine längere Unterhaltung mit dem Wind, und es stellte sich heraus, daß der Wind keine Probleme kennt. Früher hatte ich angenommen, der Wind hat schon Probleme, er nennt sie nur nicht beim Namen! Als nun aber feststand, daß der Wind keine Probleme hat und auch nicht weiß, was Probleme sind, war ich von den Socken!
Keine Probleme haben - gut, o. k. Das Glück gönnt man ja jedem, sofern man ihn nicht kennt, aber nicht mal wissen, was ein Problem ist, hat was von Ignoranz, und ich dachte Scheißescheiße! Und sowas bewegt sich ständig um uns, säuselt und stürmt und macht und tut. ich beschloß, dem Wind ein Problem zu bereiten und stellte mich ihm in den Weg. »An mir kommst du nicht vorbei, du Windei«, rief ich frech, und der Wind, wenigstens ein Teil von ihm, blieb auch tatsächlich an mir hängen und versuchte, mich umzuschmeißen und fortzuschleifen. Ich hielt stand, und der Wind mußte mich stehen lassen und weiterziehen. Dennoch hatte ich nicht den Eindruck, dem Wind ein Problem gemacht zu haben. Ich fragte ihn: "Macht es dir gar nichts aus, wenn Menschen dir widerstehen oder Büffel oder Bäume?« - »Nein«, rief der Wind. »ich liebe den Widerstand und alle Widerstände, denn sie säumen meinen Weg wie wackere Musikanten.« Da stand ich nun und bewunderte den Wind mehr als je zuvor.
Zwei Tage später fing ich den Wind dann in einer leeren Cognacflasche und stellte ihn vor mich auf den Tisch. ich glaubte, es könnte für den Wind nichts schlimmeres als die Gefangenschaft geben, und ich provozierte ihn, indem ich meine Haare wusch und sie vor seinen Augen föhnte. Der Wind blieb aber still. Wahrscheinlich war er so besoffen, daß er gar nichts mitbekam. ich ließ einige Tage verstreichen. In dieser Zeit bemerkte ich, daß ein fremder Wind um unser Haus strich, denn die Büsche raschelten, und die Bäume bogen sich, und unser Wind konnte es ja nicht sein. Ich holte die Cognacflasche und stellte sie auf den Balkon, damit der alte Wind den neuen Wind sehen sollte und neidisch werden und eifersüchtig und böse. »Na«, sprach ich leise, »siehst du? Dieser fremde Wind raschelt durch deine Büsche und biegt deine Bäume und streichelt deine Pfützen. Ist das nicht zum verrückt werden?« Der Wind blieb still. Ich malte die Cognacflasche schwarz an, absolut blickdicht. Ich brachte sie in den Keller und stellte sie in eine finstere Ecke. Kann es für den Wind etwas Schlimmeres geben, als von Dunkelheit umgeben in einer alkoholisierten Flasche zu hocken?
Als ich am nächsten Tag zur Arbeit ging, tobte der neue Wind wie wild durch die Straßen. Ich dachte schon: Der will wohl seinen Kumpel rächen. Dann fiel mir ein, daß es Herbst geworden war, und im Herbst stellt sich der Wind ja immer so an. Gleichzeitig fiel mir ein, daß der Wind in meiner Flasche ein Sommerwind war, ein Original 93´er Sommerwind. Der ist schon jetzt eine große Seltenheit, sagte mein Freund Rudi abends beim Bratwurstessen. Wie wird das erst in fünfzig Jahren sein oder in hundert? Wir beschlossen, am Wochenende noch mehr Wind zu fangen und die Flaschen an einem sicheren Ort zu stapeln, vielleicht auch tief unter Wasser oder tief in der Erde. Wir dachten daran, einen Bunker zu bauen, wo die Flaschen die Zeiten unbeschadet überstehen könnten, damit sie unsere Enkel oder Urenkel versteigern könnten.
Enkel! Da hatten wir den Mist! Rudi und ich hatten uns vor einem Jahr sterilisieren lassen, weil wir keine Kinder wollten. jetzt wollten wir Enkel, aber Enkel ohne Kinder? Wir überlegten wie die Blöden. Wind fangen, Bunker bauen, zumauern, Wache schieben... Alles für fremde Enkel? Wir waren ja nicht verrückt! Wir waren uns beide einig: Für fremde Enkel krümmen wir keinen Finger. ich warf den Duftsimulator an und wählte Bergbrise. Rudi holte noch zwei Flaschen Lübzer aus dem Kühlschrank, und draußen tobte der Herbstwind. Die Würste hatten gut geschmeckt. Wir sahen aus dem Fenster in die schwarze Nacht hinaus.
Sie flachste: »ihr seid ein wunderbares Paar zusammen, satt und unfruchtbar.«
Wir lachten, und ich fragte: »Sag mal, Rudi, ist die schwarze Nacht immer so lustig?«
»Auch nicht immer«, sagte Rudi.