Helmut Höge: Urban Country-Tales
Als serielles Wochenendereignis
Es fing damit an, daß wir am Samstag Gisela Brückl ins Fuldische begleiteten. Sie arbeitet schon seit Ewigkeiten in der Werbeagentur McCann-Erickson. Unterbrochen nur von einem längeren Mutterschaftsurlaub, in dem sie auf den Tag genau jedes Jahr ein Kind bekam (drei insgesamt: Maja, Jonas und Milli) - bis sie sich schließlich die Gebärmutter entfernen ließ, und damit war Ruhe im Karton.
Als Texterin ist sie jetzt vornehmlich für Maggi und American Express, d. h. für deren »Funkspots«, verantwortlich. Dazu muß sie regelmäßig irgendeine Halbwegs-Berühmtheit interviewen, der Spot beginnt mit »Hier spricht...«, es folgt der Promi-Name.
Diesmal ging die Fahrt ins Städtchen Schlitz, wo ein Reiterfest stattfinden sollte mit dem Ehrengast Fritz Tiedemann (ohne Halla, also quasi solo). Wir waren pünktlich zur Stelle - wohl zu pünktlich, denn das Fest eröffnete die alte Gräfin von und zu Schlitz höchstpersönlich, und die verkündete sofort, stolz und mit ihren achtzig Jahren immer noch stimmgewaltig über Lautsprecher: »Willkommen in meinem kleinen Schlitz!«
Gisela Brückl brachte das derart aus der Fassung (oder vielleicht auch, weil wir der Gräfin sofort johlend Beifall spendeten), daß sie daraufhin mit eingeschaltetem Aufnahmegerät - den Ehrengast mit den Worten anging: »Hier spricht Fritz Tiedemann!« Und das gleich dreimal hintereinander, wobei sie immer verlegener wurde, auch Fritz Tiedemann übrigens. Schließlich mußte sie das Ganze abbrechen und auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.
Am nächsten Tag waren wir mit ihr in Berlin unterwegs, ohne Aufnahmegerät, was ein Fehler war. Beim wichtigsten Mutti-auf-Berlin-Besuchs-Treff Wannsee-Terrassen hörten wir nämlich vom Nebentisch aus einem Gespräch zwischen einem Husumer und seiner Tochter, einer vollschlanken Kosmetikerin, zu. Sie klagte ihm ihr Leid mit den »Diäten«, die alle "nix taugten«, und daß sie hinterher immer »doppelt so schnell« wieder zunehmen würde. Ihr Vater unterbrach sie: »Weißt du, woran man erkennt, daß man wirklich Übergewicht hat? « Die Tochter kuckte ihn erstaunt an. »Wenn man sich ausgezogen an den Strand legt und sofort welche von Greenpeace angerannt kommen, um einen zurück ins Wasser zu zerren!« Die Tochter wirkte gekränkt.
Wir wechselten dann das Muttilokal und fuhren ins Operncafe nach Mitte. Als wir Unter den Linden entlanggingen, bauten uns in Höhe Grand-Hotel zwei amerikanische Touristen an und wollten wissen: "Who was Linden?« Da mußten wir passen - und waren in den Augen der Amis natürlich mal wieder die Blöden. Im Operncafe saß leider mehr Berlin- als Elternbesuch. Ab und zu kam jemand mit einer Obdachlosenzeitung vorbei, die er dort auch gut los wurde. Neben uns schwieg sich ein gepflegtes Motorrad-Pärchen aus Braunschweig aus. Irgendwann fragte der Typ seine Freundin: »Wollen wir nicht noch auf die Schnelle eine Obdachlosen-Nummer in Berlin machen, bevor wir zurück fahren?« Die Frau wußte nicht gleich, was sie sich darunter vorzustellen hatte, er erklärte: »Na, ich leg mich auf den Rücken, und du machst über mir eine Brücke.«