Michael Stein: Mike Hummer
Der Mann mit dem Kopf wie´n Brett
Er war eine der miesesten Figuren im Viertel, genau genommen die mieseste. Wahrscheinlich nicht nur im Viertel, sondern in der ganzen Stadt, ach, was rede ich: im ganzen Land. Vergleichsweise miese, schmierige und widerwärtige Figuren wie Ringo die Ratte hatte es in der Geschichte der Menschheit nur wenige gegeben, es fallen mir auf Anhieb nur drei ein: Idi Amin, Viktor Worms, Bugs Bunny und Elisabeth Noelle-Neumann.
Er hatte sich unter anderem einen Namen als Beischlafdieb und Menschen- und Gemüsehändler gemacht; außerdem gehörten ihm drei Viertel der Pudelsalons der Stadt und gut die Hälfte aller Kondom- und Kaugummiautomaten. Doch das Schlimmste von allem war, daß Ringo die Ratte eine gottverdammte Tunte war, ein verdammt parfümierter warmer Bruder. Ich wußte, ich würde ihn eines Tages kalt machen, so kalt wie sein geliebtes Vanilleeis in Schokotunke. Dieser Tag war noch nicht gekommen. Doch ich hatte Zeit, viel Zeit.
Ich klopfte. Ein Gorilla öffnete mit grimmigem Blick und sah mich wortlos von oben bis unten an.
»Was los?«
»Ich will zu Ringo.«
»Was ist, Bruno?«, flötete es von hinten.
»Da is einer, der will Sie sprechen, Boß.«
»Na, laß ihn rein... Ah, Hummer, das ist aber eine Überraschung. Was führt Sie zu mir? Nehmen Sie doch Platz. Einen Drink?«
»Whisky Soda.«
»Schatz, mach dem Süßen doch ´n Whisky.«
»Verdammt überrascht, daß ich komme, was Ringo?«
»Sie plappern mir nach, ich sagte es bereits.«
Ich sah der hochgewachsenen Blonden nach, als sie zur Hausbar tänzelte. Sie hatte Beine bis zum Hals und sah auch sonst verdammt gut aus. Sie hieß eigentlich Detlef und hatte vor ´nem Jahr von Hackethal ein paar erstklassige Titten angeschraubt bekommen. Blondie war Ringos große Liebe.
»Du weißt, was ich will, Ringo?!«
»Wüßte nicht, was ich wissen sollte.«
»Du weißt, was ich meine, was du wissen solltest.«
»Wüßte nicht, was ich wissen sollte, was Sie meinen, was ich wissen sollte.«
»Du weißt, daß ich weiß, daß du weißt, was ich meine, was du wissen solltest.«
»Wüßte nicht, was ich wissen sollte, was Sie meinen, was ich wissen sollte, was Sie meinen, was ich wissen müßte.«
»Falsch! Wissen sollte, nicht müßte! Ich habe gewonnen, ich habe gewonnen, du hast müßte gesagt statt sollte, hehe, ich habe gewonnen!«
Leider dachte Ringo die Ratte nicht im mindesten daran, meinen Sieg anzuerkennen.

»Bruno, gib dem Herrn ein paar Speicheleinheiten.«
Ich saß gefesselt auf dem Stuhl vor Ringos Schreibtisch und harrte der Schläge: »Streicheleinheiten ist gut gesagt. Wenn dein Gorilla mich berührt, leg ich ihn um, irgendwann, ist das klar?! Ich verzichte auf die Streicheleinheiten!«
»Streicheleinheiten? Davon redet doch keiner. Ich rede von Speicheleinheiten. Bruno, zeig ihm, was ich meine.«
»Gerne, Boß. Ccchhhrrrzspuck!«
Es war das Schlimmste, was mir je angetan wurde. Man hatte mir schon mal das Nasenbein gebrochen oder zwei Vorderzähne ausgeschlagen. Aber das hier hatte noch nie einer gemacht.
»Machen Sie den Mund auf, Hummer! «
Ringo rotzte mir eine fettige, grüne und mit Sicherheit hochgradig aidshaltige Aule ins Maul. Den Geschmack zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Die Konsistenz zu beschreiben, ist eigentlich ungeheuer widerlich. Ich laß es lieber, mir wird schon wieder schlecht, wenn ich nur daran denke.
Ich erwachte nach ein paar Stunden Schlaf, die mir wohl die ekelerlösende Ohnmacht verschafft hatte.

Bruno saß neben meinem Stuhl. Ich war immer noch gefesselt. Ich mußte hier raus, koste es, was es wolle. Ich wußte, sie würden mich zu Tode ekeln, Ich versuchte einen uralten Trick: »Bruno, weißt du eigentlich, daß dein Chef eine schwule, homosexuelle, arschfickende und schwanzlutschende, gottverdammte Tunte ist?«
»Das ist nicht wahr.«
»Aber sicher, Bruno. Und du, du bist ´n richtiger Mann, ein ganzer Kerl, und läßt dir von ´nem Homo Befehle erteilen?«
»Mein Boß is kein Homo. Ich hau dich tot, wenn du das noch mal sagst.«
Scheiße, danebengegangen. Aber wenigstens sprach er nicht von Speicheleinheiten. Das beruhigte mich ein wenig.