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Andreas Scheffler: Autobiographische Schriften

Irgendwo Ende des ersten Drittels

Über mein Leben reden, heißt über das Verlieren reden. Das kam mir in den Sinn, als ich unlängst beim Anblick eines Doppelwhoppers an meine ehemalige Freundin Karin denken mußte. Ich habe nicht viele Freundinnen gehabt, ein paar, und alle hatten die Gemeinsamkeit, mich plötzlich verlassen zu wollen - unter fadenscheinigen Gründen oder auch ohne jede Erklärung. Einfach so. Leider gibt es neben trockenen Alkoholikern, wie dem Schriftsteller Simmel, nichts Erbärmlicheres als Männer, die soeben verlassen wurden. Ich glaube, eine ständige Geliebte zu haben, oder auch ständig eine Geliebte zu haben, ist für Männer ein ebensolches Suchtmittel wie der Schnaps.

Wenn Männer verlassen werden, greifen sie in der Regel zu der Ersatzdroge Alkohol. ich habe jedesmal nach dem Verlassenwerden mit Bier begonnen, bin dann zu Wein übergegangen und schließlich beim Wodka gelandet. Plötzlich allein sein plus Alkohol erzeugt Selbstmitleid. Ein furchtbares, würdeloses Gejammere voller Selbstbezichtigungen und Anklagen gegen die Welt kommt auf. Man ruft die Entlaufene an oder schreibt ihr Briefe, in denen man erklärt, sie habe vollkommen richtig gehandelt, schließlich sei man der Abschaum. Bald ist man von der Richtigkeit dieser Aussage überzeugt.

Dies wiederum hat zwei Dinge zur Folge. Zuerst machen sich die Freunde Sorgen. Manchmal machen sie der ehemaligen Freundin Vorwürfe, wie sie so etwas Schmähliches unternehmen konnte, den Freund in den Abgrund zu stürzen. Das ist natürlich vollkommen blödsinnig. Als ob sie aufgrund dieser Vorhaltungen reumütig zurückkäme! Im Gegenteil. Ihr rechtschaffener, aber nichtsdestoweniger dummer Vorsatz, gute Freunde bleiben zu wollen, schwindet. Stadium zwei: Der Mann, in diesem Falle ich, trinkt rückhaltloser denn je und gerät allmählich ins gesellschaftliche Abseits, weil sich auf Dauer niemand an sein jammern gewöhnen kann und will.

Eines Tages sagte mir Hans nachdrücklich, daß ja wohl niemand zu einem zurückkäme, der ununterbrochen besoffen wäre. Das war einleuchtend. Und in der Folgezeit immer längerer Phasen von Nüchternheit, in denen der Rausch letztendlich die Ausnahme wurde, war ich in der Lage, mir die Vision einer Fortsetzung der Liebschaft abzuschminken. Die rigide Konsequenz war, festen Beziehungen für alle Zeiten abzuschwören. Nie mehr wollte ich es zulassen, verlassen zu werden... Keine Beziehungen mehr, nie mehr...

Das hält keiner lange aus. Karin kam. Heute glaube ich, meine Hauptmotivation für diese Mesalliance war, daß ich auch einmal jemanden verlassen wollte. Trotzdem zog sich der Krampf einige Monate hin. Ich ließ mir Umerziehungsversuche gefallen. ich ließ mir sogar Kneipenrechnungen bezahlen. Meine Selbstachtung sank.

Schließlich war der Tag gekommen. Zugegeben, ich habe dabei keine gute Figur gemacht. Ich telefonierte. Man quittiert keine Beziehung am Telefon, aber ich war feige. ich sagte, wir sollten uns heute lieber nicht sehen, überhaupt habe es keinen Zweck, und wir sollten uns besser gar nicht mehr sehen. Sie legte auf. Ich ging voll schlechtem Gewissen zu Plus und kaufte eine Flasche Whisky. Endlich hatte mal ich den Schlußpunkt gesetzt, aber das gute Gefühl wollte sich nicht einstellen. Vielleicht nach ein paar Schnäpsen. ich hatte gerade ein Viertel der Flasche getrunken, da klingelte es, und Karin stand da. Scheiße. Ich bat sie herein und rechtfertigte mich. Karin nahm sich auch einen Whisky und bewahrte Haltung, ich dagegen stammelte im Bewußtsein meines schlechten Charakters. Der Schnaps schließlich und gutes Zureden von Seiten Karins bewirkten eine Annullierung meines Entschlusses. Wir wollten es nochmal versuchen. Zuallererst wollten wir einen von Trunkenheit beeinträchtigten Geschlechtsverkehr versuchen. Das gelang.

Es folgten zwei harmonische Wochen, die von beidseitiger Vorsicht geprägt waren. Kein Anlaß für Konflikte durfte aufkeimen. Dann, eines Tages, bestellte mich Karin zu sich und erklärte, sie habe sich soeben frisch verliebt. Ich war nicht der Glückliche. ich stand auf und ging mechanisch in eine nahegelegene Gaststätte. Auch damals war mir schon klar: Mein Leben, das bedeutet die Niederlage.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 16
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Birnen, Bohnen, Speck
Horst Evers: Am Fenster Bov Bjerg: Reinhard Furrer zum Gedenken Falko Hennig: China Michael Stein: Was sozial Sinnvolles Ahne: Morgens, Politik Funny van Dannen: Der Wind Hans Duschke: Zwölfmal aufs Maul Sarah Schmidt: PMS Ahne: Ich bin gut Helmut Höge: Urban Country-Tales Hans Duschke: Verliebt Michael Stein: Mike Hummer Andreas Scheffler: Autobiographische Schriften Jürgen Witte: Aussterbende Produkte Andreas Koch: Mit oder ohne? Hinak Husen: Rudi Manfred Maurenbrecher: Sommerzeit Funny van Dannen: Neptun-Design Horst Evers: Neue Zukunftsfragmente Hans Duschke: Vier Monologe für Schauspielschüler Bov Bjerg: Bürger beobachten die Feuerwehr Andreas Scheffler: Bei uns im Haus Sven Poser: Müller noch vor Aids Bov Bjerg: Sketche ohne Hand und Fuß
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XVIII
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