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Jürgen Witte: Aussterbende Produkte

Heute: Die Weichblechtube, der Wackeldackel und der Teppichklopfer

Die Weichblechtube

Wenn ich irgendwo eine alte Weichblech-Zahnpastatube sehe, ordentlich aufgerollt und fast gänzlich ausgedruckt, dann rührt mich das an. ja, denke ich, so war das früher! Und wirklich lange her ist dieses Früher gar nicht. Die Weichblech-Zahnpastatube stirbt aus. Das Duale System der wunderbaren015- Müllvermehrung hat binnen dreier Jahre dem Quetschen und Aufrollen von Tuben den Todesstoß versetzt. Heute ist alles aus Plastik: Die Tube und der Deckel, ja sogar die Etiketten sind, wenn man die Beschriftung nicht ohnehin direkt auf die Tube gedruckt hat, sogar Etiketten sind aus dem selben, sortenreinen Kunststoff.

Kein Mensch wird mehr mit seinen Mitbewohnern darüber streiten, wie eine Zahnpastatube ordentlich auszurücken ist, wie sie mit gehöriger Vorsicht - am Besten, man legt sie dabei auf eine ebene Fläche und drückt die wenige darin noch befindliche Paste zunächst ganz nach vorne - aufzurollen ist, ohne daß man dabei die dünne Blechschicht einknickt und so Löcher produziert, aus denen dann bei erneutem Drücken ständig etwas herausquillt. Viele Menschen haben das Tubenrollen abgelehnt. Das Risiko war ihnen zu hoch, und so lagen auf deren Waschtischen, für jeden Badezimmerbesucher sichtbar, unförmig platte, runzlige, häßliche Tuben. Natürlich schadete ein solches Produktbild der Tuben-Käufer-Bindung, und die frischen, prallgefüllten Tuben in den Supermärkten taten sich schwer, die Erinnerung an die Tubenruine aus dem heimischen Badezimmer im Kopf des Käufers zu verdrängen.

Die nun üblichen Plastiktuben sehen immer unbenutzt und neu aus, selbst wenn sie fast leer sind. Diese Tuben leben nicht mehr mit uns, wir können sie uns nicht aneignen, sie sind fremd und leblos. Wieder ein Stück Individualität, das den Menschen genommen wurde. Allein die Vorliebe für eine bestimmte Marke soll uns noch etwas über den Benutzer sagen. Die Marktstrategen sind zufrieden. Genau dort wollen sie uns haben. Der Mensch ist nichts als die Summe der Produkte, die er konsumiert. Außerdem weiß jetzt niemand mehr genau, wann es Zeit ist, eine neue Tube zu kaufen. Also soll jeder immer gleich eine zweite, eine Reservetube zu Hause haben. So steigert man den Umsatz, zumindest kurzfristig, und erhöht damit die Markenbindung. Wer kauft schon das Sonderangebot von Dentagard, wenn er sowieso noch eine Reservetube Blend-a-Med (mint) zu Hause hat.

Und jetzt zum kritischen Teil der Abhandlung: All das ist den Marktstrategen nicht von selbst eingefallen. Nein, erst der Zwang der Abfallverordnung hat sie dahin gebracht. Soweit der kritische Teil dieser Abhandlung.

Der Wackeldackel

Dieser putzige Plastikdackel mit Wackelkopf. jene komischen Viecher, die für einige Jahre neben fast jeder umhäkelten Toilettenpapierolle auf den Hutablagen deutscher Autos zu finden waren. Warum gab es sowas, warum gibt es das nicht mehr? Welche Markt-Faktoren mußten zusammenwirken, damit dieses Produkt sich durchsetzen konnte?

In den Fünzigern wäre so ein Ding kaum zu verkaufen gewesen. Man erinnere sich mal: Der VW-Käfer, Deutschlands meistgekaufter Wagen, hatte eine so winzige Heckscheibe, daß keiner der hinterherfahrenden Automobilisten einen Blick auf ein dort aufgestelltes Tierchen hätte werfen können. Und, was erschwerend noch dazukam, der VW-Käfer hatte damals überhaupt keine Hutablage.

Hinter der Rückbank befand sich beim Käfer ein offenes tiefes Loch, das zur Aufnahme von Koffern oder spielenden Kleinkindern geeignet war. Ich selbst habe oft und gerne in dieser mit Velourteppich ausgeschlagenen Höhle gespielt. Der Käfer war das einzige Auto mit eingebautem Kleinkinderzimmer.

Als die ersten Anti-Baby-Pillen auftauchten, verdrängten sie den VW-Käfer sehr bald vom Markt. Ein schwerer Schlag der Berliner Schering AG, von dem sich der VW-Konzern erst 12 Jahre später erholen sollte. Deutsche gegen Deutsche. In der Wirtschaft wird eben ohne Rücksicht und mit harten Bandagen gekämpft.

All die Leute, die während des Wirtschaftswunders keine Kinder machten, also schneller reich werden konnten, die kauften sich damals einen Opel, einen Olympia, oder einen Kapitän, wie mein Opa, oder gar einen Mercedes, wie die Taxifahrer. All dies waren Wagen mit ordentlicher Hutablage, und beim Mercedes war sogar die Heckscheibe schon Anfang der Sechziger groß genug, um als Schaufenster des Geschmacks seines Besitzers herhalten zu können. Aber in dieser Zeit war ererbter oder erworbener Reichtum noch mit strengen repräsentativen Pflichten verbunden. Wer Geld hatte, mußte auch so aussehen, und also neben dem passenden Wagen auch die entsprechende Kleidung tragen. Hut war für Bänker, Unternehmer, Freiberufler und Landwirte Pflicht, und so fand sich auf der Hutablage ihrer Autos noch kein Platz für einen Wackeldackel.

All das mußten die potentiellen Wackeldackel-Hersteller bedenken, und sich noch ein Weilchen gedulden. Viele haben sich in dieser frühen Zeit mühsam mit magnetischen Christopherus-Medaillen fürs Armaturenbrett und Plastikblumenvasen mit Saugnäpfen für die innere Frontscheibe über Wasser gehalten. Kleine, während der ruckeligen Fahrt lustig schaukelnde Anhänger für den Rückspiegel wiesen schon den Weg in die richtige Richtung, aber erst mußte noch der Staat das seinige dazutun und die Kopfsteinpflaster-Straßen sanieren, damit das zappelige Gehopse der Autos endlich aufhörte und durch ein sanfteres Auf und Ab beim Fahren -ersetzt wurde.

Als der allgemeine Ausbauzustand sich tatsächlich gebessert hatte, VW immer weniger Käfer produzierte, da kam des Wackeldackels große Zeit. Binnen zweier Jahre waren Deutschlands Autos voll davon. Eine wirtschaftliche Erfolgsstory, die den Siegeszug des GameBoys in den Schatten stellen würde, wäre sie nicht in den Siebzigern jäh unterbrochen worden.

Wieder war es VW, die Automarke, mit der das Schicksal des Wackeldackels auf seltsame Weise verwoben zu sein scheint, die das Ende des mit seinem Kopf so niedlich nickenden Tierchens einläutete. Der Golf wurde vorgestellt; ein Wagen, der trotz seiner sehr behelfsmäßig angebrachten Hutablage, weiche beim Öffnen der Heckklappe nach oben schwenkt, dennoch zum Erfolg wurde. Grausige Wackeldackel-Unfälle häuften sich. Die Tiere purzelten im Wagen herum, manche bis weit unter die Vordersitze, und bei nicht wenigen wurde dabei die hochsensible Halsaufhängung zerstört.

Zunächst wehrten sich die Plastiktier-Besitzer noch. Einige versuchten, sich mit Klebstoff zu behelfen, andere schraubten ihre Lieblinge einfach fest. Dennoch, die gewachsene Beziehung zu diesem treuesten Freund des Autofahrers war nachhaltig gestört. Wackeldackel-Hersteller wurden massenhaft in die Pleite getrieben. Eines der großen, umgeschriebenen Dramen der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Wer Glück hatte, sattelte auf Heckspoiler um. Ein Markt, der sich, obwohl anfänglich von vielen belächelt, als wesentlich krisensicherer erweisen sollte.

Der Teppichklopfer

Womit verprügeln Eltern eigentlich heute ihre Kinder? Wahre Horrorgeschichten hört man immer wieder von jenem Lederriemen, an dem die Männer früher ihre Rasiermesser schärften. Mit der Erfindung der Rasierklinge verschwand das Ding aus den privaten Haushaltungen, und auch der Rasierpinsel wird nurmehr aus nostalgischen Gründen benutzt. Nur beim Friseur, in jedem Herrensalon, der noch etwas auf sich hält, wo man die Kundschaft mit dem Messer rasiert, da hängt dieses Denkmal der Brutalität früherer Vätergenerationen auch heute noch dezent neben dem Spiegel. Man sollte also als Kind tunlichst darauf achten, nicht in Friseurhaushalte hineingeboren zu werden.

Sicherlich gab es auch in vielen Familien den einzig für erzieherische Maßnahmen angeschafften Rohrstock. Meine erste Volksschullehrerin pflegte den unartigen Schülern damit auf die ausgestreckten offenen Handflächen zu schlagen. Eine äußerst schmerzhafte Prozedur, die ich, soweit ich mich erinnere, nur einmal erdulden mußte. Auf dem Bauernhof in unserer Nachbarschaft, wo vormals auch der Reiterei gefröhnt wurde, da war die Pferde-Peitsche wohl auch noch zur Züchtigung des Nachwuchses im Gebrauch. Mein Kumpel hatte, soweit ich weiß, einiges mehr zu erdulden als ich. Aber das alles klingt heute nach dem 19. Jahrhundert.

Im deutschen Mittelstands-Nachkriegshaushalt gab es eigentlich neben den die Hosenträger langsam verdrängenden Gürteln nur noch ein Werkzeug, das sich für das Prügeln der Kinder anbot. Es war etwas unhandlicher als der Rohrstock, und sicherlich auch nicht ganz so schmerzhaft, aber es war fast überall vorhanden, und es wurde zu seinem eigentlichen Zweck nur so selten gebraucht, daß eine Zweitverwertung schon aus wirtschaftlich-rationellen Erwägungen angezeigt schien. Die Rede ist vom Teppichklopfer. Eine etwa bratpfannengroße rundliche, aus Rattan geflochtene Fläche, deren Stäbe zusammengebunden in einem ca. ein Meter langen, korkenzieherartig gewundenen Stiel ausliefen.

Teppichklopfen war auch Kinderarbeit. Die Erwachsenen halfen, den Teppich zur Stange im Garten zu schleppen, warfen ihn darüber, und dann durften die Kinder sich daran austoben. Es war Schwerstarbeit. Schon nach wenigen Schlägen schmerzten die Arme. Aber mit einem Teppichklopfer hatte ich eine noch schmerzhaftere Begegnung.

Ich sollte damals zusammen mit einem Mittäter der Nachbarin Erdbeeren aus dem Garten gestohlen haben. Nun war es aber so, daß diese Erdbeeren noch gar nicht reif, und also an Klauen überhaupt nicht zu denken war. Natürlich wollten wir klauen, und mit einigen eßbaren Früchten wären wir wohl zufrieden gewesen. Aber, wie eine genaue Inspektion ergab, waren alle Früchte, die an den Pflänzchen hingen, noch grün. Die Gartenbesitzerin hatte uns schon von Weitem suchend durch das Beet streifen gesehen, und ich Depp ließ mich von ihr erwischen. Den Namen des eilig entflohenen Mittäters gab ich trotz all ihrer Drohungen nicht preis. Sie tippte auf meinen Bruder, der aber war es nicht. Natürlich petzte sie sofort bei meinen Eltern, vermutete sie doch Unmengen ihrer Erdbeeren in unseren Mägen. Daß sie selbst keine reife Frucht fand, überzeugte sie nur von der Gründlichkeit unseres Vorgehens.

Zeichnung von Herr Lorenz

Ich kam ob des zu erwartenden Ärgers erst sehr spät am Abend nach Hause. Der Vorwurf lautete, wir hätten systematisch alle reifen Erdbeeren geklaut. Da ich auch hier die Mittäterschaft meines Kumpels vom Bauernhof nicht preisgeben wollte, setzte es eine Strafe für zwei Delikte. Anklagepunkt eins: Schwerer Diebstahl, Anklagepunkt zwei: Mangelnde Kooperation mit den für die Verfolgung von Straftaten zuständigen Behörden. In diesem außergewöhnlichen Falle also lautete die Strafe ein einziges Mal: Teppichklopfer.

Wenn ich heute meine Eltern auf die, ich gebe es zu. vergleichsweise wenigen Prügel anspreche, die sie mir verabreicht haben, dann wollen sie davon nichts mehr wissen. Ihre Erziehungsideale haben sich in den letzten dreißig Jahren enorm geändert, und solcherart Prügel scheinen ihnen mittlerweile unvorstellbar. Ich insistiere nicht auf meinen Erinnerungen. Der Lernerfolg der Elterngeneration erscheint mir wichtiger als die lückenlose Aufdeckung ihrer Vergangenheit.

Was die nachwachsenden Generationen angeht, so bleibt den meisten von ihnen ein Teppichklopfer erspart. Teppichböden kann man nicht klopfen. Man sollte sie einfach liegen lassen, denn auch die Naßreinigungsversuche türkischer Frauen mit Seife, Wasser und Schrubbern auf dem Hinterhof sind billigen Teppichböden mit Schaumrücken eher abträglich. So ein Teppichboden wird eben nach und nach immer dreckiger. Während wir also alle lernen, ein gewisses Maß an Dreck als gegeben hinzunehmen, verbessern wir dabei auch Schritt für Schritt die Methoden der Erziehung unserer Kinder.

Vorschau auf weitere Artikel der Serie:

Das Klappfahrrad, oder: warum es nicht gelungen ist, Autofahrern ein Fahrrad für ihren Kofferraum zu verkaufen.

Der weiße Tennisball, oder: warum mit der Erfindung des Farbfernsehens unsere Welt plötzlich viel bunter geworden ist.

Metalldruckguß-Spielzeugautos ohne Friktionsantrieb (das sind diese Autos, die von alleine nach vorne fahren, wenn man sie ein bißchen nach hinten zieht, also):

Metalldruckguß-Spielzeugautos ohne Friktionsantrieb, oder: wem im Kinderzimmer das spielerische Üben des Rückwärts-Einparkens verunmöglicht wird, der lernt das Rückwärts-Einparken auch in der Fahrschule nicht.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 16
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Birnen, Bohnen, Speck
Horst Evers: Am Fenster Bov Bjerg: Reinhard Furrer zum Gedenken Falko Hennig: China Michael Stein: Was sozial Sinnvolles Ahne: Morgens, Politik Funny van Dannen: Der Wind Hans Duschke: Zwölfmal aufs Maul Sarah Schmidt: PMS Ahne: Ich bin gut Helmut Höge: Urban Country-Tales Hans Duschke: Verliebt Michael Stein: Mike Hummer Andreas Scheffler: Autobiographische Schriften Jürgen Witte: Aussterbende Produkte Andreas Koch: Mit oder ohne? Hinak Husen: Rudi Manfred Maurenbrecher: Sommerzeit Funny van Dannen: Neptun-Design Horst Evers: Neue Zukunftsfragmente Hans Duschke: Vier Monologe für Schauspielschüler Bov Bjerg: Bürger beobachten die Feuerwehr Andreas Scheffler: Bei uns im Haus Sven Poser: Müller noch vor Aids Bov Bjerg: Sketche ohne Hand und Fuß
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XVIII
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