Andreas Koch: Mit oder ohne?
Ich bekomme einen Bauch! In den letzten vier Monaten nahm ich vier Kilo zu. Wenn das so weitergeht, habe ich in weniger als drei Jahren die 100 Kilo-Marke erreicht. Dann bin ich achtundzwanzig. Ich glaube daran, weil, ich glaube an die Mathematik, und mathematisch bilden die letzten vier Monate und mein Körpergewicht eine lineare Funktion (25 plus x Monate gleich 65 plus x Kilogramm), im Moment also 69 Kilogramm, Das ist beweisbar. Niemanden wird das interessieren, ich weiß. Die Dicken haben gelernt, ihren Bauch zu akzeptieren, wissen nicht mehr, wie es war, dünn zu sein. ich rufe ihnen jedoch zu: »Es ist schön, dünn zu sein!« Auch mir in fünf Jahren rufe ich diesen Satz zu. Dann werde ich bereits die Seiten gewechselt haben und wie selbstverständlich alle Dünnen als magersüchtige Hänflinge abstempeln, dann haue ich ihnen immer wieder kraftvoll auf ihre Schultern, oder ich drücke sie dort scheinbar freundschaftlich, nur um mitleidig ihre Knochen abzutasten.
Also nochmal: »Dickes Ich in fünf Jahren, es war schön, dünn zu sein!« Es ruft zurück: »Du magersüchtiger Hänfling, was fällt dir ein, noch hast du keine Ahnung, was es bedeutet, einen Bauch zu haben. Es ist der Schritt vom Jüngling zum Manne, den du erst noch tun mußt. Deine körperliche Unreife erlaubt dir nicht, frech zu werden!« »Wenn. ich richtig nachrechne, mußt du jetzt um die 1 2 5 Kilo wiegen.«
»Das stimmt. 127, um genau zu sein, und ich bin stolz darauf. Damals, als ich noch du war - ich kann mich nur noch vage daran erinnern, und ich bin froh darum - damals war unser Bauch noch ein kleines Bauchbaby, das immer nach Essen schrie. Er war süß, aber was ist das schon gegen meinen stattlichen Bauch, jämmerlich wie alle Babys!«
»Stattlich, stattlich, das ist doch nur eine psychologische Schutzmaßnahme, fett bist du, bewegst dich nur noch selten, und wenn, dann schwitzt du gleich und stinkst, und nur daher rührt der Respekt, den man dir entgegenbringt!«
»Sei vorsichtig, du redest mit dir in fünf Jahren. Es wäre an der Zeit, dich mit deinem Zustand anzufreunden. Kauf dir eine Pfeife, such dir eine Stammkneipe, und setz´ dich da jeden Abend hin und gib kluge Ratschläge, denn mit deinem Gewicht wird auch deine Weisheit steigen!«
»Halt´s Maul, du fette Sau, niemals möcht´ ich so werden wie du. Weißt du überhaupt noch, wie es ist, sich beim Pinkeln zuzuschauen? He? Wann hast du das letzte Mal mit einer Frau geschlafen? He? Nur noch fressen und schwitzen?«
»Ordinär und unreif, erstmal mußt du deine Ausdrucksweise in Griff kriegen, du dünner Bengel, du Knochengerüst... «
An dieser Stelle breche ich die Kommunikation mit mir in fünf Jahren ab. Ein ungeahnter Generationskonflikt scheint in mir zu toben. Wachgerufen durch den Prozeß der Transformation, in dem ich mich befinde, und ich leite schnell über zu einer ähnlichen Problematik, denn auch meine Sehstärke nimmt ab. Genausowenig wie ein Dünner sich in die Lage eines Dicken hineinversetzen kann (außer mir), kann sich ein Scharfsehender in die Lage eines Kurzsichtigen einfühlen. Es gab jedoch mal eine Zeit, da hatte ich noch keine Brille und noch nie eine besessen. ich war glücklich mit meiner Kurzsichtigkeit. Die Welt war verschwommen und schön. Manchmal saß ich stundenlang und schaute den Mädchen hinterher. Eine war schöner als die andere. Pickel hatte nur ich. Sie schauten mir alle in die Augen, und ich lächelte ihnen zu und sie mir. ich lernte viele Menschen kennen, weil ich wildfremde Leute auf der anderen Straßenseite grüßte. Als ich jedoch mal in der Dämmerung zu einer Straßenlaterne hinüberrief und auf ihr Stillschweigen und Stillstehen doch hinüberging, erst in der Mitte der Straße meinen Irrtum bemerkte, und weil es mir sehr peinlich war, gleich wieder umkehrte und fast in einen Fahrradfahrer lief, da beschloß ich, mir eine Brille zu kaufen.
Damals hatte ich auch ein Auto, eine rote Ente, und die liebte ich sehr. Durch die Führerscheinprüfung kam ich nur mit Glück. Bei den letzten beiden umgekippten E sagte ich »auf dem Kopf«, die Prüferin meinte: »Die stehen aber nach links!« Ich: »Das mein´ ich ja!« Das war wohl gefährlich für meine Umwelt, aber ich fuhr zwei Jahre unfallfrei, oder besser: Ich verfuhr mich zwei Jahre unfallfrei, denn ohne Beifahrer waren Straßenschilder für mich gelbe Flächen mit grauen Balken. Dann holte ich meine Brille vom Optiker.
Mittags fuhr ich mit meiner Ente auf einer sogenannten Panoramastraße, und ich konnte alles sehen. Unten die Stadt mit all ihren Schriftzügen und Details, in die ich mich vertiefte - die Welt war scharf und klar. Dann ein gewaltiger Schlag, meine Brille fiel mir von der Nase, mein Auto brach zusammen. Ich hatte eine Verkehrsinsel übersehen - Totalschaden. Das war vor vier Jahren. Seitdem habe ich kein Auto mehr, eine Brille, die ich manchmal aufsetze und eine Dioptrienzahl, die ständig zunimmt. In vier Jahren um 0,4. Hier handelt es sich jedoch um eine Exponentialfunktion, da ich nach den ersten drei Jahren nur 0,1 Dioptrien mehr hatte. ich komme also auf eine mathematische Formel von 25 plus x Jahre gleich 1,5 plus x im Quadrat Dioptrien. Ich glaube an die Mathematik. in fünf Jahren habe ich 26,5 Dioptrien und wiege 127 Kilo.
