Hinark Husen: Rudi
Seit zwei Monaten habe ich eine feste Stelle im Hortbereich einer Kindertagesstätte. Noch 420 Monate, dann gehe ich auf Rente und kaufe mir einen Rauhhaardackel. Das wäre dann im Jahre 2030. Ich weiß auch nicht warum, jedesmal wenn ich an die Rente denke, und das habe ich in den vergangenen zwei Monaten häufiger getan als in den letzten 29 Jahren, dann fällt mir dazu ein Rauhhaardackel ein. Man kann seinem Schicksal nicht entgehen. Eigentlich gefällt mir diese Hunderasse ja überhaupt nicht, aber irgendwie habe ich das unbestimmte Gefühl, mit 65 werde ich anders darüber denken. Naja, mit etwas Glück ist diese Hunderasse zu meinem Lebensabend hin ausgestorben, und ich kann dieser alptraumhaften Vorbestimmung doch noch entgehen. Hoffentlich.
»Guck mal, da geht Opa Hinark wieder mit seinem Rauhhaardackel Rudi spazieren. Das Tier ist das einzige was diesem Kauz noch geblieben ist. Man erzählt sich im Kiez, daß er das ganze Jahr über Weihnachtskarten bastelt. Nur in der Adventszeit, da bemalt er Ostereier, und jede Nacht vor dem ersten Mai macht er einen Laternenumzug zum Karstadt Leopoldplatz, stellt sich vor den Eingang und singt Sankt-Martins-Lieder.«
35 Jahre lang Kinder erziehen. Irgendwas bleibt immer hängen. In den letzten Monaten ist er ja vom Hort in die Krippengruppe versetzt worden. Die Leiterin meinte, bei den Dreijährigen würde der leichte Uringeruch seiner Inkontinenz-Windeln nicht so sehr auffallen.
Noch ist es ist nicht soweit. Aber die Reglementierungen des grauen Arbeitsalltages haben mich schon jetzt in ihren Klauen. U-Bahnhof Leopoldplatz, der 10.25 Uhr-Zug. Ich besteige den hintersten Waggon. Und tatsächlich, selbst nach zwei Monaten, jeden Tag der selbe Zug, derselbe Waggon, aber kein mir vertrautes Gesicht zu entdecken. ist das der kleine Rest an Überraschungsmomenten im Einerlei des Arbeitsrhythmus, oder ist es doch mehr die spannende Frage, ob ich am Mehringdamm nahtlos den Anschluß Richtung Rudow bekomme? Absolute Bedingung dafür, in der Karl-Marx-Straße um 10.53 Uhr auszusteigen und auf die Minute pünktlich in der Kita zu erscheinen. Vorbei die »cum tempores« der Uni-Tage.
Nun sind die Tage auch ohne Studium uni. Vorbei das Frühstück um halb drei, mit Ausnahme des Wochenendes natürlich, das in seiner Bedeutung für ein bißchen Sinnenfreude im Leben enorm gewonnen hat. Geschwafel allenthalben, ich geb ´s ja zu, aber was erwartet ihr von jemandem, der fünf Tage in der Woche Grundschülern beim Kampf mit dem Einmaleins hilfreich zur Seite steht und darauf bestehen muß, daß auch die 42 zur Siebenerreihe gehört. ja, die 42, die wird gerne vergessen, 6 mal die 7 gleich 42, eine der ungeschrieben schwierigsten Aufgaben, vor der ein Zweitklässler stehen kann, allenfalls noch in den Schatten gestellt durch die zur Verzweiflung bringende Existenz des Rucksack-S in der deutschen Orthographie, älteren Generationen eher als S-Zett oder scharfes S bekannt. Da meint man die ausgeschiedenen Streßhormone in den Schweißperlen auf der in Falten gelegten Stirnhaut präpubertierender türkischer Minimachos erkennen zu können.
Und was denkt der Erzieher in solchen Momenten der Anspannung? »Ob ich nach Feierabend noch kurz mal bei McDonalds reinschaue?« Oder: »Die Steuer frißt mich auf.« Zweiteres ist ein immerwiederkehrendes Motiv in meinen Hirnstrukturen. jetzt kann auch ich mich in den Chor der Aufstöhnenden einreihen und an jedem Stammtisch an den obligatorischen Waigel- und Seehofer-Verwünschungen teilnehmen. Nun bin ich kein dem Lotterleben fröhnender Student mehr. Schluß mit den linken Tagträumereien. Ab jetzt heiße ich »kleiner Mann« oder »Otto Normalverbraucher«, und daß diese beiden Bezeichnungen auch in zweifacher Hinsicht stichhaltig sind, sollte mich eigentlich nachdenklich stimmen. Zum einen bin ich mit meinen 173 cm wirklich nicht der Größte, zum anderen hat man mir zu meinem größten Erstaunen eine flüchtige Ähnlichkeit mit Gerd Fröbe schon des öfteren unterstellt. Wer den Zusammenhang zwischen Otto und Gerd nicht kennt, sollte sich mal von Wirtschaftswunder-Überlebenden aufklären lassen.
Wo bleibt das Positive, werden jetzt wahrscheinlich viele Arbeitnehmer mir zurufen wollen: die soziale Sicherheit beispielsweise, oder so etwas wie »Erfüllung im Beruf«.
Zu zweiterem kann ich zumindest folgende Begebenheit zum besten geben. Eine erfahrene Kollegin zitiert auf dem Spielplatz einen siebenjährigen türkischen jungen mit der Bemerkung »bei Fuß« zu sich. Vielleicht pädagogisch nicht ganz astrein, aber wer wollte von sich schon behaupten, er tue immer das Richtige. Der Junge versteht nicht, blickt fragend um sich. Die Kollegin wiederholt ihre Aufforderung in schärferem Tonfall: »Bei Fuß!« Dem Knirps ist klar, irgendetwas soll er machen, er weiß nur leider nicht, was.
Und dann passiert, was einem selbst in 35 Jahren nur einmal passiert: Der sichtlich imitierte Knabe macht einen extrem betroffenen Gesichtsausdruck und fällt auf die Knie. Was für ein Anblick! Krönung einer erzieherischen Karriere: die Verneigung der unbeleckten Jugend vor der wissenden, strengen, dennoch wohlwollenden Aufsicht des Alters.
Wir lassen ihn noch ein wenig in dieser Geste, dann wird er - sichtlich eingeschüchtert - wieder ins Spiel entlassen. Ist das die Erfüllung von 420 Monaten? Brauche ich dann noch einen Rauhaardackel?
