Manfred Maurenbrecher: Sommerzeit
Sommerzeit - eine blöde Idee... Gestern war es jetzt Sieben, heute ist es schon Acht... Wo soll die Stunde dazwischen denn hinverschwunden sein? Heutzutage ist man schon dankbar, wenn sich noch irgendwas gleichbleibt.
»Warum hörst du nicht mehr deinen Walkman?«, frage ich meine Tochter.
»Er ist kaputt«, sagt sie. - »Wie, kaputt?« - »Na, kaputt eben, Sense, Ende Banane.«
Ich mag nicht, wenn sie so spricht, aber noch weniger mag ich, wenn sie den Walkman hört; Walkman - das klingt, als säße ein fremder Kerl auf ihren Schultern. »Was geht das dich an«, sagt sie. Natürlich, heutzutage sagt jeder: »Was geht das dich an?« - Scheint eine Grußformel zu sein, wie in Friesland »moin Moin«, auch um Mitternacht...
»Man könnte ihn reparieren«, schlage ich vor; aber das käme teurer als ein neuer, ich weiß, ein noch besserer Schulterreiter mit noch schnellerer Musik in noch taubere Ohren.
»Das Geld dafür kriegst du jedenfalls nicht«, sage ich aber daran ist sie gewöhnt, und sie holt es sich trotzdem, von. ihrer Tante Edith oder von ihrem Nachhilfelehrer - heutzutage ist eine Zeit, da holt sich jeder, was er will, wenn er läßt, was er soll... Zum Beispiel mein Nachbar, eigentlich Industriekaufmann - seit seine Frau ihn verlassen hat, läuft der rum wie ein Steuerflüchtling in Monaco; ein Lärm jede Nacht, keine Ahnung, wen der da immer mit hochschleppt... Neulich treff ich ihn, und er erzählt mir, er hat gekündigt, will eine Surfschule aufmachen in Griechenland. Lieber Mann, heutzutage, wo man doch über jedes Fitzelchen eines festen Jobs dankbar sein müßte...
Meiner Tochter gefällt das natürlich. »Siehst du«, sagt sie - was kann ich dafür, daß so ein blöder Scheckkartenautomat meine Arbeit genauso tut - ich wär als Kassierer unschlagbar; ich halte den gleichen Tagesablauf durch wie vor der Entlassung, eigentlich wäre es jetzt sieben Uhr - in meinen Augen bin ich noch tätig. »Wo sind die 75 Pfennige, die fehlen seit deinem letzten Einkauf«, frage ich meine Tochter. »Groschen«, sagt sie und hat den gleichen verträumten Gesichtsausdruck drauf wie diese Wirtschaftskorrespondenten, wenn sie von ihren Optionen erzählen. »Dann ißt du eben nicht mit heute abend«, sag ich - aber daran ist sie gewöhnt. »Gehe ich zu Tante Edith«, sagt sie und zuckt die Achseln. Heutzutage zuckt jeder die Achseln - wie man in Bayern »Grüß Gott« sagt, genauso sinnlos.
Geht sie also zu ihrer Tante Edith - oh, meine Schwester, beste Haushaltsschülerin in Bethel im Jahrgang 67, die einen richtigen Unternehmer geheiratet hat damals, Spielwaren und Andenken, Zweithaus in Tirol... Dann das Unglück: Sie keine Kinder, er Konkurs, eine Geliebte in Ascona, und sie verläßt ihn... jetzt hat sie dieses Ulkkartengeschäft hier am Stadtrand, da ist nie einer drin, ein paar Arbeitslose vielleicht, ein paar Schulschwänzer, und meine Tochter natürlich, sooft sie frei hat.
»Du wirst noch all dein Zurückgelegtes verlieren«, sage ich, an meine Schwester gewandt, beim gemeinsamen Abendessen, aber da lachen sie beide. »Ich arbeite doch auf Konkurs«, kichert Edith, und meine Tochter sagt: »Siehst du ... «
Es gibt Momente, da könnte ich mich vergessen. Eigentlich seit meine Frau ihre Scheidung eingereicht hat, steckt das in mir drin´. Hab mir grad vorgestellt, es wär jetzt schon Zehn, Sommersommerzeit, oder Elf, Sommersommersommerzeit (irgendwann ist die Zeit dann verschluckt), und ich nehm eine leichte Reisetasche, steig in ein Taxi zum Flugplatz...
»Wo willst du hin«, fragt die Tochter, »heut ist doch Sonntag, und deine Trinkhalle hat noch nicht auf ... « »Ab zu den Malediven, da eine Surfschule aufmachen«, ruf ich mit unvorstellbar heiterer Stimme, »einmal wie alle sein!«
Aber da sagt sie: »Sei vorsichtig. Dieser Klimaumschwung putzt die paar Inselchen nämlich demnächst weg, hab ich gelesen. Also mir wäre das zu riskant.«
Und das hat sie von mir, denke ich. Alle Achtung.