Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 16/1995 Horst Evers: Neue Zukunftsfragmente
Artikelaktionen

Horst Evers: Neue Zukunftsfragmente

Heute: Sprechende Einkaufswagen, und der größte anzunehmende Zufall

Sprechende Einkaufswagen

Hmmmmmmhhhhmmmmm...- Der kleine sprechende Einkaufswagen rollte mit meinen Einkäufen neben mir her und brachte mir die Sachen nach Hause. »Isses noch weit? Isses noch weit?«

»Nein, Einkaufswagen, es ist nicht mehr weit.«

»Hmmmmhhhmmm... Soll ich was singen für den Weg? «

»Nein, nicht singen!«

»Hmmmmhhhmmmmmhhmmmm... isses noch weit?«

Der schwäbische Konstrukteur Kurt Wägli hatte es sicher gut gemeint, als er im Jahre 2083 den ersten eigenständig denken-, sprechen- und fahrenden Einkaufswagen erfunden hatte. Nachdem es den Wissenschaftlern einige Jahre vorher gelungen war, die selbstbestimmte künstliche Intelligenz bei Maschinen entscheidend zu verbessern und sogar die künstliche Emotion zu entwickeln, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die jeweiligen Mikrochips so klein und billig wurden, daß man jedes noch so nichtige Gerät damit ausstatten konnte. Jede Kaffeemaschine, jeder Toaster, jedes Brotmesser kann mittlerweile fühlen und sprechen. Besonders bei meiner Kaffeemaschine bereitet mir das manchmal Verdruß: »Aaaahhhh, jeden Tag dasselbe, immer nur dieser starke und billige schwarze Kaffee. Es wird der Tag kommen, da kann ich nich mehr und dann kannste mal sehen, wasse davon hast. Entkalken könnteste mich auch ruhig mal, äääääääähhhhhhh.«

Die Einkaufswagen haben natürlich nur eine ganz einfache Programmierung. Sie reicht gerade aus, damit sie ein paar Sätze sagen können, ein infantiles Gemüt entwickeln, die Einkäufe zum Kunden bringen und dann selbständig wieder zum Supermarkt zurückfahren.

»So Einkaufswagen, jetzt sind wir da.«

»Wir sind da. Wir sind da. Hmmmmmmmm...«

Ich entlud den Wagen und schickte ihn zum Supermarkt zurück.

»Nach Hause... Nach Hause... ich fahre nach Hause...«

Vorsichtshalber schaute ich ihm noch etwas nach, ob er sich auch nicht verläuft. Tatsächlich ist die Programmierung der meisten Einkaufswagen so billig, daß viele von ihnen nicht zum Supermarkt zurückfinden. In der ganzen Stadt wimmelt es mittlerweile von ziellos umherirrenden Einkaufswagen, die sich verlaufen haben und immer jämmerlicher »Nach Hause... Nach Hause« wimmern.

Dies ist tatsächlich ein echtes Problem, da sich der durchschnittliche Einkaufswagen nach zweimonatigem Herumirren einer der nun recht zahlreichen marodierenden Einkaufswagengangs anschließt. Über 35 Prozent aller Verbrechen in Großstädten werden mittlerweile von kriminellen Einkaufswagen verübt, seien es verwahrloste Einkaufswagenbanden oder psychopathische Einkaufswageneinzeltäter.

Daß es überhaupt soweit kommen konnte, verdanken wir natürlich allein der Erfindung der künstlichen Emotion für Maschinen, die ansonsten aber ein wirklicher Segen für die Menschheit war.

Als Ulla Kock am Brink und Margarete Schreinemakers, die Anfang der 90er Jahre fürs Fernsehn die künstliche, abrufbare Emotion erfunden hatten, nach ihrem Tod ihre Körper der Forschung zur Verfügung stellten, gelang es nämlich den Wissenschaftlern, aus ihren Darmtrakten eine seltene Schmierflüssigkeit zu gewinnen, mit deren Hilfe bald auch Maschinen echte Emotionen erfahren konnten.

Gravitationskraftwerke

Ich war kaum aufgestanden, als ein plötzlicher Ruck mich einen halben Meter hoch in die Luft beförderte und gleich darauf wieder zu Boden krachen ließ.

Das Gravitationskraftwerk hatte offensichtlich wieder einen Aussetzer gehabt. Sämtliche Großstädte werden längst von riesigen unterirdischen Gravitationskraftwerken versorgt. Diese Kraftwerke verwandeln einfach die natürliche Erdanziehungskaft in freie Energie. Wie das genau funktioniert, ist auch heute, im Jahr 2097, noch nicht richtig erforscht. Eine brillante Werbestrategie der Gravitationsstromindustrie, mit dem bemerkenswerten Slogan Erdanziehungsstrom, oh, oh, wenn das man gut geht, überzeugte allerdings die Verbraucher, daß hier selbstkritische, sich den Gefahren durchaus bewußte Energieerzeuger am Werk sind, die nix beschönigen wollen, und denen man deshalb vertrauen kann.

Auf alle Fälle ist es eine saubere, natürliche, nie versiegende Energieressource. Wenn etwas so gut ist, muß man das auch gar nicht so bis ins kleinste Detail genau verstehen, sagen die Betreiber.

Noch am Ende des 20. Jahrhunderts interessierte sich kaum ein Wissenschaftler für die Erforschung der Geheimnisse der Gravitationslehre. Stattdessen widmeten sie sich so unnützem Zeug wie der Gentechnologie, der Atomphysik oder gesunder Ernährung. Alles drei Forschungsgebiete, auf denen junge, zu ehrgeizige Wissenschaftler manches mal mit dem Untergang der gesamten menschlichen Zivilisation gespielt haben. Von der Atomkraft spricht man heute höchstens noch am Jahres- und Gedenktag der Auha, kaputter Castor-Katastrophe von 2002, als der damalige Umweltminister der grünen Partei Dänemarks, Jürgen W. Möllemann, im Wahlkampf mit dem Fallschirm auf einem gefällten Castor-Behälter landen wollte, um dessen Unzerstörbarkeit zu beweisen. Der Fallschirm öffnete sich jedoch nicht, und Möllemann krachte mit voller Wucht durch den Castor hindurch, einen halben Meter tief in die Erde. Ihm selbst ist dabei übrigens verblüffenderweise nichts passiert.

Die Entwicklung der Gentechnologie wird seit den Gulp-Schleusen als »eigentlich soweit fertich« angesehen, und die Ernährungswissenschaft hat seit dem Osnabrücker Manifest von 2047 (»Aber wenn´s uns doch numal so gut schmeckt«) keine Argumente mehr. Auch mit der Gravitationsenergie ging natürlich nicht immer alles glatt. Während der Testphasen des ersten großen deutschen Erdanziehungskraftwerkes, unterhalb des Berliner Stadtteils Große Grube, der früher einmal Tempelhof geheißen hatte, wurde die Erdanziehung für kurze Zeit gänzlich aufgehoben, wodurch sich Tempelhof komplett aus der Erdkruste löste und förmlich ins Weltall hinauskatapultiert wurde. Durch alle Umlaufbahnen hindurch jagte damals ganz Tempelhof aus dem Orbit unseres Planeten heraus und segelt heute komplett ziellos durchs Weltall. Warum der Riß in der Erdkruste damals aber auch haargenau entlang der Stadtteilgrenze Tempelhofs verlief, ist immer noch ungeklärt.

Man hält es durchaus für möglich, daß das trudelnde Tempelhof, weit, weit von der Erde entfernt, eines Tages auf eine außerirdische Zivilisation trifft. Viele Wissenschaftler machen sich deshalb große Sorgen, was die Außerirdischen wohl von unserer menschlichen Zivilisation halten werden, wenn sie diese ausgerechnet durch Tempelhof und die zu analysierenden Gehirnströme seiner Einwohner kennenlernen. Vom wohl berühmtesten Astrophysiker unserer Zeit, dem Schweden Sten Stxnboegssen stammt hierzu der Satz: »Sie lachen über uns, die Außerirdischen lachen über uns, das ganze Universum lacht über uns, ausgerechnet Tempelhof, sie lachen über uns...«

Der größte anzunehmende Zufall

Am 23. Oktober 2027 um punkt 7 Uhr 43 ereignete sich in Berlin der bisher gewaltigste Größte Anzunehmende Zufall, der sogenannte Super-GAZ, als mitten in der Hauptberufsverkehrszeit alle 850000 Autofahrer und Autofahrerinnen der Sechsmillionenstadt in ein und derselben Sekunde einen Unfall hatten. Die Wahrscheinlichkeitsmathematiker waren verzweifelt und erklärten in ihrer Not, daß ein solcher Zufall so dermaßen unwahrscheinlich ist, daß, wenn er doch passiert, man ihn am besten einfach ignoriert. So einfach jedoch war das nicht. Immerhin standen jetzt 850000 kaputte Autos in Berlin rum und blockierten sämtliche Straßen und Zufahrtswege.

Die Berliner ertrugen die ganze Situation natürlich mit ihrem längst sprichwörtlichen typischen Berliner Humor, über den ja nirgendwo anders in der ganzen Welt soviel gelacht wird wie in Berlin. insgesamt dauerte es fast dreieinhalb Jahre, bis Abschleppwagen aus dem Umland die Stadt wieder freigeräumt hatten. Da während dieser Zeit auch all die großen LKWs mit den Lebensmitteln für Berlin nicht in die Stadt konnten, richtete man wieder eine Luftbrücke ein, und die Bewohner ernährten sich erneut, wie schon annodazumal bei der ersten großen Blockade die Westberliner, drei Jahre lang ausschließlich von Rosinen. Was man ihnen heute auch noch ein wenig anmerkt.

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 16
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Birnen, Bohnen, Speck
Horst Evers: Am Fenster Bov Bjerg: Reinhard Furrer zum Gedenken Falko Hennig: China Michael Stein: Was sozial Sinnvolles Ahne: Morgens, Politik Funny van Dannen: Der Wind Hans Duschke: Zwölfmal aufs Maul Sarah Schmidt: PMS Ahne: Ich bin gut Helmut Höge: Urban Country-Tales Hans Duschke: Verliebt Michael Stein: Mike Hummer Andreas Scheffler: Autobiographische Schriften Jürgen Witte: Aussterbende Produkte Andreas Koch: Mit oder ohne? Hinak Husen: Rudi Manfred Maurenbrecher: Sommerzeit Funny van Dannen: Neptun-Design Horst Evers: Neue Zukunftsfragmente Hans Duschke: Vier Monologe für Schauspielschüler Bov Bjerg: Bürger beobachten die Feuerwehr Andreas Scheffler: Bei uns im Haus Sven Poser: Müller noch vor Aids Bov Bjerg: Sketche ohne Hand und Fuß
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XVIII
Was die anderen schreiben
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: