Hans Duschke: Vier Monologe für Schauspielschüler
I. Acht Jahre Armut
Wenn du mein Leben so gut kennen würdest wie ich, dann wüßtest du, daß es021 so nicht weitergehen kann. Deshalb hab ich jetzt beschlossen, Millionär zu werden.
Es gibt so viele Leute, die zum Beispiel berufstätig sind, die wissen überhaupt nicht, wohin mit ihrer Kohle, von denen hol ich´s mir, die geben gern. jahrelang hab ich gelebt wie die Dritte Welt, damit ist jetzt Schluß. jetzt werd´ ich so, wie dieses Land ist: Reich. Mit allem, was dazugehört.
Seit meiner esoterischen Erfahrung weiß ich: Reich werden ist eine Sache der inneren Einstellung. Bis heute habe ich das Geld nicht am meisten geliebt. Damit ist jetzt Schluß.
»Und wozu willst du es?«, höre ich dich fragen, doch es gibt keine Antwort auf eine Frage, die falsch gestellt ist. Ich will es nur haben, haben, haben. Ich will mehr. Das ist meine Entscheidung. Sie wird mein Leben verändern. Perspektivisch möchte ich mich schon mal von euch verabschieden, denn ich nehme niemanden mit.
Und: Wenn du mein Leben so gut kennen würdest wie ich, dann wüßtest du, daß es so nicht weitergehen kann.
II. Der Reaktionär
Wenn ich den Joghurt ausgelöffelt habe, dann spüle ich den Becher nicht ab, um ihn in die Gelbe Tonne zu werfen. Leere Dosen wandern in den Haushaltsmüll; ich boykottiere das Duale System.
Es gibt Menschen, die sich vegetarische Paste aus dem Bioladen (sieht aus wie Dünnschiß nach einem indischen Essen) auf ihr Vollkornbrot schmieren. Da schüttle ich den Kopf. (Um es einmal vorsichtig auszudrücken.)
Ich habe noch niemals in meinem Leben in ein Funktelefon gesprochen. Absichtlich. ich habe in meinem Leben noch kein elektrisches Gerät mit Fernbedienung besessen und habe auch nicht vor, mir so etwas anzuschaffen. ich bin noch nie auf dem Internet gesurft. Ich wüßte auch nicht, warum.
Als ich von der Techno-Party gehört habe, die deutsche Jugendliche an der kroatischen Adriaküste veranstaltet haben (Motto: Love, Peace & Unity), da dachte ich: »Arbeitslager: Das ist vielleicht doch keine so schlechte Idee!«
Ich bin dafür, daß in der Schule wieder mehr Gedichte auswendig gelernt werden.
Studenten, die mehr als einmal im Jahr in Urlaub fahren, haben zuviel Geld.
III. Der Massenmörder
»Wenn Blicke töten könnten... « - Diese Redewendung hat mich schon als Kind fasziniert. Es gab Nachmittage, an denen ich durch die Fußgängerzone ging, einen vollkommen Unbekannten anschaute und blinzelte - der war dann tot. Hunderte hab ich so umgebracht, vielleicht Tausende. Mittlerweile trage ich eine Sonnenbrille.
IV. Der Familienvater
Wie das schon klingt. Doch dann: Frau und Kind, das ist möglicherweise die einzige Rettung. Eine Familie gründen. Gemeinsam alt werden. Ein Haus bauen. Einen Baum pflanzen. Ein Kind zeugen.
Ich will jemanden fragen, ohne alle Ironie: »Du, wollen wir nicht zusammen alt werden? Willst du nicht die nächsten 20 bis 50 Jahre mit mir verbringen? In guten wie in schlechten Zeiten?« Und du sagst »ja«. Und die Welt soll wissen, daß wir ein Paar sind.
Denn wenn du mein Leben so gut kennen würdest wie ich, dann wußtest du, daß es so nicht weitergehen kann.
