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Bov Bjerg: Bürger beobachten die Feuerwehr

Sarah hat mir eine Musik-Kassette mit den Lassie-Singers drauf geschenkt, und jetzt läuft die bei mir zuhause die ganze Zeit, bis ich sie auswendig kann, denn wenn ich nicht aus dem Stand jede Zeile zuende singen kann, die Sarah anfängt, wirft mir Sarah wieder vor, ich würde die Kassette, die sie mir »ja geschenkt« hat, »eh nie« hören, und somit auf ewig »ein musikalischer Volltrottel« bleiben1. So kommt es, daß ich, quasi ohne es zu wissen, die Straße lang laufe und halblaut vor mich hin singe: Leben in der Bar. Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Verliebt bin ich sowieso, ich sag. Mikrokosmos ha-hallo ...2 Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch Leben in der Bahn heißt. Das würde ich schöner finden. Da sieht man wenigstens was von der Welt. (»Wärst du lieber taub oder lieber blind?« Lieber taub. Bleib ich eben ein musikalischer Volltrottel.)

Ich also leise singend auf der einen Seite der Straße, da gewahre ich auf der andern Straßenseite einen Notarztwagen. Und ein mittelgroßes Feuerwehrauto. Eine blonde Frau und zwei Feuerwehrmänner gestikulieren auf einem Balkon im dritten Stock, sie zeigen auf den Balkon über ihnen. Dort ist die Jalousie runtergelassen. Verdunkelte Wohnungen geben Anlaß zu bösen Ahnungen, vor allem, wenn daraus womöglich Gas- oder gar Verwesungsgeruch dringt. Die blonde Frau raucht nervös. Ich glaube, ich würde auch nervös rauchen, wenn über mir der Nachbar in seiner Wohnung verwest. Auf dem Gehsteig hantiert ein Feuerwehrmann mit einer Bergsteigerausrüstung. Ich setze mich auf eine Bank, ein orangefarbener Straßenkehrer stellt sein orangefarbenes Wägelchen ab und gesellt sich zu mir. Gemeinsam harren wir der Sensation, die sich da abzeichnet: Ein Feuerwehrmann, der die Fassade hochklettert! Der Straßenkehrer, obwohl er mir an Lebenserfahrung sicher weit voraus ist, spricht aus, was auch mich bewegt: »Det haste noch nich jesehn!« Ein grünweißer Bullen-Bulli rollt heran, der Fahrer steigt aus, setzt seine Mütze auf, nimmt Haltung an und schreitet ins Haus. Der Bullen-Bulli bleibt ohne Bulle zurück und wartet vor der Tür, ganz treu. Wuff, wuffl Für den Fall, daß die Leiche weiblich ist, steht eine Feuerwehrfrau bereit. So langsam brauch ich ein Synonym für Feuerwehr.

Während der Straßenkehrer und ich dasitzen, nachdenklich schweigen und ziemlich konzentriert rauchen, haben die Retter, Löscher, Berger, Schützer keine Eile, die Leiche endlich ins Kühlhaus zu bringen. Sie albern rum und machen Faxen, mittendrin die Feuerwehrfrau. Wie auf dem Schulhof in der großen Pause. Die Bergsteigerausrüstung liegt schon lange auf dem Radweg rum, um dort einen potentiellen Unfallschwerpunkt zu bilden, da kommt ein roter Lastzug mit Hebebühne. Feiglinge. Die Balkontür wird eingeschlagen, der Feuerwehrmann macht beim Durchsteigen die Jalousie kaputt, und, wenig später kommen die blonde Frau und der Polizist aus dem Haus, in ihrer Mitte die Leiche.

Die Leiche hat ein blasses, trauriges Gesicht und ist ganz wacklig auf den Beinen. Sie steigt in den Notarztwagen, der fährt weg. Der Hubsteiger fährt auch weg, dann der Bullen-Bulli, schließlich das mittelgroße Feuerwehrauto. Da erscheint. auf dem Balkon im dritten Stock ganz überraschend wieder ein Feuerwehrmann. Der Straßenkehrer: »Hammse vergessen. Fährt wohl mit´n Bus zurück zur Wache.« Schön, daß alles nochmal gut ausgegangen ist.

Etwas erschöpft vom Zugucken, aber optimistisch gestimmt, setze ich meinen Weg fort, zwischen den Lippen die Zeilen Leben in der Bar. Schlafen kann ich, wenn ich tot bin beziehungsweise We all live in a yellow submarine. Als ich am U-Bahnhof ankomme, ist das Medley schon fast perfekt. Ihr werdet euch alle noch wundern!


1) Dabei weiß sie genau, daß ich durchaus noch eine weitere Kassette besitze, nämlich Beatles 1962-66, bei deren Abspielen ich mich allerdings direkt vor die Boxen stellen muß, da sie so laut quietscht, daß ich andernfalls nichts mehr von der schönen Beatles-Musik hören kann.

2) Leider ist der schönste Satz darin, »Schlafen kann ich, wenn ich tot bin" vom viel zufrüh verstorbenen Maurenbrecher-Double Faßbinder (»Angst essen Brigitte Mira auf«) geklaut bzw. geliehen.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 16
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Birnen, Bohnen, Speck
Horst Evers: Am Fenster Bov Bjerg: Reinhard Furrer zum Gedenken Falko Hennig: China Michael Stein: Was sozial Sinnvolles Ahne: Morgens, Politik Funny van Dannen: Der Wind Hans Duschke: Zwölfmal aufs Maul Sarah Schmidt: PMS Ahne: Ich bin gut Helmut Höge: Urban Country-Tales Hans Duschke: Verliebt Michael Stein: Mike Hummer Andreas Scheffler: Autobiographische Schriften Jürgen Witte: Aussterbende Produkte Andreas Koch: Mit oder ohne? Hinak Husen: Rudi Manfred Maurenbrecher: Sommerzeit Funny van Dannen: Neptun-Design Horst Evers: Neue Zukunftsfragmente Hans Duschke: Vier Monologe für Schauspielschüler Bov Bjerg: Bürger beobachten die Feuerwehr Andreas Scheffler: Bei uns im Haus Sven Poser: Müller noch vor Aids Bov Bjerg: Sketche ohne Hand und Fuß
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XVIII
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