Sven Poser: Müller noch vor Aids
Wie Müller zur häufigsten Todesursache (noch vor AIDS) wurde
Von Haus aus war Müller Schutzgelderpresser. Er konnte zwei und zwei zusammenzählen und wußte schon mit sechzehn, wie man mit einem einzigen Handgriff einen Finger brechen kann.
Erst als eines Tages ein Kunde - ein Kioskbesitzer, dessen Name nicht überliefert ist - das Schutzgeld nicht mehr zahlen mochte, wurde Müller zum Mörder. Nie hätte er von sich anzunehmen gewagt, daß er einen Menschen vom Leben zum Tode befördern könnte, doch als es soweit war, da ging ihm das Töten leicht und flüssig von der Hand. Überdies ergab sich schon wenig später für Müller die Gelegenheit, aus dem Brunnen der neuen Erfahrung zu schöpfen. Zufällig waren zwei Rentnerinnen just in den Sekunden an dem Kiosk vorüber geschlendert, als Müller den Besitzer mit einer zusammengerollten Illustrierten erstickte.
Natürlich war es für den frischgebackenen Mörder ein leichtes, die alten Damen nicht nur einzuholen, sondern auch durch gezielte Tritte in Gesicht und Unterleib für immer zum Schweigen zu bringen. Und da Müller gerade in Fahrt und nebenbei auch auf den Geschmack gekommen war, warf er noch rasch eine Handgranate, mit der er für gewöhnlich seinen Drohungen gegen Berliner Kioskbesitzer Nachdruck verlieh, in eine kleine Schar minderjähriger Straßenfußballer, die ihn bei seinem unorthodoxen Treiben beobachtet hatten.
Bedauerlicherweise bog im selben Moment ein vollbesetzter Bus um die Ecke, so daß 85 japanische Touristen sowohl den Granatenwurf als auch die anschließende Explosion aus nächster Nähe verfolgen konnten. Da Müller keine zweite Handgranate bei sich führte, blieb ihm nichts anderes übrig, als die 85 Japaner in ihrem Hotel zu stellen. Obwohl er die ganze Nacht hindurch schuftete und rackerte, mußte ihm mindestens ein Mitwisser durch die Lappen gegangen sein. Anders ließ sich nicht erklären, wie ein verblüffend ähnliches Phantombild von Müller auf die Titelseiten der Morgenzeitungen geraten war.
Müller indes zeigte sich durch diese neue Entwicklung keineswegs entmutigt. Gleich nach dem Frühstück machte er sich an die Arbeit. Den frühen Vormittag verbrachte er damit, Molotow-Cocktails in sämtliche Redaktionen der Stadt zu schleudern und anschließend mit einem gezielten Sperrfeuer dafür zu sorgen, daß auch wirklich niemand entkam. Anschließend nahm er sich die Zeitschriftenläden vor. Straßenzug für Straßenzug, Viertel für Viertel liquidierte er jeden Kiosk, in dessen Auslage sein Konterfei prangte, und zersiebte im Vorübergehen alle Passanten, die eine Morgenzeitung unter dem Arm trugen, und selbstverständlich auch alle Zeugen, die ihn bei der Liquidierung der Kioske und Passanten beobachtet hatten. Gegen vierzehn Uhr wähnte sich Müller bereits auf der Zielgeraden - er stach gerade auf zwei schwindsüchtige Berber ein, die ihn mit verdächtigen Blicken gemustert hatten -, als er von dem Starreporter einer landesweit operierenden Fernsehanstalt darüber aufgeklärt wurde, daß man seine »Überreaktionen« mit nicht weniger als zehn Kameras simultan erfaßt und darüber hinaus live ausgestrahlt hatte.
Diese Eröffnung brachte Müller zwar tatsächlich aus dem Tritt. Doch am Ende siegte sein fröhliches Naturell, die bleierne Müdigkeit, die sich seiner zu bemächtigen drohte, fiel schon nach wenigen Augenblicken wieder von ihm ab, mit einem knappen Achselzucken fügte sich Müller in sein Schicksal. Nachdem er dem Reporter der landesweit operierenden Fernsehanstalt den anstaltseignen Mikrofongalgen zu schmecken gegeben hatte, setzte er seinen Siegeszug fort. Auch die GSG 9 und selbst der Einsatz von Luft-Boden-Raketen konnten nicht verhindern, daß Müller noch vor Mitternacht zur häufigsten Todesursache (noch vor Aids) aufstieg. Bereits am nächsten Tag mußte der eilends verhängte Ausnahmezustand aus Mangel an Kräften, die ihn hätten durchsetzen können, wieder abgeblasen werden. Noch eine ganze Woche ging ins Land, ehe sich die verbliebenen Großmächte dazu durchrangen, Müller den Krieg zu erklären, doch da war es für erfolgversprechende Abwehrmaßnahmen natürlich schon zu spät.