Bov Bjerg: Sketche ohne Hand und Fuß
Der sprechende Komposthaufen
»Herr...«
»Ja, Herr ist schon in Ordnung.«
»Herr ... als Komposthaufen, der sprechen kann, haben Sie es sicher schwer. Ich sage nur, Alice Miller. Das Drama des begabten Kindes usw. Haben Sie eigentlich Freunde unter Ihresgleichen?«
»Ja, schon. Ich habe schon Freunde. Hauptsächlich in der Nachbarschaft, weil, ich bin ja auf die Schubkarre angewiesen. Meine Freunde, gut, die können nicht sprechen. Aber andererseits können sie mich auch nicht verstehen, und, naja, von daher begegnen wir uns dann schon sozusagen von gleich zu gleich.«
»Sie haben eine ungewöhnliche Passion ... Verraten Sie´s uns.«
»Ich synchronisiere leidenschaftlich gern Filme.«
»Sie synchronisieren Komposthaufen.«
»Ja, also ich bin, wenn ich das mal ohne Überheblichkeit so sagen darf, der Christian Brückner unter den Komposthaufen.«
»Was Brückner für Robert de Niro ist, das sind Sie für die ausländischen Komposthaufen.«
»Ja, genau, also wenn zum Beispiel jetzt das ZDF einen Film eingekauft hat in den USA, oder eine ganze Serie, und da spielt ein sprechender Komposthaufen mit, dann ruft man mich an. Damit ich den synchronisiere, ja.«
»Wieviele ausländische Filme mit sprechenden Komposthaufen gibt es denn so?«
»Naja, nicht sooo viele.«
»Aber man kann sagen, daß sprechende Komposthaufen im ausländischen Film eine weitaus größere Rolle spielen als im deutschen Film.«
»Eigentlich nicht. In den meisten Ländern sind sprechende Komposthaufen ähnlich tabu wie in Deutschland.«
»Hängt das mit der Religion zusammen, daß also das Christentum da besonders prüde...«
»Jaja, das ist sicher, was die USA angeht, der Calvinismus, der ja auch in Hollywood eine große Rolle spielt Hollywood liegt ja in den Vereinigten Staaten, und der Calvinismus, wie wir wissen...«
»Wie sieht es in Südamerika aus? Oder in Italien? Sind die Katholiken... Sie sind katholisch?«
»Ich bin in einem bayrischen Dorf großgeworden, ja. Aber Komposthaufen, die sprechen, sind überall tabu. Ich hab da mal nen Zweizeiler drübergemacht. Ob Chinesen, Amis, Iren den Kompost, den will keiner hören.«
»Hören? Das reimt sich gar nicht.«
»Ach so, ja, Irland heißt bei uns Örland. Und Iren heißen ören.«
»Und was heißt hören in Ihrem Dialekt?«
»Hören? - Hiren:
Ob Chinesen, Amis, Ören den Kompost, den will keiner hiren.
Es reimt sich auch in meiner Sprache nicht. Es soll sich gar nicht reimen.«
Warum lege ich einem Komposthaufen dieses Gedicht in den Mund? Ein Gedicht, das sich noch nicht mal reimt, das formal und inhaltlich so überflüssig ist wie ein Kropf. Meine Oma hatte einen Kropf. Und was für einen! Möchte ich meine Oma wieder zum Leben erwecken, indem ich Sachen schreibe, die überflüssig sind wie ein Kropf? Ist das die Krise? Hans und Bov und auch Luise, alle stecken in der Krise. Ich kenne gar keine Luise. Wieder ein Gedicht für Oma,
»Was war denn der letzte Film, den Sie synchronisiert haben?«
»Das war... das war... das ist schon lange her... dieser eine da aus... - ne, doch nicht, Also wissen Sie, eigentlich ist das ja auch mehr so ´ne Schwärmerei von mir. Das heißt, also ich würde sehr gern mal...«
»Sie haben noch nie synchronisiert?«
»Na, wie denn?! Es gibt doch überhaupt keine Filme, wo ein sprechender Komposthaufen mitspielt. Wir kommen doch praktisch überhaupt nicht vor im Film. In der ganzen Kunst nicht! Kennen Sie ein Gemälde mit einem sprechenden Komposthaufen drauf. Na also! Das ist ja das Schlimme! Thomas Mann und Goethe.- Einen Haufen Mist schreiben, aber sprechende Komposthaufen totschweigen! Als ob´s uns überhaupt nicht gibt!«
»Ein Komposthaufen, der spricht. Eine Idee, die so überflüssig ist wie ein Kropf. Ist das jetzt eine Allegorie? Bin nicht ich selbst der Komposthaufen? Ist mein ganzes Leben ein Leben für meine Oma?«
***
Schnitt. Hans hebt seinen Kopf und brüllt: »In der Krise! Die sind alle in der Krise!« Falko hebt seinen Kopf: »In der Krise? Kenn ick jar nich. Die sin´ alle in der Krise? Komm, da gehn wer auch noch hin. Nur auf ein Bier. Auf ein Bier noch in die Krise.«
In solchen Zuständen schreibe ich nicht immer, aber immer öfter ein Gedicht. Eins geht so:
Wenn´s mir schlecht geht, denk ich
dran,
wie ich das jetzt ändern kann.
Immer gibt´s zwei Möglichkeiten:
Die erste wäre, Sport zu treiben.
Nicht auf Leistung, mehr so Breiten-:
Mit Federball und Frisbeescheiben.
Die zweite wär, ich häng mich auf.
Aber bringt mich das besser drauf?
Zwar hamm dann die andern
nicht mehr viel zu lachen.
- Bloß, ich krieg´s nicht mehr mit.
Das ist (neben andern Sachen)
das Blöde an so´m Suizid.
Bis mir einfällt: Gar nicht wahr.
Ich muß nicht zwischen diesen beiden
Möglichkeiten nicht entscheiden.
Ich kann auch keins von beidem tun.
So laß ich beides sein, und nun
geht´s mir wieder wunderbar.
Horst, als ich ihm dieses Gedicht vorgelesen habe, hat mir angeboten, sich Sorgen um mich zu machen. Ich habe das Angebot dankend abgelehnt, denn für seine Sorgen möchte ich nicht auch noch sorgen.
Gerade nach solchen flauen Wortwitzen ist mir danach zumute, in der ungefegten Wohnung barfuß auf und ab zu gehen. Das Gefühl, den Tschernobyl-Staub von anno ´86 an den Füßen zu haben, kann mir kein Nesselhemd geben. Und anschließend aufräumen, dann Geschirr spülen. Das dritte Mal heute. Also gleich wieder lecker kochen, damit ich wieder was spülen kann. Allgemeine Säuberung.
Manchmal denke ich, also Stalin: Ob er diese ganzen Säuberungen nicht einfach deshalb gemacht hat, weil er schlecht drauf war?
Ich möchte, daß ihr alle am Ende dieses Beitrages ein bißchen schweigt und an eure Großmutter denkt.
